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Von Pendlern, Unterwegsarbeitern und Entwurzelten : Studie zur Berufsmobilität

  • -Aktualisiert am

Bild: Tobias Schülert

Die einen fahren täglich zwei Stunden zum Arbeitsplatz, andere ziehen aus beruflichen Gründen häufig um. Manche leben an zwei verschiedenen Orten, andere sind eigentlich immer unterwegs. obilität kennt viele Gesichter. Der Soziologe Norbert F. Schneider und sein Team haben ihre Auswirkungen auf das Wohlbefinden und das Familienleben untersucht.

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          Mobile Lebensformen, so Schneider, sind „mehr oder weniger stabile Formen der Vereinbarung von Beruf, Mobilität, Partnerschaft und Familie, die als eine Form des Risiko- und Unsicherheitsmanagements in Zeiten von Individualisierung und Globalisierung interpretiert werden können.“ Sie sind der Versuch, persönliche Ziele mit strukturellen Zwängen in Einklang zu bringen. Welche Formen der Mobilität gibt es? Wie wirken sie sich auf die Gesundheit, soziale Beziehungen und die Familienentwicklung aus? In einer breit angelegten empirischen Studie, die auf rund 7000 standardisierten Interviews in sechs europäischen Ländern basiert, unterscheidet der Mainzer Soziologe und Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Norbert F. Schneider vier Formen von Mobilität:
          1. Fernpendler: Sie benötigen täglich mindestens zwei Stunden für den Weg zum Arbeitsplatz und zurück. Diese Strecken werden mindestens dreimal wöchentlich zurückgelegt.
          2. Übernachter sind Personen, die innerhalb der letzten zwölf Monate mindestens 60 Nächte aus beruflichen Gründen außer Haus verbracht haben (sei es durch Wochenendpendeln über das Jahr verteilt, sei es am Stück als Saisonarbeiter, sei es auf unregelmäßigen Dienstreisen). Auch Menschen in Fernbeziehungen werden dazu gezählt, sofern es berufliche Gründe sind, aus denen die beiden weit voneinander entfernt liegenden Haushalte nicht zusammengelegt werden.
          3. Umzugsmobile: Gemeint sind Personen, die aus beruflichen Gründen innerhalb der letzten drei Jahre über mindestens 50 km hinweg umgezogen sind. Dieser Umzug kann innerhalb eines Landes erfolgt sein oder über Landesgrenzen hinweg.
          4. Multi-Mobile sind in mindestens zwei der genannten Formen mobil.

          DIE AUSWIRKUNGEN DER MOBILITÄT AUF …
          FAMILIENLEBEN UND SOZIALE BEZIEHUNGEN

          Mobilität erschwert häufig das Familienleben. Tägliche Fernpendler, Wochenendpendler und Multi-Mobile beklagen, dass sie zu wenig Zeit für die Kinder haben. Die ständig wiederkehrende Trennung von der Familie - insbesondere von den Kindern - bedeutet vor allem für Wochenendpendler eine erhebliche Stressbelastung. Sie leiden unter dem eingeschränkten Einfluss auf die Erziehung und Belange der Kinder.
          Diese Belastung fällt bei Umzugsmobilen weg. Auf lange Sicht lässt sich diese Form der Mobilität noch am besten mit dem Familienleben vereinbaren. Anfangs stellt sie allerdings die Partnerschaft auf eine harte Probe. Konflikte häufen sich. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass der nicht-mobile, mitziehende Partner bei einem Umzug in der Regel seine eigene Berufstätigkeit und sozialen Kontakte aufgeben muss, was Unzufriedenheit zur Folge hat. Die sozialen Beziehungen außerhalb der Familie werden durch alle Mobilitätsformen beeinträchtigt. Sowohl Fern- und Wochenendpendler als auch Umzugsmobile haben Schwierigkeiten, Freundschaften zu pflegen.

          FAMILIENENTWICKLUNG
          Berufliche Mobilität wirkt sich in vielen Fällen deutlich auf die Familienentwicklung aus. Das Kinderkriegen wird aufgeschoben und nicht selten sogar bewusst unterlassen. Insbesondere für Frauen ist Elternschaft nur schwer mit Mobilität vereinbar. Dabei sind sie nicht per se weniger mobil als Männer. Schaut man sich etwa die Statistik der mobilen Erwerbstätigen ohne Kinder an, staunt man nicht schlecht: 62 Prozent sind Frauen, nur 36 Prozent Männer. Sobald Kinder im Spiel sind, ändert sich das Verhältnis allerdings drastisch: Nur sechs Prozent der Frauen mit Partner und Kinder sind mobil. Bei den Männern wirkt sich der Familienstand längst nicht so stark aus. Auch wenn sie Frau und Kind haben, sind immerhin 23 Prozent von ihnen mobil. Das zeigt: Der Trend zur beruflich bedingten Mobilität verstärkt bei Paaren mit Kindern die traditionelle Geschlechterrollenverteilung. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Aufgabenteilung innerhalb einer Partnerschaft: Sind Männer mobil, führt dies zumeist zu ihrer weitgehenden oder völligen Befreiung von Hausarbeit. Bei mobilen Frauen hingegen etabliert sich bei 80 Prozent der Paare ein Modell, in dem beide Partner etwa zu gleichen Teilen Hausarbeit leisten.
          Bei Frauen führt Mobilität viel häufiger als bei Männern zum Verzicht auf Kinder. 62 Prozent der berufsmobilen Frauen sind kinderlos, aber nur 36 Prozent der mobilen Männer.

          GESUNDHEIT UND WOHLBEFINDEN
          Dauerhafte Mobilität belastet häufig das physische und psychische Befinden. Tägliche Fernpendler weisen im Schnitt einen schlechteren allgemeinen Gesundheits­zustand als nichtmobile Menschen auf, zudem sind sie stärker gestresst und unzufriedener.
          Umzugsmobile müssen differenzierter betrachtet werden. In den ersten anderthalb Jahren nach dem Umzug sind sie gesundheitlich und emotional angeschlagen. Danach verbessert sich der allgemeine Gesundheitszustand deutlich, das Stressempfinden nimmt stark ab. Allerdings bleiben Beeinträchtigungen des psychischen Befindens. Der Verlust der vertrauten Umgebung und die räumliche Distanz zu Verwandten und Freunden schlagen offenbar auf das Gemüt.
          Es gilt jedoch zu unterscheiden: Wie sich Mobilität auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirkt, hängt ganz entscheidend davon ab, ob sie auf Freiwilligkeit beruht oder nicht. Erwerbstätige, die ihre Mobilität als Chance sehen, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Gesundheit, ihres Stressbelastung und ihrer emotionalen Befindlichkeit nicht oder nur unwesentlich von nicht-mobilen Berufstätigen. Ganz anders stellt sich die Situation bei jenen Menschen dar, die Mobilität als notwen­diges Übel oder gar als Zwang erleben: Gesundheit und Wohlbefinden werden in diesen Fällen stark in Mitleidenschaft gezogen.

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