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Ausbildung im Handwerk : Lackieren geht über Studieren

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Influencerin mal anders: Jessica Jörges nutzt ganz gezielt die sozialen Medien für sich und ihre Botschaft. Bild: Instagram Jessica Jörges

Nur wenige Abiturienten machen eine Lehre. Dabei wäre mancher Student im Betrieb glücklicher – und erfolgreicher als an der Universität – wie zum Beispiel Jessica Jörges.

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          Wenn Jessica Jörges auf dem Baugerüst steht, trägt sie eines ihrer wichtigsten Werkzeuge stets griffbereit in der Arbeitshose: ihr Smartphone. In den Pausen macht die 21 Jahre alte Malergesellin aus dem hessischen Dreieich Selfies oder lässt sich von ihren Kollegen beim Verputzen mit dem Spachtel fotografieren. Die Bilder postet sie nach Feierabend auf Facebook und Instagram.

          Jessica Jörges ist Influencerin. Doch statt für Kleider, Lippenstifte oder hippe Reiseziele wirbt sie für ihren Beruf. 2016 startete sie ihren Blog „Bunte Zukunft“. In Texten, Bildern und Videos berichtet sie über ihr Leben als Gesellin im Maler- und Lackierhandwerk. Ihre Mission: junge Menschen für ihr Gewerk zu begeistern.

          „Viele wissen gar nicht, wie vielfältig unser Beruf ist. Die denken, wir würden den ganzen Tag nur Fassaden weiß streichen.“ In ihrem Blog gibt Jörges Einblicke in ihre tägliche Arbeit: Man sieht sie beim Wände tapezieren, Fenster lackieren, Dachstühle dämmen oder Putz aufziehen. Auch anstrengende und dreckige Arbeiten wie Pinsel auswaschen oder Putzsäcke schleppen dokumentiert die junge Handwerkerin. „Ich will zeigen, was wirklich auf der Baustelle passiert, damit Bewerber wissen, worauf sie sich einlassen.“

          „An den Gymnasien gilt das Studium noch immer als Königsweg“

          Ihre authentische Art kommt an: Rund 3500 Follower hat Jörges inzwischen. Mit ihrem Blog will sie vor allem handwerklich geschickte Abiturienten erreichen. „Viele Jugendliche mit gutem Schulabschluss empfinden eine Ausbildung als Rückschritt. Aber wo steht geschrieben, dass man studieren muss, um erfolgreich zu sein?“

          Als Gesellin mit Hochschulreife ist Jessica Jörges in ihrer Branche eine Ausnahme: Nur etwa jeder siebte, neu eingestellte Auszubildende im Handwerk hat Abitur. Dabei könnten die Betriebe leistungsstarken Nachwuchs mit guter Allgemeinbildung dringend gebrauchen: Die Auftragsbücher von Dachdeckern, Fliesenlegern, Klempnern oder Elektroinstallateuren sind voll. Auch Bäcker und Fleischer haben gut zu tun. Doch den Unternehmen fehlen geeignete Fachkräfte und Azubis, um die vielen Aufträge abzuarbeiten. Jedes Jahr bleiben rund 15.000 bis 20.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Gesamtzahl der Azubis fast halbiert.

          Nicht nur das Handwerk, auch Industrie und Handel, Krankenhäuser oder Pflegeheime suchen verzweifelt nach Lehrlingen. Doch der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen führt dazu, dass immer mehr junge Menschen an die Hochschulen drängen. Fast jeder sechste von zehn Schulabgängern beginnt ein Studium; vor zehn Jahren war es noch etwa jeder vierte. Gleichzeitig sinkt durch den demographischen Wandel die Zahl der Schulabgänger. Die Unternehmen werben deshalb intensiv um die wachsende Zielgruppe der Abiturienten.

          Bislang mit mäßigem Erfolg. „An den Gymnasien gilt das Studium noch immer als Königsweg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft“, sagt Volker Born, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. „Viele Eltern meinen, dass Karriere und hohes Einkommen nur über die Hochschule realisierbar sind, und geben das an ihre Kinder weiter.“

          Gutes Geld – schlechter Ruf

          Dabei sind die Aussichten, die sich den Absolventen in einem der mehr als 130 Ausbildungsberufe im Handwerk bieten, vielversprechend. Als Gesellen können sie nach der Lehre „auf die Walz“ oder ins Ausland gehen, den Meistertitel erwerben oder studieren. Angesichts der guten Geschäftslage und mit Blick auf Fachkräfte-Engpässe ist das Risiko, arbeitslos zu werden, gering. In rund 200.000 Handwerksbetrieben steht zudem in den nächsten zehn Jahren ein Generationenwechsel an: „Für motivierte Nachwuchskräfte eine gute Gelegenheit, sich selbständig zu machen und sein eigener Chef zu werden“, wirbt Born.

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