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Besondere Bauprojekte : Visionäre Meisterstücke

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In der Montagehalle waren weitere Teams unter der Leitung der Schichtleiter dabei, die Teile zusammenzubauen. „Die Hauptmontage muss man sich wie eine Taktstraße mit mehreren Stationen vorstellen. Nachdem die fünf Module der Maschine montiert waren, kam der fordernde Innenausbau hinzu, bei dem Genauigkeit, oft im Teilmillimeterbereich, eine große Rolle spielte.“

Die Mitarbeit an einem solchen Projekt setzt vor allem Flexibilität und Teamgeist voraus: „Jeder Mitarbeiter muss sich einbringen und sich vollkommen mit den Zielen des Projektes identifizieren. Wir brauchen Teamerfolg, das heißt, jeder muss Verantwortung für die eigene Arbeit, aber auch für die Ergebnisse des ganzen Teams übernehmen. Dazu gehört, dass jeder in seinem Fachgebiet Spitzenleistung bringt und sich ständig weiterbildet. Der technische Anspruch erfordert, dass man immer neues Wissen erwirbt“, so Wegener.

Letztlich sollte in jedem Mitarbeiter ein Erfindergeist schlummern. Dass dies tatsächlich so ist, wird deutlich, wenn man mit Stefan Freundt spricht. Der 34-jährige Maschinenbauer ist heute verantwortlicher Ingenieur für unterschiedliche Diagnostiken von Sensor- und Kamerasystemen im Bereich Stellarator-Rand- und Divertorphysik am IPP. In seinen Anfängen, ab 2008, arbeitete er in der sogenannten Testergruppe. Dort wurde beispielsweise Material während der Montage unterschiedlichen Tests unterzogen; die Gruppe stellte Verformungsberechnungen an und kümmerte sich um die Bauteilbeschaffung für Montagehilfsvorrichtungen.

Im Gesamtprozess – vom Entwickeln der Hilfsmittel über deren Fertigung bis zum tatsächlichen Einbau – habe er sein Wissen ständig erweitert, Fachliteratur gelesen oder auch ältere Kollegen um Rat gefragt, berichtet Freundt. Seiner Erfahrung nach könne alles reibungslos funktionieren, wenn man schon frühzeitig, also vor der eigentlichen Montagearbeit, auf Tuchfühlung mit den Monteuren gehe. So wisse man beispielsweise, wie die Kollegen arbeiten, könne Arbeitsanweisungen besser vorbereiten und im Vorfeld klären, welche Vorrichtungen gebraucht würden.

Blick auf die erfolgreich montierte Anlage.

Zehn Jahre Montage in Greifswald, acht Jahre Vortrieb am Gotthard – doch auch das längste Projekt geht irgendwann zu Ende: Bei Baumgart hat sich der Tag des letzten Durchschlags in die Erinnerung eingebrannt, bei Freundt ist es der Tag, an dem Angela Merkel 2016 das erste Plasma von Wendelstein 7-X per Knopfdruck in Gang setzte. „Ein herausragender Moment, um innezuhalten“, so Freundt. Und doch waren die Feierlichkeiten schon wieder ein Neustart für weitere Herausforderungen: Aktuell wird Wendelstein 7-X umgebaut – nach mehreren Experimentierphasen wird die Maschine dann Anfang der 2020er Jahre ihre volle Leistung bringen können.

Der Gotthard-Basistunnel (Schweiz)

  • Der Gotthard-Basistunnel ist mit 57 Kilometer Länge (von Erstfeld in der Schweiz nach Bodio in Italien) der längste Eisenbahntunnel der Welt. Aus zwei einspurigen Tunnelröhren bestehend, unterquert er das Alpenmassiv auf einer nahezu flachen Strecke. Er gilt als Herzstück der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT), des großen Infrastrukturprojekts der Schweiz, das einen leistungsfähigen Schienenkorridor mitten durch die Alpen vorsieht.
  • Ziel: die Verbesserung der Reise- und Transportmöglichkeiten. Unter anderem soll durch die Transportgutverlagerung von der Straße auf die Schiene eine Entlastung der Umwelt herbeigeführt werden. Nach Eröffnung der gesamten NEAT-Strecke wird sich die Fahrzeit von Zürich nach Mailand um eine Stunde verkürzen.
  • Zeitrahmen: Knapp 50 Jahre lang wurde die Planung an die technischen Möglichkeiten und geologischen Erkenntnisse angepasst. Gesamtbauzeit des Basistunnels: 17 Jahre. Eröffnet wurde der Gotthard-Basistunnel am 1. Juni 2016, der Schienenverkehr ging am 11. Dezember 2016 in Betrieb.
  • Gesamtkosten: 12,2 Milliarden Franken (11,24 Milliarden Euro)

Quellen: Alp Transit, UVEK

Das Wendelstein 7-X-Projekt (Greifswald)

  • Wendelstein 7-X (W 7-X) ist die weltweit größte Fusionsanlage vom Typ Stellarator. Sie steht am Greifswalder Teilinstitut des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP). Technisches Kernstück der Anlage ist der Magnetfeldkäfig, der aus 50 speziell geformten, supraleitenden Magnetspulen besteht. Das dort erzeugte Plasma erreicht Temperaturen von bis zu 100 Millionen Grad und bis zu 30 Minuten lange Entladungen.
  • Ziel: zu untersuchen, ob sich eine Fusionsanlage des Stellarator-Bautyps als Kraftwerk zur zukünftigen Energiegewinnung eignet
  • Zeitrahmen: Die Idee, Kernfusion als Energiequelle nutzbar zu machen, gibt es schon seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Im Jahr 1980 begannen die ersten Planungen für eine entsprechende Fusionsanlage im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) Garching. Gesamtbauzeit der Anlage: neun Jahre. Zunächst wurden fünf große, nahezu baugleiche Teilstücke (Module) vormontiert und dann in der Experimentierhalle zu einem Ring zusammengesetzt. Die Montage wurde 2014 abgeschlossen. Nach der Prüfung aller technischen Systeme konnte am 10. Dezember 2015 das erste Plasma erzeugt werden.
  • Gesamtkosten: 1,1 Milliarden Euro

Quellen: IPP, BMBF

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