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Vertuschte Fehltritte : Geständnisse aus dem Job-Alltag

Den Fehler schnell unter den Teppich gekehrt? Fehlerkultur muss früh gelehrt werden, um das zu vermeiden. Bild: Lea Berndorfer

Jeder hat sich im Berufsleben schon einmal einen Fehltritt geleistet. Und so mancher hat ihn vertuscht – Fehlerkultur und Fuck-up-Nights hin oder her.

          5 Min.

          Auch Hochglanzkarrieren zeigen sich manchmal in Sepiabraun. Wir verhalten uns gelegentlich unkorrekt – auch im Beruf. Wir vertuschen Dinge, obwohl viele Menschen Normen und Werte hochhalten. Jedenfalls meistens. Gehört es zu meinem Selbstkonzept, mich als fehlerfrei zu erleben, wird dieser Glaube durch Pannen verunsichert. „Dann ist die Scham da, und das geht in zwei Richtungen“, sagt die Psychologieprofessorin Angela Diehl-Becker von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Oh je, da habe ich Mist gebaut, das ist moralisch nicht in Ordnung, aber ich halte das unangenehme Gefühl aus. Möglicherweise fange ich an, mein Selbstbild mal ein kleines bisschen zu korrigieren, mir zu verzeihen und mich klammheimlich damit auseinanderzusetzen.“ Es könne aber auch eine andere Reaktion geben: Gedanklich schiebe man zuweilen anderen die eigenen Fehler in die Schuhe: Dann sei der Chef schuld oder der Mitarbeiter oder der Geschäftspartner. So vermeide man, über den eigenen Lapsus zu reflektieren, sagt die Psychologin.

          Dieses Verdrängen ist der sogenannten „Selbsthygiene“ nicht dienlich, warnt Diehl-Becker. „Wichtig scheint mir zu sein, die ,Scham vor der Scham‘ abzulegen.“ Diese bestehe oft aus dem Glaubenssatz, „ich bin gut, also gibt es nichts, worüber ich mich schämen sollte“, führe aber in die falsche Richtung. Für die eigene Seelenhygiene sei es wichtig, sich einzugestehen: „Ich bin nicht unfehlbar, ich habe einen Bock geschossen.“ Katharsis komme nur für den, der es schaffe, sich selbst zu vergeben. Scham sei ein „normales“ menschliches Gefühl, „das man genauso wie Freude, Leid oder Angst zulassen sollte“.

          Fehlerkultur beginnt im Elternhaus

          Fehler anzusprechen, das verkraften die meisten Menschen eigentlich gut, hat Daniel Gilbert, Psychologieprofessor in Harvard, herausgefunden. Ob ihnen das gelingt, ohne ein demütigendes Gefühl oder gar Gesichtsverlust zu erleben, liegt aber auch an der Fehlerkultur des Arbeitsumfelds. Daran hapert es, belegt eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young: 66 Prozent der Führungskräfte sprechen von einer offenen Diskussionskultur, aber nur 42 Prozent der Mitarbeiter.

          18 Prozent der Mitarbeiter sagen, Fehler würden überhaupt nicht angesprochen. Ein Grund: Angst vor Jobverlust. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Rundstedt & Partner: Statt sich auf Ursachensuche und Verbesserung zu konzentrieren, steht oft Sündenbocksuche im Vordergrund. „Wenn wir innovativ sein wollen, dann müssen Fehler passieren“, findet Diehl-Becker. Hilft ein Chef kollegial über Situationen hinweg, sei das hilfreich. Manche Unternehmen, Institutionen oder Beratungen haben das erkannt und veranstalten „Fuck- up -Nights“, in denen Berufstätige von ihren Fehlern berichten und sie ins Positive drehen, nach dem Motto: Daraus habe ich etwas gelernt.

