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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Das geht sehr wild durch die Arten.

Ja, das Phänomen kann man eigentlich nur mit den spezifischen evolutionären Umweltbedingungen erklären, die dazu führten, dass das akustische Kommunikationssystem dem visuellen überlegen war.

Die Mutter war in der Höhle nach Ihrer Ansicht auf gleicher sprachlicher Ebene wie die Babys heute?

Na ja, zumindest hat sie am Anfang auch wohl eher melodisch lautiert. Die Forscher sind sich ja heute einig darin, dass die Verständigung zu dieser Zeit sehr musikalisch war. Es gibt unter den Sprachevolutionsforschern zwei große Lager. Die einen sagen, Musik und Tanz waren zuerst da, dann kam die Sprache, während zum Beispiel Linguisten, wie Steven Pinker, sagen: Sprache war zuerst da, die Musik hat sich danach entwickelt. Beim Baby können Sie meiner Meinung nach sehen, dass das am Anfang gar nicht streng getrennt war. Babys lauschen auf Melodien und Rhythmen der Musik genauso wie auf die der Sprache. Die Aufteilung in eine eher musische und eher sprachliche Entwicklung geschieht erst nach einigen Monaten. Am Anfang erzeugen sie Melodiebewegungen von anderthalb und mehr Oktaven im Weinen, wie beim Singen. Wenn das Baby spielerisch babbelt und plötzlich eher zufällig die Doppelsilbe „ma-ma“ darin einbaut, drehen sich plötzlich alle am Kaffeetisch um: „Ups, es hat Mama gesagt!“ Also versucht das Baby solche sprachähnlicheren Laute, die deutlich weniger melodische Bewegungen erfordern, immer wieder hervorzubringen, denn die Umgebung reagiert darauf ja erstaunlich gut.

Sie haben eine halbe Million Babylaute aufgenommen und analysiert, wie Sie sagen. Haben wir verlernt, auf Babylaute richtig zu hören, sie zu verstehen – oder läuft das ohnehin intuitiv ab?

Das geht auch intuitiv.

Wenn wir alle Ihre Forschungen kennen würden, könnten wir noch mehr aus der Kommunikation mit Babys herausholen?

Ich glaube, dass das intuitive Wissen vollkommen ausreicht, um mit Babys altersgerecht zu kommunizieren. Mütter und Väter können das sehr gut. Das Problem ist, dass wir mit unzähligen Ratgebern überhäuft werden. Viele junge Eltern trauen sich dadurch nicht mehr, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. Natürlich könnte man Sie vielleicht auch dahingehend trainieren, dass Sie an den frühen Babylauten per Gehör die jeweilige Sprachumgebung des Kindes heraushören könnten. Die Frage ist allerdings: Brauchen wir das? Ich denke nicht.

Wenn man Ihre Theorie weiterdenkt, sind die Babys ja im Grunde in der sonderbaren Situation, dass ihnen ein geeigneter Ansprechpartner fehlt. In der Höhle hatte sich die Mutter ja wahrscheinlich noch auf gleicher Ebene unterhalten.

Hat sie in gewisser Hinsicht – und heute macht sie das noch immer, mit dem typischen Stimmeheben, dem Dehnen von Silben und dem Ausformen großer Melodiebögen beim Sprechen gegenüber Babys, auch Väter machen das automatisch. Das ist wahrscheinlich ein Relikt einer früheren Zeit, nur dass wir die Melodie in der Kommunikation mit Babys heute noch zusätzlich mit Lautsprache unterlegen. Daher rate ich auch Müttern gehörloser Kinder, die ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat bekommen und erst langsam in die Sprache reinkommen müssen, anfänglich möglichst viel diese Sprechweise zu benutzen. Auch bei Babys mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten ist es durchaus sinnvoll, die melodische Silbenbildung so zu fördern, da die Artikulation präoperativ noch stark eingeschränkt sein kann.

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