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Ingenieure an der Spitze : Gute Karten

  • -Aktualisiert am

Ingenieure sind in vielen Unternehmen in der Unternehmensspitze zu finden: Der promovierte Ingenieur Johannes Bußmann beispielsweise ist Vorstandsvorsitzender bei der Lufthansa Technik AG. Bild: Picture alliance/dpa

Ob beim Mittelständler oder in Dax-Unternehmen – mit dem Blick für das große Ganze treiben Ingenieure an der Unternehmensspitze das Geschäft voran.

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          Es ist ein Jugend- oder Männertraum: das Tuning am eigenen Gefährt so hinzubekommen, dass sich der Sound des Motors von den anderen auf der Straße unterscheidet. Der Klang, mit dem die massiven Pferdestärken über den Asphalt röhren, ist für Porsche- oder BMW-Fahrer ein nicht unerhebliches Kaufkriterium – für Norbert Alt war er die berufliche Herausforderung als Ingenieur.

          Bei der Aachener FEV Group, die für alle namhaften Automobilkonzerne in der Fahrzeugentwicklung tätig ist, startete der promovierte Ingenieur vor über 25 Jahren seine Karriere. Und verantwortete zunächst als Senior-Engineer
          Motorakustik und danach als Abteilungsleiter Fahrzeugakustik ebenjene Entwicklungen, die einen Motorensound so unverwechselbar machen. Mit im Spiel waren dabei viel Kreativität und Interdisziplinarität: „Wir haben mit Studenten der Musikhochschulen zusammengearbeitet und die Harmonielehre aus der Musik in die Motorenklänge einfließen lassen. So erhielten die Motorengeräusche von Vier-, Sechs- oder Achtzylindern ihren individuellen Klang“, erinnert sich Alt mit sichtlicher Begeisterung an seine früheren Projekte. Seine Vorgesetzten wussten die Ingenieursleistung zu schätzen: Heute ist Alt einer von vier Geschäftsführern, die das Europa-Geschäft des mittelständischen Unternehmens mit weltweit 4.200 Beschäftigten verantworten.

          Eher von Wechseln gekennzeichnet war dagegen die Karriere von Ernst Wallis. Er studierte an der Beuth Hochschule für Technik Berlin und der Technischen Hochschule Clausthal Technische Chemie und Hüttenwesen und begann bei der damaligen Metallgesellschaft AG als wissenschaftlicher Mitarbeiter, während er nebenher promovierte. Als sich die Chance bot, als Projektingenieur bei der Berzelius Umwelt-Service AG tätig zu werden, wechselte er in das kleine, 40 Mann starke Unternehmen. Kurz darauf wurde er zum Technischen Geschäftsführer berufen.

          Ernst Wallis hat schon einige Unternehmen geleitet. Heute arbeitet er als Geschäftsführer bei der PUK Group, einem Hersteller von Unterflur- und Kabeltragsystemen in Berlin.

          Die Herausforderung bestand darin, die Instandhaltungskosten um 30 Prozent zu senken, um aufgrund der fallenden Metallpreise nicht in der Verlustzone zu landen. Über weitere Stationen – mal waren es knapp drei Jahre, mal über sieben Jahre – landete Wallis bei der GfE Gesellschaft für Elektrometallurgie mbH in Nürnberg, wo er als Vorsitzender der Geschäftsführung die Werkstoffentwicklungen in Sondermärkten vorantrieb und an die amerikanische Muttergesellschaft berichtete. „Technisch haben wir hier in der Champions League gespielt.“ Nach sechs Jahren wechselte Wallis als Geschäftsführer zur PUK Group nach Berlin, einem international tätigen Hersteller von Unterflur- und Kabeltragsystemen. „Das sind vermeintlich einfache Produkte, die dafür sorgen, dass Versorgungsleitungen etwa für Strom oder Telekommunikation in geordneten Bahnen verlaufen. Im Detail sind es allerdings hochkomplexe Produkte, die etwa speziell veredelt werden müssen, damit sie und die darin lagernden Kabel und Übertragungsmedien funktionstüchtig bleiben.“

          Stefan Tiemann war die Führungsposition faktisch in die Wiege gelegt. Schon Vater Klaus-Peter Tiemann wirkte über Jahrzehnte in Führungspositionen – im DDR-Traditionskombinat RFT. 1994 gelang es ihm, die Geschäftsanteile des Betriebes in Potsdam zu übernehmen und daraus einen mittelständischen, innovativen Netzbetreiber zu entwickeln. Während die Großkonzerne noch auf Kupferzweidraht setzten, erkannte Tiemann senior das Zukunftspotential von Glasfaserkabel und begann, in der Region eigene Glasfasernetze zu errichten.

