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Projektmanagement : Alles im Blick

  • -Aktualisiert am

Bei der Arbeit an den Anlagen für die Tablettenherstellung muss die Biologin Caroline Velte aus Hygienegründen Schutz­kleidung tragen. Bild: Dirk Beichert

In vielen Branchen spielen Projektmanager eine zunehmend wichtige Rolle. Die Wege in das komplexe Jobprofil können unterschiedlich sein. Wir stellen drei Young Professionals und ihre Werdegänge vor.

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          Laut einer Studie des Project Management Institute (PMI) wird es in den nächsten zehn Jahren weltweit einen weitaus höheren Bedarf an Projektmanagern geben, als qualifizierte Personen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Eine große Chance für karrierebewusste Young Professionals nahezu aller Fachrichtungen, findet Jörg Glunde, Präsident des Southern Germany Chapters im PMI, und rät: „Befasst euch bereits während des Studiums mit dem Thema. Belest euch, besucht die Seminare, die eure Hochschulen fachübergreifend anbieten, oder arbeitet ehrenamtlich an kleineren Projekten mit. Das wird euch nicht erst im späteren Berufsleben, sondern schon beim Einstieg in den Job zugutekommen.“ Natürlich, als Vertreter des PMI muss Glunde das sagen, immerhin widmet sich sein Verein seit den sechziger Jahren der Professionalisierung des Projektmanagements und gilt als der wichtigste Anbieter von Zertifikatskursen und Weiterbildungsveranstaltungen in diesem Bereich.

          Doch was bedeutet Projektmanagement überhaupt? Wie kommen Berufseinsteiger an eine Projektmanagementstelle, die mehr ist als nur eine Worthülse? Was macht Projektmanagement spannend, und welche Fähigkeiten braucht man dafür? Wir haben drei Young Professionals aus unterschiedlichen Branchen getroffen, deren Karriereweg ins Projektmanagement führte oder gerade führt.

          Der Master: Sebastian Völker, 25, Wirtschaftsingenieur, Projektmanager bei Bosch Rexroth

          Die Frage, was ihn an seinem Job reize, beantwortet Sebastian Völker mit einer Gegenfrage: „Kennen Sie unsere Projekte?“ Es sind riesige Anlagen, bestehend aus hydraulischer und elektrischer Antriebstechnik, Steuerungstechnik und Mechanik in prestigeträchtigen Bauten wie der Tower Bridge in London, den Schleusentoren am Panama-Kanal oder dem Bolschoi-Theater in Moskau. Geplant und durchgeführt von der Business-Unit Large Projects bei Bosch Rexroth, für die der 25-Jährige als Projektmanager arbeitet. Seine Aufgaben umfassen vorbereitende Tätigkeiten im Büro, wie die Ressourcen- und Kostenplanung oder die Definition von Projektzielen, sowie die Überwachung auf der Baustelle selbst, inklusive Qualitätskontrolle und des schnellen Reagierens auf unvorhergesehene Zwischenfälle.

          Dass Sebastian Völker in seinem jungen Alter bereits als Projektmanager arbeitet, ist ungewöhnlich, aber kein Einzelfall. Möglich machte es seine eng an Bosch Rexroth gekoppelte Ausbildung, die mit einem dualen Bachelorstudium zum Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Maschinenbau begann und in ein Premaster-Programm bei dem Anbieter von Antriebs- und Steuerungstechnologien in Lohr am Main mündete. Dies habe ihm die Zeit gegeben, die er brauchte, um sich für einen sinnvollen Masterstudiengang zu entscheiden – denn Sebastian Völker wollte auf keinen Fall nur um des Titels willen weiterstudieren. Es sollte inhaltlich passen und ihn vorbereiten auf eine Stelle im Projektmanagement. Denn da wollte er hin. Er schrieb sich an der Universität Erlangen für den Masterstudiengang International Management in Systems Engineering ein, arbeitete parallel als Werkstudent bei Bosch Rexroth und legte so weitere Grundsteine für seine Karriere. „In der Regel übernehmen Ingenieure nach zwei bis fünf Jahren Berufserfahrung Projektverantwortung“, erklärt Thomas Leiher, Gruppenleiter in der Personalabteilung bei Bosch Rexroth. „Aber Sebastian hat alle Fähigkeiten, die wir brauchen: Er arbeitet selbständig und lösungsorientiert, ist strukturiert, kann aber auch improvisieren und hat einen guten Kommunikationsstil sowie die nötige Führungskompetenz.“ Ob ihm bei all der Organisation das, was er ursprünglich einmal gelernt habe, nicht zu kurz komme? Nein, betont der Jungmanager. Er sei zwar nicht mehr so stark in technische Abläufe involviert wie in der Entwicklung. „Aber ohne mein Fachwissen aus dem Ingenieurstudium könnte ich meinen Job nicht machen.“ Aktuell plant er die Teilnahme an einem PMI-Zertifikatskurs und möchte dann nach und nach größere und höher budgetierte Projekte übernehmen.

