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Verbandschef im Interview : Es fehlen Lehrer, Räume und Schutzmaßnahmen

Warnschilder reichen nicht: der Arbeitsschutz an Schulen ist komplex und beginnt schon im Schulbus Bild: ZB

Scharf hat der Lehrerverband VBE in einem offenen Brief die Zustände an rheinland-pfälzischen Schulen kritisiert. Im Interview erklärt der Landesvorsitzende, warum er das Öffnungskonzept der Regierung ablehnt.

          4 Min.

          Sie haben als Landesvorsitzender des VBE Rheinland-Pfalz in einem offenen Brief deutliche Worte an die Bildungsministerin des Landes, Stefanie Hubig, gerichtet, die derzeit auch der Kultusministerkonferenz vorsteht. Sie sprechen unter anderem von einem „sorglosen Handeln der Landesregierung“, das „Leib und Leben“ von Lehrkräften und Schülern gefährde. Warum diese scharfen Worte? Welches sind Ihre Hauptkritikpunkte?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Landesregierung hätte Gelegenheit gehabt, zu vermeiden, dass wir so deutlich werden. Denn wir haben schon in der Schließungsphase darauf bestanden, die Schulsäle so herzurichten, dass der Arbeitgeber dem Arbeitsschutz nachkommt. Wir haben zum Beispiel ordentliche Masken, am besten mit Visier, für die Lehrerinnen und Lehrer gefordert. Denn die Kinder und Jugendlichen sind im Unterricht auf eine deutliche Sprache angewiesen, auch die Mimik des Lehrers sollte erkennbar sein. Ein anderer Punkt: Gerade für Kinder ist Rückmeldung sehr wichtig, die Kleineren kommen ja noch ans Pult gelaufen und fragen: „Frau Lehrerin, habe ich das richtig gemacht?“ Mit einem Abstand von 1,50 Meter kann eine Lehrerin aber keine ordentliche Rückmeldung geben, das ist unmöglich. Aus diesem Grund haben wir gefordert, dass vor dem Pult oder in einer Ecke des Klassenraums eine Plexiglasscheibe angebracht wird, sodass die Lehrerin oder der Lehrer dahinter frei agieren kann; ähnlich wie bei den Verkaufstheken sollte es eine Durchreichmöglichkeit geben. Das und nicht mehr haben wir gefordert. Wir haben insistiert, haben Gespräche angeboten, wir haben die Hauptpersonalräte aktiviert – doch unsere Forderungen sind mit unzureichenden Begründungen abgelehnt worden. Aber wir lassen uns den Mund nicht verbieten. Und es musste jetzt nach der Schulöffnung nochmal festgestellt werden, dass der Arbeitgeber dem Arbeitsschutz nicht nachkommt. Täglich erhalten wir Briefe von Rektorinnen und Rektoren, die sich für unsere klaren Worte bedanken.

          Auch der Schulweg weist nach Ihren Beobachtungen zu viele Lücken auf.

          Wir haben frühzeitig davor gewarnt, dass der Schülertransport gemäß den Hygieneregeln nicht funktioniert, wenn nicht kontrolliert wird. Es muss eine verantwortliche Person geben, die auf Masken und Abstände achtet. Die Busunternehmer und Busfahrer fühlen sich nicht zuständig. Darauf wurde zum Beispiel in einem Rundschreiben der Verkehrsbetriebe in Trier klar hingewiesen. Die Busfahrer geben allenfalls auf Nachfrage eine Maske aus, wenn ein Schüler sie zu Hause vergessen hat. Kürzlich bin ich einem Bus nachgefahren, darin standen die Schülerinnen und Schüler dicht an dicht. Von Gesundheitsschutz war da nichts zu sehen. Daher haben wir auch gesagt: Das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, steigt schon morgens in den Schülertransport mit ein und breitet sich aus. Die Hygienemaßnahmen werden vor der Schule mit Füßen getreten, um dann in der Schule aufrechterhalten zu werden. Da kann die Infizierung schon längst stattgefunden haben. Der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, hat kürzlich in einer Talkshow die Formulierung vom Hochrisikoberuf des Lehrers geprägt. Genau so sehen wir es. Wir fühlen uns vom Arbeitgeber nicht einmal so sehr wertgeschätzt, dass er ein paar Tausend Euro in die Hand nimmt, um ein paar Plexiglasscheiben zu installieren. Das bezeichne ich als Willkür und Sorglosigkeit.

          Den Stufenplan für Rheinland-Pfalz halten Sie für nicht umsetzbar?

          Gerhard Bold

          Frau Hubig hat in ihrer aktuellen Funktion als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz versprochen, dass die Schüler alle noch einmal bis zum Schuljahrsende im Klassenraum gewesen sein sollten. Wie soll das gehen? Sie teilen die Klasse auf, die einen werden unterrichtet, die anderen bleiben zu Hause. Sie haben aber nur einen Kopf, den sie dafür abstellen können. Was wenn diese Person jetzt krank wird? Dann fällt der Plan zusammen. Und wie steht es mit den Lehrern, die ein Risikofall sind oder einen solchen zu Hause haben und nicht in die Schule kommen können - auf dreißig bis vierzig Prozent der Lehrer soll das zutreffen. Auch höre ich von Schulleitern, dass es zu mehr Krankmeldungen kommt als üblich. Wenn das so ist, muss man es auch sagen.

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