          Sohn Stefan studierte an der Universität Magdeburg Wirtschaftsingenieurwesen und arbeitete nebenher im elterlichen Unternehmen. Vor drei Jahren, im Zuge der Nachfolgeregelung im Familienbetrieb, übernahm der 37-Jährige die komplette Verantwortung für das Unternehmen mit 200 Mitarbeitern.

          Ingenieure an der Spitze von Dax-Unternehmen

          Nicht nur in mittelständischen Unternehmen, sondern gerade auch in Dax-Unternehmen sind Ingenieure in der Führungsspitze zu finden. Prominenteste Beispiele sind beispielsweise Daimler-
          Chef Dieter Zetsche, der Elektrotechnik studiert hat, oder Carsten Spohr, der als studierter Wirtschaftsingenieur an der Spitze der Lufthansa steht. Auch Johannes Bußmann ist promovierter Ingenieur und als Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik AG heute Chef von weltweit über 21.000 Mitarbeitern. „Es ist sicherlich hilfreich, wenn man unter Ingenieuren die gleiche Sprache spricht. Aber auf meinen Werdegang innerhalb des Konzerns hatte es wenig Einfluss, dass ein Ingenieur an der Spitze der Lufthansa steht“, sagt er. Bußmann, der ebenso wie Norbert Alt an der RWTH Aachen studierte, hat sich – nach einer einjährigen Station bei ABB zu Berufsstart – seit 1999 bei der Lufthansa Technik emporgearbeitet. Er begann als Entwicklungsingenieur im Bereich Produktmanagement und -entwicklung, wurde 2001 Vertriebsleiter Asien und Australien. 2005 kehrte er als Hauptabteilungsleiter des Bereichs Marketing und Sales der Lufthansa Technik wieder nach Hamburg zurück. Im September 2012 übernahm er als Vorstand die Ressorts Personal, Engine und VIP-Service. Mit der Berufung zum Vorstandsvorsitzenden im April 2015 und mit der damit verbundenen Aufnahme in den obersten Führungszirkel des Luftfahrtkonzerns erreichte er einen vorläufigen Karrierehöhepunkt.

          Gute Aufstiegschancen

          Als Ingenieur habe man ziemlich gute Karten, an die Spitze zu kommen, erklärt Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er analysiert regelmäßig die beruflichen Perspektiven von Ingenieuren und schätzt, dass rund ein Fünftel – um die 400.000 – aller im aktiven Berufsleben stehenden Ingenieure als Führungskraft im Rang eines Geschäftsführers oder Vorstands tätig sind, „und somit Entscheidungsbefugnis über Strategie, Budgets und Personal haben“, so Koppel.

          Doch für den Sprung an die Spitze sind mehr als ingenieurtechnische Höchstleistungen gefragt. „Gerade mal 20 Prozent meiner Arbeitszeit kann ich mich noch mit rein technischen Themen beschäftigen“, resümiert Lufthansa-Technik-Chef Bußmann. „Aber ich gehe mindestens eine halbe Stunde pro Tag in die Werkstatt.“ Geschäftsführerkollege Alt von der FEV ergänzt: „Es gilt, als Führungskraft die Balance zu finden. Natürlich müssen wir als Chefs technische Innovationen der Zukunft rechtzeitig erkennen, aber ebenso wichtig ist es, zu wissen, wie man Innovationen kostengünstig an den Markt bringt.“ Ernst Wallis hatte grundsätzlich bei jeder seiner Stationen mit betriebswirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen. „Ob es um den Aufbau eines Neukundengeschäfts ging, weil die bisherigen Erträge weggefallen waren, eine Steigerung der Umsatzrendite von 6 auf 18 Prozent durch Straffung der Organisation oder durch die Integration eines Tochterunternehmens – all das musste ich im Rahmen meiner Geschäftsführerposition leisten können.“ Bei PUK strukturierte er die Abläufe neu, intensivierte den Innovationsprozess und ermöglichte kontinuierliche Weiterentwicklungen im Unternehmen. Und für Stefan Tiemann, der schon während seiner Studienzeit das Marketing im elterlichen Unternehmen aufbaute, gilt es nunmehr, das erfolgreiche Familienerbe weiterhin zukunftsorientiert im Markt zu etablieren.

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