https://www.faz.net/-gyl-a4pc9

Vom Sport lernen : Der Chef als Coach seiner Mannschaft

Jürgen Wagner im Gespräch mit Spieler Lukas Pfretzschner Bild: WITTERS

Um Mitarbeiter maximal motivieren zu können, muss der Chef seine Ansprache überdenken und Individualität zulassen, sagt Beachvolleyball-Trainer Wagner und gibt weitere Tipps aus der Praxis.

          2 Min.

          Der neue Titel von Jürgen Wagner würde sich auch gut auf dem Türschild eines Chefbüros in einer großen Wirtschaftskanzlei machen: „Head of ...“ darf sich der 64-Jährige seit einigen Wochen nennen. Das klingt nach Führungskraft mit großer Außenwirkung. Im Falle Wagner ist es der „Head of Beachvolleyball“ im deutschen Volleyballverband (DVV). Bis zu den Olympischen Spielen 2024 soll der Senior-Cheftrainer seine Philosophie auf allen Ebenen des Verbandes an die besten Akteure vermitteln: vom hoffnungsvollen Nachwuchs bis hoch in die Weltspitze.

          Was maßgeblich bei Wagners Ansatz ist, lässt sich auch gut auf das Berufsleben jenseits des Sportplatzes übertragen: keine Schablone anzulegen, sondern das Spiel vom einzelnen Athleten aus zu betrachten. „Wenn ich nicht individuell auf jeden eingehe, habe ich keine Chance, Höchstleistung zu generieren“, sagt der Trainer. Er ist überzeugt, dass sein Ansatz auch in Wirtschaftsunternehmen helfen würde, jeden einzelnen Mitarbeiter durch zielgenaue Anleitung besser zu machen.

          Für seine neue Position im DVV hat sich Wagner durch seine Arbeit mit den erfolgreichsten deutschen Beachvolleyballteams qualifiziert: Unter seiner Führung wurden Julius Brink und Jonas Reckermann 2009 Weltmeister und 2012 Olympiasieger. Vier Jahre später in Rio gewannen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst die olympische Goldmedaille, Welt- und Europameister wurden sie ebenso.

          Nicht nach Lehrbuch, sondern typspezifisch

          Den Anteil des Coaches an diesen Erfolgen beschreibt Olympiasieger Brink mit einem Höchstmaß an Vertrauen auf der Arbeitsebene: „Die Freiheit, Entscheidungen unter absolutem Zeitdruck zu fällen“, nennt er als Kernkompetenz, die er durch Wagners Wirken perfektionierte. „Er kann dir alle Grundelemente beibringen und weiß die optimale Technik, aber nicht nach Lehrbuch, sondern typspezifisch.“

          Umsetzen muss sie der Spieler selbst. Beim Beachvolleyball ist direktes Coaching ohnehin verboten, doch selbst wenn ein Trainer am Seitenrand sitzen dürfte, müsste der Sportler permanent eigene Entscheidungen treffen. Nur mündige Athleten, so der Grundgedanke, können Höchstleistung abrufen.

          Übertragen auf das Berufsleben, zeigt sich Wagner überzeugt, dass auch jeder Mitarbeiter „individuell betreut“ werden sollte, wenn Höchstleistungen erwartet werden. Und zwar durch den direkten Vorgesetzten, „der ihn führt“. Dabei seien generell zwei Kernkomponenten zu beachten: Wie hoch ist die Motivationslage, und wie attraktiv ist die Aufgabe? Nicht jeder Job im Lagerhaus oder im Großraumbüro ruft die gleiche intrinsische Motivation hervor wie die Aussicht, Olympiasieger zu werden. Deshalb sei es dort schwieriger, die individuelle Leistungsgrenze zu erreichen. „Das geht nicht jeden Tag.“

          Private Umfeldbedingungen beachten

          Im Wirtschaftsleben überleben Mitarbeiter auch mal mit 60 oder 80 Prozent Einsatz und Output, glaubt Wagner, der selbst lange Jahre ein Unternehmen geführt hat. Auf Dauer sei dies aber weder für den Akteur noch für den Betrieb befriedigend. Spätestens dann müsse das Coachen losgehen. Das Chef-Problem in deutschen Betrieben beruht nach Wagners Ansicht darauf, dass die meisten Anführer einen bestimmten Führungsstil entwickelt hätten, nach dem sich die Untergebenen dann zu richten haben.

          Wer aber auch nur drei Mitarbeiter zu führen habe, sollte auch drei verschiedene Ansprachen im Repertoire haben. Er müsse zudem bei jedem Einzelnen die privaten Umfeldbedingungen beachten und drei individuelle Ansätze der Motivation haben. „Hilft Aufmerksamkeit, Lob oder der Hinweis auf Zielvereinbarungen?“ Nicht nur für die Führungskräfte, sondern auch für die Mitarbeiter setzt dieser Ansatz stetiges Mitdenken voraus, denn es kann durchaus passieren, dass dem einen mehr erlaubt werde als dem anderen. Ist das dann gerecht?

          Wagner vergleicht seinen Ansatz gerne mit dem Anforderungsprofil beim Krafttraining. Wenn er bei einer Volleyball-Mannschaft mit zwölf Spielern jedem die gleiche Last auflege, unabhängig von Körpergröße, Gewicht und Vorerfahrung, könne er davon ausgehen, dass ein Drittel unter- und ein Drittel überfordert sei. „Maximal vier Leute trainiere ich richtig.“ Bezogen auf einen Betrieb, liegt auf der Hand, dass eine solche Herangehensweise kein zufriedenstellendes Resultat hervorbringen kann.

          Weitere Themen

          Die Nerds von morgen

          Programmierschule 42 : Die Nerds von morgen

          Die Programmierschule 42 wirft alte Bildungsmodelle über Bord: Studienabbrecher werden ebenso gefördert wie junge Menschen ohne Ausbildung. Denn der IT-Branche mangelt es nach wie vor an Fachkräften.

          Topmeldungen

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.