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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Gibt es Kinder, die ganz wenig schreien?

Es ist bekannt, dass Babys bei Naturvölkern weniger weinen. Diese Babys, die meist am Körper getragen werden, wachen auf, wenn sie Hunger bekommen, weinen kurz, und wenn nichts passiert, machen sie die Augen wieder zu und schlafen erst einmal kurz weiter. Ein Baby muss nicht die Nächte durchschreien, um Sprache zu lernen, nicht die Menge macht es.

Ist das frühe Lautieren eher ein Lernen oder ein Spielen?

Das hat viel mit Spielen zu tun. Gerade das typische stimmliche Interagieren mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson ist für Babys eine äußerst freudvolle Erfahrung und zugleich Spiel. Das spätere Silbenbabbeln kommt interessanterweise oft gerade nicht in der direkten Interaktion. Es erinnert eher an spielerische Selbstgespräche. Wenn sie genug geübt haben, erstaunen die Babys die Umgebung durch Silbenkombinationen, die dann oft wie „Mama“, „Papa“ oder „ba-ba“ interpretiert werden. Man muss sich das einmal wirklich bewusst machen: Nach drei Monaten sind unsere Nachkommen schon in der Lage, neben einem riesigen Repertoire an Melodie und Rhythmik Vokale mit Konsonanten zu verbinden und einen Monat später klingt das schon silbenartig und noch einen Monat später „versteht“ man es schon. Deswegen sind wir der Meinung, dass das, was wir bei den Babys beobachten, nicht nur einfache Imitation ist, sondern dass es eine enge Interaktion zwischen genetischen Faktoren und Lernmechanismen geben muss.

Schreien Jungen im Babyalter erkennbar anders als Mädchen?

Im Durchschnitt ja, wie eine gemeinsame Forschung mit dem Hormonforscher Volker Hesse in Berlin gezeigt hat. Die Sexualhormone spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie wirken auf die Gehirnorganisation und -funktion bereits im Uterus und dann nochmal in den ersten Monaten nach der Geburt. Diese Zeit nennt man sogar Minipubertät, weil die Menge der Sexualhormonausschüttung der der späteren Pubertät ähnelt. Interessanterweise wird bei Jungen die Testosteron-Produktion derart angeheizt, dass sie zum Teil Werte von erwachsenen Männern erreicht. Beide Geschlechter haben erhöhte Östradiol-Werte, Mädchen etwas höhere als Jungen. Die höchsten Werte findet man zwischen dem ersten und dritten Monat postnatal, danach fallen die Hormonkonzentrationen im Serum ab, im sechsten Monat ist das Phänomen so gut wie verschwunden. Mädchen, die mit vier Wochen viel Östradiol im Serum hatten, zeigten komplexere Melodiemuster in ihrem Weinen und artikulierten auch mit fünf Monaten mehr, wie Anja Quast, eine Doktorandin am Zentrum in ihrer Dissertation zeigen konnte. Also im Durchschnitt weinen Mädchen mit zwei Monaten melodisch modulierter und babbeln mit fünf Monaten auch besser.

Was könnte man im Umgang mit schreienden Babys noch - ein furchtbares Wort – optimieren, oder soll man sie in dieser Phase in Ruhe lassen? Man kann Babys heute ja fast unendlich Input geben.

Sie brauchen zunächst Körpernähe, gut ist, wenn sie den Herzschlag hören. Sie brauchen die stimmliche Kommunikation: Singen und Reden. Je mehr man mit ihnen stimmlich interagiert, desto entspannter sind sie und desto besser werden sie daher auch selber in die Sprache kommen. Alles, was man eigentlich schon lange weiß. Nur bitte keine künstliche akustische Extra-Stimulationen! Wir können es damit in der Regel nur falsch machen. Etwas anderes ist es natürlich bei Risikokindern, die eine angeborene Hörschädigung oder eine andere Entwicklungsstörung haben. Dort können wir versuchen, den Spielraum, den die Genetik zulässt, wirklich auszureizen. Da können wir, wenn wir die Zusammenhänge gut verstanden haben, gezielt einwirken.

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