          Die Quereinsteigerin: Anika Simon, 33, Sportwissenschaftlerin, Program-and-Projekt-Management-Analystin bei Accenture

          Anika Simon studierte Sportwissenschaften und Psychologie in den USA und arbeitete nach ihrer Rückkehr in die Heimat zunächst als Leiterin verschiedener Fitnessstudios. Zu ihrem heutigen Arbeitgeber kam die 33-Jährige über einen Personaldienstleister, der sie als Kontakterin dorthin „verlieh“. Seit Anfang 2018 ist sie fest als Projektmanagerin bei Accenture angestellt – einem Dienstleistungsunternehmen also, das Services und Lösungen in Bereichen wie Strategie und Digital anbietet und dessen Geschäft vor allem projektgetrieben ist. Da braucht es bei allen Mitarbeitern entsprechende Fähigkeiten: strukturiertes Arbeiten, analytisches und konzeptionelles Denken, Kommunikationsfähigkeit. „Denn bereits als Projektgruppenmitglied muss man sich organisieren können und einen Weitblick für die Arbeitspakete in einem Projekt haben“, erklärt Dagmar Zippel, Leiterin Recruiting bei Accenture. Wer die Projektleitung übernimmt, muss zusätzlich Personal führen können und eine gewisse Menschenkenntnis mitbringen, um Teams richtig zusammenzustellen und Potentiale aufzutun. Annika Simon kam hier ihr Psychologiestudium zugute, aber auch die Tatsache, dass sie ihre Zeit im Ausland komplett allein gestemmt hat. „Das hat mir menschliche Reife und Stehvermögen gegeben.“

          Was sie auf ihrem Weg anders gemacht hätte? „Als Berufseinsteigerin nicht gleich in eine Leitungsposition zu starten. Das hat mich überfordert. Es hätte mir gutgetan, erst einmal zwei Jahre unter jemandem zu arbeiten.“ Heute liebt Anika Simon es, die Fäden in der Hand zu halten. Als Mitglied eines größeren Organisationsteams koordiniert sie mehr als 1.500 Menschen, die über den Globus verteilt an einem Digitalisierungsprojekt für einen großen Autokunden arbeiten. Sie beantwortet täglich Hunderte Mails, plant personelle Ressourcen und sorgt dafür, dass neue Mitarbeiter sich zurechtfinden. Geht das, so ganz ohne technologische Ausbildung? „Ich muss selbst nicht programmieren können“, lacht Anika. Sie habe durch ihre Arbeit bei Accenture aber ihre Liebe zur IT entdeckt, möchte begleitend zum Job Wirtschaftsinformatik studieren. Jetzt steht aber erst einmal die Beförderung auf eine Teamleiterposition mit mehr Verantwortung an.

          Die Wissenschaftlerin: Caroline Velte, 32, Biologin, Trainee „Go global Manufacturing & Operations“ bei Merck

          Kommunikationsstärke ist essentiell für Projektmanager: Caroline Velte tauscht sich regelmäßig mit pharmazeutischen Fachkräften, Ingenieuren, kaufmännischen Kollegen oder Maschinenbedienern aus.

          An ihrem aktuellen Arbeitsplatz trägt Caroline Velte Pharmakleidung und ein Häubchen; nicht etwa weil sie Biologin ist, sondern weil sie in einer Abteilung tätig ist, in der Tabletten für von Diabetes, Schilddrüsen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Betroffene hergestellt werden. Auch alle anderen Mitarbeiter sind mit der vorgeschriebenen Arbeitskleidung ausgestattet. Die promovierte Biologin Caroline Velte ist Teilnehmerin des Traineeprogramms „Go Global Manufacturing & Operations“ und befasst sich mit der Optimierung von Herstellprozessen, sorgt für die Verbesserung von Arbeitsabläufen und identifiziert mögliche Kosteneinsparungen. Dafür arbeitet sie mit pharmazeutischen Fachkräften ebenso zusammen wie mit Ingenieuren, kaufmännischen Kollegen oder Maschinenbedienern. „Mir ist es schon immer leichtgefallen, auf Menschen zuzugehen und auf jeder Ebene den passenden Ton zu finden“, meint die 32-Jährige. Damit spricht sie eine Fähigkeit an, die für Projektmanager essentiell ist: Kommunikationsstärke. „Projektmanager müssen zuhören und eventuell Konflikte bereinigen können. Sie müssen die Arbeit aller Teammitglieder zu schätzen wissen, diese das spüren lassen und begeisterungsfähig sein. Das alles strukturiert und zielorientiert. Jemand, der nicht den Blick fürs Ganze hat und leicht in Hektik verfällt, sollte vielleicht lieber eine andere Laufbahn einschlagen“, fasst Philipp Ruppert, Senior Director bei Merck, zusammen.

          Ihr Studium und ihre Promotion, sagt Caroline Velte, helfen ihr insofern, als dass sie dort gelernt habe, eine Fragestellung richtig zu definieren und strategisch und analytisch zu einer Antwort zu kommen. Konkret auf die Arbeit in der Industrie bereitete sich Caroline Velte mit einem Good-Manufacturing-Practice(GMP)-Kurs an der Uni Göttingen sowie mit einer Weiterbildung zum Clinical Research Associate an der Gesundheitsakademie Hessen vor. Merck-intern erlangte sie später den „Lean Six Sigma Green Belt“, der als Industriestandard für Prozessverbesserungen gilt und ein Baustein des umfangreichen Fortbildungsangebots ihres Unternehmens ist. „In Prozessen zu denken habe ich tatsächlich erst im Job gelernt“, sagt Caroline Velte und ist sich sicher, dass ihr Traineeprogramm sie perfekt auf kommende Aufgaben als Projektmanagerin vorbereitet. Eine entsprechende Stelle bei Merck ist ihr schon sicher. Klingt nach einer reibungslosen Karriere. Gab es da überhaupt Momente des Zweifelns? „Aus heutiger Sicht hätte ich nach dem Diplom gern innegehalten und überlegt, ob eine in der Biologie ja nach wie vor übliche Promotion der einzige Weg ist oder ob ich auch direkt in ein Unternehmen hätte gehen können.“ Ihre berufliche Zukunft sieht Velte „zu 100 Prozent bei Merck“. Nach und nach „gern mit mehr Verantwortung“.

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