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Verkürzte Gymnasialzeit : Die Wirtschaft hält G8 immer noch für eine gute Idee

Unterschriften gegen das Turbo-Abitur Bild: dpa

Vier von fünf Eltern sind gegen die achtjährige Gymnasialzeit, nicht wenige Schulen kehren zu neun Jahren bis zum Abitur zurück. Die Wirtschaft warnt vor einem solchen Schritt.

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          Die Schüler klagen: 38 Unterrichtsstunden in der Woche in der elften Klasse, ein Jahr vor dem Abitur. Hinzu kommen Hausaufgaben und das Lernen für Prüfungen. Den Schülern eines Berliner Gymnasiums ist das zu viel. Nach dem Abitur wollen fast alle zuerst einmal eine Auszeit nehmen. Ihre Eltern machten keinen Druck. „Meine Mutter ist Lehrerin und hält das ganze System auch für totalen Schwachsinn“, sagt eine Schülerin.

          Fast einhelliger Widerstand gegen G8

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Mit dem ganzen System ist G8 gemeint, die von neun auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit. Sie wurde vor zehn Jahren nach und nach in allen Bundesländern außer in Rheinland-Pfalz eingeführt. Nach der jüngsten deutschlandweiten Umfrage zu G8 und G9, die der Bielefelder Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann im vergangenen Jahr durchgeführt hat, würden 79 Prozent der Eltern für ihr Kind das neunjährige Gymnasium wählen. „Es ist schon eine Besonderheit, dass eine von fast allen Kultusministern eingeführte Reform auf so einhelligen Widerstand stößt“, sagt Tillmann.

          Eltern sind Wähler, ihr Wille spielt in der Politik eine wichtige Rolle. Einige Bundesländer sind deshalb zurückgerudert, andere tun das gerade, nämlich Hessen und Bayern, wo gerade Landtagswahlen stattfinden oder stattgefunden haben. In Hessen gibt es nun Wahlfreiheit, und zu Schuljahresbeginn sind 39 von 107 Gymnasien zu G9 zurückkehrt. Die bayerische Regierung hat ein freiwilliges zusätzliches Jahr in der Oberstufe in Aussicht gestellt. In Baden-Württemberg proben 44 Modellschulen G9. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein dürfen Gymnasien wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten; allerdings machen das nur wenige. In Niedersachsen könnten die Gymnasiasten ebenfalls bald die Wahl haben.

          Unternehmen wollen jüngere Mitarbeiter

          Viele, die einst für G8 waren, befürworten nach den negativen Erfahrungen und Berichten die Rückkehr zu G9. Nicht aber die Wirtschaft: Sie hält trotz aller Kritik daran fest. Schon als G8 eingeführt wurde, habe man zu den Hauptbefürwortern gehört, sagt Donate Kluxen-Pyta von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

          Damals habe der Slogan gegolten, Deutschland habe die ältesten Schüler, die ältesten Studenten und die jüngsten Rentner. „Mit G8 sollte das Bildungssystem effizienter und zielgenauer werden“, sagte sie. Für Unternehmen sei es wichtig, jüngere Mitarbeiter zu bekommen. „Dahinter steht der Gedanke des lebenslangen Lernens, also lieber die Erstausbildung kürzen und dafür später weiterbilden, zum Beispiel mit einem berufsbegleitenden Master.“

          Es gibt auch gewichtige volkswirtschaftliche Argumente für G8: Wegen des demographischen Wandels müssen die Deutschen länger arbeiten, um ihr Rentensystem zu finanzieren. Und dann sei es doch besser, ein Jahr früher in das Berufsleben einzusteigen, als noch später in Rente zu gehen, meint zum Beispiel das Institut der deutschen Wirtschaft.

          Früherer Berufseinstieg bringt Milliarden

          Es hat ausgerechnet, dass ein um ein Jahr früherer Berufseinstieg jedem Akademiker einen finanziellen Vorteil von 54 000 Euro bringt. Bei derzeit rund 500 000 Studienanfängern ergibt das einen Wertschöpfungsgewinn für die Volkswirtschaft von knapp 30 Milliarden Euro im Jahr. Allerdings ist noch unklar, ob nicht viel mehr G8- als G9-Abiturienten nach dem Studium eine Auszeit nehmen.

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