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          Eigentlich müsse mit so einer Fehlerkultur schon im Elternhaus begonnen werden, sagt Diehl-Becker: Eltern, die von ihren Kindern keine Perfektion erwarten, tragen dazu bei, dass sich ihr Nachwuchs später traut, Fragen zu stellen, Feedback zu geben und anzunehmen. Diehl-Becker forscht im internationalen Kontext und erlebt, wie die Deutschen am französischen Wangenkuss-Ritual scheitern und zaudern, wer oder ob überhaupt geküsst wird. „Anstatt einfach zu fragen, herrscht bei vielen die Erwartung, sie müssten die Begrüßungsregeln kennen.“

          Was der Wissenschaftlerin wichtig ist: „Nicht verwechseln darf man Feedback mit der Abgabe bewertender Posts in sozialen Netzwerken. Feedbackkultur meint ja eher eine von Wohlwollen geprägte persönliche Auseinandersetzung mit dem Gegenüber auf Basis der eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen, verbunden mit der Bereitschaft, auch die Wahrnehmungen und Empfindungen des anderen ernst zu nehmen. Also eben nicht eine unpersönliche Einwegkommunikation.“

          Fehlverhalten vor sich selbst zuzugeben ist das eine, dann den Schaden zu begrenzen, ist etwas anderes. „Gegebenenfalls muss ich mich entschuldigen. Das ist aber von der Situation abhängig“, sagt Diehl-Becker. Aus gutem Grund gilt die Beichte unter Katholiken als Sakrament der Versöhnung. Wer sich angemessen entschuldigt nach einem Fauxpas, der signalisiert Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das ist in den meisten Fällen gesünder als vertuschen. Denn Schamgefühle verjähren nicht.

          Auf dem Topf

          Wie immer war im Pflegeheim viel zu viel zu tun. Ich habe mich abgehetzt, die Übergabe gemacht, das Mittagessen aufgetragen und anschließend Herrn M. zum Toilettenstuhl begleitet. Dort ist er eingeschlafen, und mir ist das erst gut eine Stunde später eingefallen, dass ich ihn da vergessen habe. Er hätte mit dem Notrufknopf auf sich aufmerksam machen können, vielleicht war ihm das aber gar nicht klar. Übel genommen hat er mir das nicht. Das ist unser Geheimnis geblieben.

          Elfriede, 52 Jahre, Altenpflegerin

          Fehlgeleitet

          Es war Wochenende, an der Tankstelle war viel los, da kam ein Kunde herein und wollte wissen, wie er zu einer Straße findet, sein Navi war ausgefallen. Ich habe ihm den Weg erklärt, noch eine flüchtige Skizze gemacht. Als er gerade in seinen Wagen gestiegen war, ist mir gedämmert, dass ich die Straße verwechselt hatte, einen Dreher hatte und ihn in die entgegengesetzte Richtung geschickt habe. Das war mir in dem Moment so peinlich, dass ich ihm nicht hinterhergelaufen bin.

          Harald, 22 Jahre, Student mit Tankstellenjob

          Der Faktor sieben

          Ich hatte ein paar Kollegen zu einem Essen in ein hochpreisiges Restaurant eingeladen. Das Essen war gut, aber überteuert, Haube hoch, und es war kaum was drunter, der Kellner war ... na ja. Eine Flasche Wein, unterste Kategorie auf der Karte, kostete 48 Euro – ich stamme von der Mosel und schätze, da ist der Faktor sieben angewendet worden. Wir haben jedenfalls eine Flasche getrunken. Ich habe bezahlt, der Betrag kam mir vernünftig vor. Zu Hause habe ich genauer hingeschaut und gesehen: „Oh, die haben den Wein vergessen.“ Meine Frau sagte: „Da rufst du jetzt an!“ Ich habe gesagt: „Das meinst du nicht ernst!“ Und nichts unternommen.

          Karl-Heinz, 57 Jahre, Leitender Angestellter

          Alles schon vergeben

          Ein Bekannter hat mich gefragt, ob sein Sohn bei uns Praktikum machen kann. Den Jungen kenne ich nur oberflächlich, der scheint mir ganz in Ordnung zu sein. Aber der Vater, dessen zweiter Vorname heißt Klüngel, der schleimt sich durch die Honoratiorenkreise unserer Stadt und ist immer nur auf seinen Vorteil aus. Total unsympathisch, der Typ. Ich habe dann einfach gesagt, die Stellen seien alle vergeben und meinen Chef vor dem Bewerber gewarnt. Stolz bin ich darauf nicht. Sippenhaft lehne ich ab. Aber dass der intrigante Vater möglicherweise Interna über meine Arbeit erfährt, der Gedanke war mir unerträglich.

