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Walter Benjamin digital : Das bucklichte Männlein steht immer am Schluss

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Manuskriptblatt aus dem Walter Benjamin Archiv der Berliner Akademie der Künste: „Wo mich das bucklige Männlein überall gesehen hat? Eine Variation des Inhaltsverzeichnisses des Buches.“ Bild: Suhrkamp Verlag

Walter Benjamin konnte seine „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ nicht als Buch veröffentlichen. Die textkritische Edition erlaubt jetzt den Vergleich aller Fassungen.

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          Als Walter Benjamin 1940 auf der Flucht die letzte Fassung seiner „Berliner Kindheit“ Georges Bataille zur Verwahrung in der Bibliothèque Nationale anvertraute, war der jahrelange Versuch einer Buchpublikation des literarischen Herzstücks seines Werks endgültig gescheitert. Erst 1981 wurde das Manuskript dort von Giorgio Agamben wieder entdeckt. Seitdem erneuerte sich mit jeder Ausgabe die Frage, was nun „eigentlich“ die „Berliner Kindheit“ sei. Der Plenarsaal der Berliner Akademie der Künste ist voll besetzt, als diese Frage wieder einmal im Raum schwebt. Der Ort am Pariser Platz scheint passend, um an den Schriftsteller und Philosophen zu erinnern, der hier geboren und von hier vertrieben wurde, der früh hier seine Gedankenfäden wob und spät, schon als Erwachsener, die Kunst, sich zu verirren, übte.

          Auch in den Labyrinthen der Erinnerung. Zu Beginn des Stückes „Tiergarten“ heißt es: „Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. (...) Diese Kunst habe ich spät erlernt.“

          Zusammen mit der „Berliner Chronik“, die der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ vorausging, ist diese nun als Band 11 der von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in Zusammenarbeit mit dem Walter Benjamin Archiv getragenen textkritischen Edition bei Suhrkamp erschienen. In zwei Halbbänden umfasst die neue Ausgabe alle zwischen 1932 und 1938 entstandenen Fassungen, Entwürfe, Notizen, Einzeldrucke und Dokumente bis zu jener als „Pariser Typoskript“ bezeichneten Fassung letzter Hand vom Mai 1938, die eine einschneidende Überarbeitung, vor allem Kürzung der früheren Texte darstellt.

          Ein intimer Blick in die Schreibwerkstatt

          Souverän und anschaulich führte Nadine Werner – mit dem 2015 verstorbenen Burkhardt Lindner Herausgeberin dieses Bandes – durch das Gestrüpp der Editionsgeschichte und ihrer Darstellung, der sich als Novum die digitale Edition der betreffenden Manuskripte anschließt. Alle handschriftlichen Dokumente, welche das Berliner und das Marbacher Archiv aufbewahren, lassen sich nun am Bildschirm einsehen – ein nahezu intimer Blick in die Schreibwerkstatt Benjamins, in die Entstehung von Gedanken und Motiven, ihre Verknüpfung in unterschiedlichen Kontexten, in Akzentverschiebungen, Verweise und Verwerfungen und in immer wieder neu sich erhellende Bedeutungszusammenhänge. Paradox genug, wie erst im technisch fortgeschrittensten Medium die mit Feder und Tinte gewobene winzige, minutiöse Schrift ihres Verfassers zur Lesbarkeit gelangt. Dennoch bleibt bedauerlich, dass man in der Buchausgabe auf die Beigabe von Faksimiles völlig verzichtete.

          Alles in allem schwere „Gewichte“, schwer an Geschichte und Erfahrung, die doch wie mit leichter Hand an diesem Abend von den Vortragenden – dem Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe, dem Typographen Friedrich Forssman, der Lyrikerin Monika Rinck, dem vorlesenden Schauspieler Christoph Gavenda – geschoben wurden. Mit der Präsentation dieser Ausgabe wurde auch der Schriftsteller Benjamin sichtbar und hörbar, all sein poetisches Potential, das sich mit dem philosophisch-theoretischen durchdringt.

          Eine schöne Erläuterung Peter Szondis

          Nur Jan Philipp Reemtsma, intellektueller Mäzen der Edition, setzte mit leiser Ironie Fragezeichen an suggestiv-apodiktische Wendungen des Autors und einzelne Textstellen wie jene zur „Kunst“ des Verirrens. Worum aber ging es Benjamin bei dieser gewissermaßen mnemotechnischen Übung, die er schon in der „Berliner Chronik“ erwähnt, samt dem Vermerk: „Diese Irrkunst hat mich Paris gelehrt“? Ein Hinweis sei hier nachgereicht. Noch früher, in der „Einbahnstraße“, ist zu lesen: „Haben wir einmal begonnen, im Ort uns zurechtzufinden, so kann jenes früheste Bild sich nie wiederherstellen.“ Um dieses früheste Bild, das die Zukunft berge, so Peter Szondi in einer schönen Erläuterung von 1960, geht es ihm.

          Liest man Benjamin, wie längst fällig, auch als Schriftsteller, mit jenem Mehr, das jeder Kunst und Dichtung innewohnt, eröffnen sich neue Räume des Verstehens, auch für seine Geschichtstheorie und die Verbindung dieser Kindheitssuche mit dem „Passagenwerk“. Einer Suche im Exil, das Vertreibung aus Land und Kindheit zugleich für ihn war. Bei der auch das „Bucklichte Männlein“ aus den alten Wunderhorn-Liedern begegnet, das dem Verfasser immer wieder schicksalhaft den Weg verstellte. Als wollte er das Männlein auch für die Bruchlandschaft seines Werks und Lebens verantwortlich machen, hat Benjamin diesen Text stets ans Ende des geplanten Buches gesetzt. „Jetzt hat es seine Arbeit hinter sich“, heißt es in der 1933 noch in der „Frankfurter Zeitung“ publizierten Fassung. „Es hat längst abgedankt“ wird es 1938 heißen. Aufgestaut in diesem „längst“ ist alle bittere Ironie.

          Wie das „Passagenwerk“, dieser funkelnde Gedanken-Steinbruch, stellt auch die „Berliner Kindheit“ sich als Torso dar. Aber ist diese Edition wirklich, wie die Mitherausgeberin meint, die Antwort auf die Frage, was nun die „Berliner Kindheit“ sei? Ist Erinnerung je abschließbar? Man kann über all das weiter nachsinnen, dem scheinbar verschollenen Ton dieser Jahrhundert-Recherche nachlauschen, sich in dem Dickicht des Überlieferten vielleicht so glücklich verirren, um auf Funde zu stoßen gleich jenem „Bratapfel“ (ein hier erstmals publizierter Text), den die Ofenröhre dem kleinen Walter als Trost fürs frühe Aufstehen im Winter bereithielt.

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