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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Da sehen Sie auch eine Spur der früheren Gänge. Probieren Sie es selbst bei Gelegenheit einmal aus, wenn Sie in Ihrem Bekanntenkreis Babys haben, und Sie mutig genug sind: Wenn das Baby anfängt zu weinen, sprechen Sie nicht mit ihm und sagen Sie nicht „Hallooo“, sondern lautieren Sie mit freundlichen Glissandi, einer Art Heulen. Sie und alle Anwesenden werden erstaunt sein, wie das Baby auf Sie reagiert, aufhört zu weinen und fasziniert schaut. Wenn Sie ein Baby mit richtig schöner Frequenzmodulation ansingen, dann reagiert es fasziniert. Eine vergleichbar starke Reaktion bekommen Sie durch Sprechen selten hin.

Wie ist aus Ihrer Sicht die Ferber-Methode einzuschätzen, die in Büchern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ vertreten wird? Hier soll Kleinkindern ja beigebracht werden, sich selbst beim Schreien zu beruhigen.

Ich tue mich damit schwer. Wenn man in der Höhlenzeit ein Kind hat schreien lassen, musste es verstehen: Ich bin verlassen, der Wolf kann mich holen. Natürlich kann man das möglicherweise abtrainieren, das hängt vom Alter ab, irgendwann schläft das Kind schon vor Ermüdung ein. Also ich würde es nicht tun. Es mag wirken, aber es wirken auch andere Dinge. Ich glaube, dass wir die Kleinen maßlos unterschätzen - darin, was sie empfinden, was sie verstehen.

Wenn Sie irgendwo ein Baby hören – was hören Sie über ein intuitives Verständnis hinaus?

Ich höre, ob es emotional gut gestimmt ist. Ich schätze gern, nur hörend, wie alt das Baby nach seinen Melodiemustern ungefähr sein könnte; wenn ich es dann auch sehe, überprüfe ich meine Schätzung – sehr oft liege ich dabei richtig. Natürlich fällt mir auch auf, wenn es eigenartig klingt.

Bei wie vielen Prozent der Babys gibt es eigentlich Spracherwerbsstörungen?

Das weiß niemand genau. Das ist auch je nach Ursache der Störung unterschiedlich. Bei den spezifischen Spracherwerbsstörungen geht man von etwa fünf bis sieben Prozent eines Jahrganges aus. Man müsste dazu Kohortenstudien durchführen, die aber aufwendig sind und viel Geld kosten. Es wäre für ein besseres Verständnis zum Spracherwerb notwendig, Längsschnittuntersuchungen zumindest einer Geburtskohorte vom Schreien über die ersten artikulierten Laute, das Silbenbabbeln bis hin zur Wortproduktion durchzuführen. Niemand auf der Welt hat das bisher gemacht. Ich würde das sehr gern angehen, dafür bräuchten wir aber ungefähr eine Million Euro. Und versuchen Sie mal, von jemandem eine Million dafür zu bekommen, dass sie sagen: Ich möchte bei tausend Babys das Weinen, Gurren und Babbeln aufzeichnen, um Prädiktoren für die späteren Sprachleistungen zu finden oder unser Verständnis darüber zu erweitern, wie der Mensch zur Lautsprache kam. Schon mit weniger anspruchsvollen Babylautprojekten ist es schwierig, Mittel von den öffentlichen Förderinstrumentarien zu bekommen. Bei unserer eigenen Art tappen wir faktisch bei der vorsprachlichen Lautproduktion im Babyalter im Dunkeln! Wir haben keine Normwerte für gesunde Babys, wir wissen nur eingeschränkt etwas über spezifische Einflussfaktoren, wir wissen nur sehr grob, wie sich eine mehrsprachige Umgebung auf diese frühen Laute auswirkt und ob dies möglicherweise relevant für den nachfolgenden Spracherwerb ist. Warum ignorieren wir die frühe lautsprachliche Entwicklung unserer eigenen Art? Warum geben wir nicht auch einmal Millionen dafür aus, verlässlich und diagnostisch relevant zu verstehen, wie ein Baby in die Sprache kommt und wodurch wir erkennen, wenn es dabei Probleme haben könnte. Warum, überspitzt formuliert, traktieren wir Affen um Vorstufen der menschlichen Sprachentwicklung zu verstehen und geben nicht genauso viel Geld für eine vergleichbare Forschung bei menschlichen Babys aus, die als einzige tatsächlich eine Lautsprache erwerben?

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