          Maria, Germanistin, zum Zeitpunkt des Geschehens 35 Jahre

          Pommes rot-heiß

          Ich habe meinen Zivildienst beim Malteser Hilfsdienst geleistet, weil ich nicht zur Bundeswehr gehen wollte. Wir haben viel über Erste Hilfe gelernt, der Zusammenhalt war gut. Vor allem in den frühen Nachmittagsstunden war häufig nichts los, wir saßen stundenlang auf der Rettungswache rum. Ab und zu haben wir dann Pommes Frites für alle geholt. Damit die nicht matschig wurden, haben wir die Sirene angemacht und sind durch die Straßen zurück zur Zentrale gebrettert, „Pommes rot-heiß“ hieß das. Stolz bin ich nicht darauf und heute noch froh, dass damals nichts passiert ist.

          Bernhard, Diplomkaufmann, damals 19 Jahre

          Ladenhüter angedreht

          Ich weiß, wir Autoverkäufer haben nicht den allerbesten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Was haben wir von unzufriedener Kundschaft, die sich schlecht beraten fühlt und zur Konkurrenz geht? Ich nehme mir Zeit, viel Zeit. Aber da war dieses anspruchsvolle Rentnerpaar, die kamen mit einem irre langen Fragenkatalog. Die hatten Zeit ohne Ende und meinten das nicht böse. Aufs Geld mussten die nicht gucken. Mir sitzt mein Chef und ein Abschluss im Nacken. Da wurde es mir zu bunt. Denen habe ich schließlich ein Modell aufgeschwatzt, was schon monatelang auf dem Hof stand. So ein richtiger Ladenhüter, der guten Komfort bietet, aber einen hohen Verbrauch hat. So was mache ich eigentlich nie. Aber so bin ich beide losgeworden, die lästige Kundschaft und das Auto, das keiner wollte.

          Mathis, Autoverkäufer, 59 Jahre

          Jetzt pressiert’s

          Mitten in München nahe des Englischen Gartens teilen wir den Firmenparkplatz mit einem anderen Unternehmen und parken in zweiter Reihe. Das ist abgesprochen: Wer jemanden zuparkt notiert seine Nummer auf einem Zettel am Scheibenwischer, ist bei Bedarf erreichbar und fährt das Auto weg. Es kommt mittlerweile aber immer öfter vor, dass mein Auto zugeparkt ist und ich niemanden erreiche. In jüngster Zeit sind das immer wechselnde Leute. Ich muss um 14 Uhr pünktlich los, um mein Kind aus der Mittagsbetreuung zu holen. Von Woche zu Woche wird das schwieriger. Einmal, mitten im Schnee-und-Eis-Chaos, habe ich wieder keinen erreicht, bin die Treppen hoch gerast und habe über den Flur gebrüllt: „Parken Sie Ihr Auto weg, mein Kind ist im Krankenhaus! Ich muss da sofort hin!“ Wie von der Tarantel gestochen sind gleich zwei Männer runtergelaufen, haben den Wagen weggefahren, mir angeboten, mich ins Krankenhaus zu bringen, wenn ich zu aufgeregt sei, um selbst zu fahren, und mir alles Gute für mein Kind gewünscht. Noch Tage später haben sie sich immer wieder nach dessen Wohlergehen erkundigt. Bis heute schäme ich mich für diese Notlüge.

          Katharina, 40 Jahre, Kunsthistorikern

          Mitmachaktion für mehr Fehlerkultur

          Hatten Sie auch schon einmal peinliche Fehltritte im Beruf? Schicken Sie uns Ihre Erlebnisse unter berufundchance@faz.de! Die besten Zuschriften wollen wir bei genügend Rücklauf veröffentlichen.  

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