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Expertin für Säuglingsschreie : Babys werden total unterschätzt

Wohin führen diese Spuren?

Unter allen Theorien, die sich mit der Frage beschäftigen, wie der Mensch zur Lautsprache kam, gibt es eine, die wir, Werner Mende und ich, zusammen mit anderen Forschern präferieren. Bei den Vormenschen gab es ganz sicher schon eine ausgeprägte Körpersprache und Mimik – warum nun haben sich unsere Vorfahren dazu entschieden, ein funktionsfähiges, weit entwickeltes körpersprachliches und mimisches System durch ein audio-vokales System zu ersetzen oder zu ergänzen? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Theorien. Für uns ist aber am prägnantesten jene von der Paläoanthropologin Dean Falk, die besagt, dass die frühe Mutter-Baby-Interaktion dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Anthropologische Modelle zu Entwicklungsstadien der menschlichen Evolution. Rekonstruktionen von Elisabeth Daynes
Anthropologische Modelle zu Entwicklungsstadien der menschlichen Evolution. Rekonstruktionen von Elisabeth Daynes : Bild: P.PLAILLY/E.DAYNES/SCIENCE PHOTO

Warum? Man nimmt an: Die Frauen, natürlich auch die Männer, haben in der fraglichen Zeit ihr Fell verloren, sie sind deutlich aufrechter gegangen, dadurch hat sich das Becken gedreht, die Kinder wurden früher geboren, da sonst die Köpfe nicht durch das Becken gepasst hätten - Babys sind physiologisch als Frühgeburten auf die Welt gekommen. Da kamen jetzt also diese kleinen hilfsbedürftigen Wesen auf die Welt und die Mutter hatte kein Fell, in das sie greifen konnten. Sie musste das Kind folglich sehr eng tragen; sie musste aber zeitweilig auch die Arme frei haben, um Nahrung zu sammeln oder sich um ältere Kinder zu kümmern, das heißt, sie musste das Kind von Zeit zu Zeit ablegen. Durch Weinen signalisierte das Baby den Wunsch nach Nähe zur Mutter; es war überlebenswichtig nicht allein der Kälte und Raubfeinden ausgeliefert zu sein. Die Eigenschaften der Babylaute haben sich auf diese Weise über eine lange Evolutionszeit optimiert und als Kontaktmedium etabliert. Die Mutter hat, so die Theorie von Dean Falk, das Baby stimmlich beruhigt und ihm stimmlich mitgeteilt, dass sie in der Nähe sei. Auf diese Weise hat sich wahrscheinlich die emotionsgeladene mütterliche Sprechweise ritualisiert, die ausgeprägte Melodiebögen entwickelt hat. Und dieser Mechanismus hat sich Generation für Generation über etwa eine Million Jahre vertieft. Das hinterlässt Spuren, die wir auch heute noch im Babyweinen wiederzufinden hoffen.

Wie genau stellen Sie sich das vor?

Die Tatsache, dass wir heute tatsächlich in den Weinlauten wenige Tage alter Neugeborener Elemente der pränatal gehörten mütterlichen Sprachmelodie sehen, spricht dafür, dass die evolutiven Gänge zu einer Vorprägung beim Menschen geführt haben, die mütterliche Sprache schon im Mutterleib zu analysieren. Das Hörsystem ist also extrem früh funktionstüchtig: Ein Baby in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten lauscht intensiv auf die Umgebungstöne. Die Mutterlaute hört es am deutlichsten. Dann kommt es auf die Welt und kann die Mutterstimme wiedererkennen, und nicht nur die Stimme, sondern auch die Prosodie, also die melodisch-rhythmischen Eigenheiten der Muttersprache. Dieses Phänomen haben wir 2009 dadurch erstmalig demonstriert, dass wir zusammen mit anderen Forscherinnen festgestellt haben: die Melodiekontur in den Schreien zwei bis drei Tage alter französischer Babys steigen häufiger an, während sie bei deutschen Babys häufiger fallen.

Auch haben wir herausgefunden: Alle bisher untersuchten Babys aus verschiedenen Ländern und Sprachkulturen zeigen die vier melodischen Grundkonturtypen im Weinen. Diese Fähigkeit scheint universal zu sein, also eine Spur früher evolutionäre Gänge. Die Fähigkeit der Neugeborenen in den ersten Tagen Melodiekonturen zu erzeugen, die Eigenheiten der Intonation der gehörten Muttersprache tragen, ist dagegen wohl deutlich später in unserer Stammesgeschichte entstanden.

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