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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Von Sprache würden Sie bei mehrere Wochen alten Babys aber noch nicht sprechen?

Noch nicht, aber nur, weil viele Linguisten Sprache sehr eng definieren. Für sie muss Sprache symbol-semantisch belegt sein. Die Belegung, die wir bei den Babys haben, ist eine rein emotional-affektive. Das ist, wenn man so will, eine Art körpernaher Gefühlssprache, etwa wie Musik. Es fehlt aber das Symbolische. Terrence Deacon zum Beispiel definiert den Menschen ja als „The symbolic species“. Für ihn ist die Tatsache, dass wir unabhängig von jedem Gefühl und jeder Form der Akustik eine beliebige Semantik als Symbol über Laute legen können, die reine Sprache im engeren Sinn. Auf der anderen Seite würde ich bei einem Spitzensportler, der eine tolle Übung am Barren macht, ja auch nicht sagen: Das ist jetzt Turnen, aber sein Krabbeln als Baby hat damit nichts zu tun. War es nicht vielleicht doch aber eine Vorstufe? Ich meine, dass Babylaute nicht Sprache, sondern der Beginn von Sprachentwicklung sind. Ich könnte allerdings ebenso gut sagen, das ist auch schon Sprache, weil es ein Körper-Emotionsausdruck ist. Linguisten allerdings würden sagen: Da ist keine Grammatik erkennbar, keine Symbol-Semantik, also ist es noch keine Sprache. Die evolutionsbiologische Perspektive verlangt jedoch eine erweiterte Interpretation.

Syntaktik ist bei den Babys in gewissem Sinn aber schon erkennbar, in Pausen und Grenzen, die sie setzen? Auch der pragmatische Aspekt, die Sprachhandlung ist schon angelegt. Es fehlt nur die Semantik.

Es fehlt die Symbol-Semantik. Ob schon eine Syntax erkennbar ist, in dem Sinn, dass die Babys bestimmte Lautformen aufeinander folgen lassen, dass sie bestimmte Formen kombinieren, das wollen wir noch erforschen. Zum Beispiel wollen wir jetzt bekannte Musterkombination beim Gesangerlernen von Jungvögeln mit Mustern in Babylautsequenzen vergleichen indem wir „Schrei-Strophen“ analysieren und schauen: Gibt es bestimmte Melodiestrukturen in bestimmter Kombination bei bestimmten Kindern in bestimmten Situationen? So gehen die Tierforscher bei den Vögeln auch vor. Sie wissen ja auch nicht, was der junge Singvogel sich gerade vorstellt.

Wir glauben, dass es wichtig ist, wenn wir das Rätsel „Sprache“ beim Menschen verstehen wollen, die Babylaute von Anfang an zu untersuchen. Menschliche Babys sind die einzigen Jungtiere, die tatsächlich eine Lautsprache lernen. Warum vernachlässigt man das so oft in der Forschung? Wenn Sie in die Literatur schauen, steht da heute immer noch: Babyschreie sind stereotyp und monoton, und haben nichts mit Sprache zu tun.

Sie sind fest davon überzeugt, dass Babylaute ein frühes Stadium des stammesgeschichtlichen Spracherwerbs beim Menschen wiedergeben. Was kann man darüber hinaus erkennen - können wir Babylauten ablesen, wie es weiterging?

Ja, das kann man sehr gut. So beobachten wir die Imitation von Umgebungslauten und sprachspezifischen Klängen auch in den ersten artikulierten Lauten, im Gurren und frühen Babbeln. Zum Beispiel konnten wir typische Schnalzlaute bei drei Monate alten Babys in Nord-Kamerun, beim Volk der Nso beobachten. Bei der dort gesprochenen tonalen Sprache Lamnso sind auch paralinguistische Schnalzlaute typisch und die Babys haben sie in ihre Melodiebögen eingebaut. Wir waren ganz aufgeregt als wir das entdeckt haben, bei deutschen Babys hatten wir solche Laute nie gehört. Der Mensch ist eben ein typischer Vocal Learner. Es gibt so viele Tierarten auf der Welt, es gibt aber erstaunlicherweise nur eine Handvoll, die - wie der Mensch - Vocal Learner sind, also Gehörtes auch stimmlich wiedergeben. Ein Vocal Learner lernt nicht nur zu verstehen, wie ein Hund, wenn man ihm „Sitz!“ befiehlt und er das tut, sondern imitieren das Gehörte. Einige Singvögel, Delphine, Wale, Robben und Fledermäuse gehören zu dieser Gruppe. Bei diesen Arten hört es aber auch schon auf. Interessanterweise gehören unsere nächsten Verwandten, die Affen, nicht zu dieser Gruppe.

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