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Berufskrankheiten : Ausschlag vom Arbeiten

  • -Aktualisiert am

Latexhandschuhe schützen die Hände vor schädlichen Stoffen, doch manchmal können sie selbst der Haut schaden. Bild: dpa

Handekzeme sind eine wenig bekannte, aber weitverbreitete Berufskrankheit. Und die Pandemie spielt ihr in die Karten – doch daran ist nicht nur das viele Desinfektionsmittel schuld.

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          Zum Glück ist Händeschütteln wegen Corona nicht angesagt. Sonst wäre es ziemlich unangenehm, der Kundin die Hand geben zu müssen: An Handrücken und Fingern schuppt sich die Haut, sie ist rot und eingerissen und nässt sogar ein bisschen. Womöglich ist das ansteckend? Das nicht, aber die Krankheit kann die Lebensqualität enorm einschränken und ist mühselig zu therapieren. Die Frau hat ein Handekzem, das ist ein roter, entzündlicher, nicht infektiöser Ausschlag. Jedes Jahr bekommen etwa 10 von 100 Menschen neu ein Handekzem. Betroffen sind besonders diejenigen, die ihre Hände täglich starken Belastungen aussetzen müssen. Deshalb ist das Hand­ekzem eine klassische Berufskrankheit.

          Im Jahr 2020 waren 15 797 von 52 956 bestätigten Berufskrankheiten Erkrankungen der Haut – das ist mehr als ein Drittel. Ein großer Teil davon betraf Handekzeme. Doch von den 37 181 dann auch an­er­kann­ten Berufskrankheiten waren nur 381 – al­so gut ein Prozent – solche der Haut. „Das lag an der Gesetzgebung“, sagt Chris­toph Skudlik, Chefarzt des Instituts für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation an der Universität Osnabrück. „Ich hoffe, dass in Zu­kunft viel mehr anerkannt werden.“ Im Januar 2021 gab es eine Änderung im Berufskrank­heitenrecht. Der Unterlassungszwang fällt weg. Bisher mussten Betroffene ihre Tätigkeit aufgeben, um eine Berufskrankheit an­erkannt zu bekommen. Erst dann musste die Berufsgenossenschaft eine Versorgung zahlen. Nun können die Beschäftigten in ihrem Beruf bleiben und bekommen trotzdem die Therapie. „Das ist ein fundamentaler Wechsel in der Versorgung der Pa­tienten“, sagt Skudlik.

          Wenn schädliche Fremdstoffe in die Haut eindringen

          Normalerweise bilden Hornzellen und Fette in der Haut einen stabilen Ver­­bund – wie Ziegelsteine und Mörtel in einer Mauer. Diese Mauer hindert Fremdstoffe wie Bakterien, Schadstoffe oder allergieauslösende Substanzen da­ran, in die Haut zu dringen. Wird die Mauer durch ständige Belastung porös, können Fremdstoffe leichter eindringen, und Feuchtigkeit geht verloren. Trockene Luft, Hitzestau in Handschuhen oder ständiger Kontakt mit Wasser können die Barriere der Haut so stören, dass Schadstoffe leichter eindringen kön­nen. Meist gebe es nicht nur eine Ur­sache, sondern mehrere Faktoren kämen zusammen, die sich gegenseitig verstärken, sagt Peter Elsner, Direktor der Universitäts-Hautklinik in Jena. „Setzt man die Haut wochenlang täglich schädlichen Einflüssen aus, kann sie sich irgendwann nicht mehr erholen und reagiert mit Entzündung und Ausschlag.“

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          Handekzeme haben unterschiedliche Ur­sachen. Bekommt jemand vor allem an Hand- und Fingerrücken trockene, schuppende, rote Stellen, könnte es ein irritatives Handekzem sein. Verursacht wird dies durch hautschädigende Substanzen, etwa Lösemittel, Haarpflegeprodukte, Reinigungsmittel oder Zement. Ein allergisches Handekzem – etwa durch Gummizusatzstoffe in Handschuhen – juckt und brennt am Anfang, später verdickt sich die Haut. „Das irritative Handekzem wird oft verkannt“, sagt Hanspeter Rast, Arbeitsmediziner und Spezialist für Handekzeme in der Schweizerischen Unfallversicherung Suva. Häufig treten Mischformen auf.

          Eine rasche Behandlung schützt vor chronischer Erkrankung

          Bemerke man einen Ausschlag an den Händen, sollte man so früh wie möglich einen Hautarzt aufsuchen, rät Rast. „Je eher das Ekzem behandelt wird, desto ge­ringer ist die Gefahr, dass es chronisch wird.“ Bestätigt sich der Verdacht, ist die wichtigste Maßnahme, den auslösenden Schadstoff zu meiden. Dann kommt die Basistherapie: die Haut regelmäßig eincremen, im akuten Stadium mit leichten Lotionen oder Cremes, später mit fettigeren Salben. Je nach Art und Schwere des Ekzems verschreiben Ärzte stufenweise zu­­sätzliche Behandlungen, zum Beispiel Kortison oder UV-Licht.

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          Sobald Skudlik den Verdacht auf ein be­ruflich bedingtes Handekzem hat, schlägt er das sogenannte Hautarztverfahren vor. „Davon hat der Betroffene nur Vorteile.“ Der Dermatologe meldet den Fall an die Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse. Mit dem neuen Gesetz sind diese verpflichtet, Therapien zu zahlen, die gesetzliche Kassen nicht abdecken, etwa UV-Behandlungen oder Cremes für die Basistherapie. Zudem haben Patienten Anspruch auf das volle Programm der für berufliche Hautkrankheiten geschaffenen Beratungs- und Versorgungsangebote – Seminare, stationäre Behandlungen für schwere Fälle und zur Not eine berufliche Umschulung. Arbeitgeber müssen Vorkehrungen treffen, damit die Hände so wenig wie möglich geschädigt werden. Jeder Beschäftigte muss dann selbst, soweit nötig, seine Hände zusätzlich schützen: mit Handschuhen oder Schutzcreme bei der Arbeit und schonender Reinigung sowie Pflegecreme da­nach.

          Gemäß einer Umfrage des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen vom Mai 2020 gaben von 512 Befragten mehr als 80 Prozent an, sie würden seit Beginn der Corona-Maßnahmen immer öfter Pa­tienten mit Handekzemen sehen. Klar ist: Handhygiene ist eine der wichtigsten Maß­­nahmen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Er höre immer wieder, erzählt Skudlik, dass Desinfektionsmittel doch viel schlimmer sei als Waschen mit Seife. „Das ist aber ein Mythos“, sagt er. Inzwischen gibt es ausreichende Belege, dass Desinfektionsmittel die Haut weni­ger reizt als Wasser und Seife. Trotzdem er­höht das ständige Desinfizieren das Risiko für ein Handekzem. Als Vorbeugung hilft nur: cremen, cremen und nochmals cremen.

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