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Unternehmensnachfolge : Haben Sie keinen Bruder?

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„Mach mal langsam, haben wir gesagt“

Dass ihr Vater ihr scheinbar Steine in den Weg legte, verstand die junge Frau anfangs nicht. Traute er ihr das alles nicht zu? „Alle zwei Wochen hatte ich einen Tag mit meinem Vater, da wollte ich alles hinschmeißen.“ Die Unsicherheit machte ihr so zu schaffen, dass sie sich Hilfe bei einem Psychologen holen musste.

Dabei wollten ihre Eltern eigentlich nur das Beste. „Mach mal langsam, haben wir gesagt“, erinnert sich Eberding. Er wollte sich ein Beispiel an der erfolgreichen Übergabe seines Vaters nehmen. Der hatte ihn zunächst in einen großen Maschinenbaubetrieb in der Nähe in die Ausbildung geschickt, dann ließ er ihn alle Abteilungen des Familienunternehmens durchlaufen. Der Sohn sollte selbst Maschinen entwickeln und Produktionen betreuen. Erst dann, mit Ende zwanzig stieg Eberding in die Geschäftsführung ein. Der klassische Weg.

Führungsqualitäten statt Fachwissen

Auch Schwarz ist heute Ende zwanzig. Aber das Jahr 2012 ist nicht 1980, und Frauen wählen andere Ausbildungswege als Männer. Statt technische Berufe zu lernen, studieren sie Betriebswirtschaftslehre. Sie steigen nicht über die Produktion ins Unternehmen ein, sondern über die Bereiche Personal, Vertrieb oder eben Marketing. Sie glänzen nicht mit Fachwissen, sondern mit Führungsqualitäten.

Das hat mittlerweile auch Schwarz’ Vater erkannt. „Meine Tochter ist eine Frontfrau“, sagt Eberding. Vor einigen Wochen, als er sechzig wurde, hat er sie zur stellvertretenden Geschäftsführerin gemacht. „Wir haben eingesehen, dass sie offiziell Verantwortung bekommen muss. Man wird ja nicht jünger.“ Die Bank und die Kunden wollten einen Nachfolger sehen, und sollte ihm etwas zustoßen, braucht es einen Handlungsbevollmächtigten - oder eben eine Handlungsbevollmächtigte.

Forciert hat auch diesen Schritt jedoch nicht zuletzt Schwarz. Denn: Sie ist schwanger, im siebten Monat. Und bevor sie sich für einige Monate in Mutterschutz verabschiedet, möchte sie für sich klare Verhältnisse schaffen. Woanders wäre ein Kind in dieser Phase wohl nicht möglich gewesen. Aber Eberding freut sich auf sein Enkelkind. Dadurch, dass seine Tochter nun die Nachfolge antritt, hat er gleich doppelt ein gutes Gefühl: Zum einen bleibt das Unternehmen in der Familie, „aber natürlich geht es auch darum, dass ein Vater immer das Beste für seine Kinder will“.

Familienunternehmen gelten generell als besonders frauenfreundlich. Die Frauenquote für Führungspositionen ist hier höher als in der Gesamtwirtschaft. Aber Rosemarie Kay vom IFM Bonn sagt: „Das täuscht.“ Das liege nicht daran, dass Unternehmerfamilien besonders in Frauen vertrauen oder hier Familie und Beruf besonders gut vereinbar seien. Es liege daran, dass Frauen es vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Handels- oder Dienstleistungsbranche in Führungspositionen schaffen. Und die sind im Verhältnis eben besonders oft familiengeführt.

„Ich will meinem Bruder nichts wegnehmen“

Eberdings Maschinenbauunternehmen ist im Vergleich dazu eine typische Männerdomäne. „Ich muss mir jetzt nach und nach mein eigenes Netzwerk aufbauen“, sagt Schwarz, jünger und etwas weiblicher als das bisherige soll es sein. Denn vom Zulieferer bis zum Rechtsberater sind es fast alles Männer aus der Generation ihres Vaters. Aber auch sie hätten alle positiv reagiert, als sie ins Unternehmen eingestiegen ist, sagt Schwarz. „Sie haben sich gefreut, dass die Zusammenarbeit nun auf lange Sicht gesichert ist.“

Was auf lange Sicht mit dem Bruder wird, ist dagegen noch nicht klar. Der Vater hält ihm den Einstieg ins Unternehmen weiter offen. „Ich habe ihm sogar abverlangt, dass er mir zusagt, dass er meine Tochter im Unternehmen unterstützt, wenn mir etwas zustoßen sollte“, sagt Eberding. Schwarz macht dieser Gedanke zu schaffen: „Ich will meinem Bruder nichts wegnehmen. Ich habe nur Angst, mich wegen der Firma mit ihm zu zerstreiten.“ Sie wünscht sich, dass ihr Vater das regelt. Testamentarisch. Und zwar möglichst bald.

“Meine Tochter hat jetzt Vorsprung“, sagt Eberding. „Das werde ich natürlich bei der Nachfolgeregelung berücksichtigen. Wer Verantwortung für das Tagesgeschäft hat, bekommt 51 Prozent.“ Er sehe seine Tochter als Nachfolgerin an, und er traue es ihr auch zu. Aber vor allem vertraut er ins Unternehmen. Denn da war immer sein Ziel: dass der Betrieb ihn nicht mehr braucht, wenn er in Rente geht und die Mitarbeiter die Verantwortung tragen. So ganz hat das noch nicht geklappt. „Mein Vater steht noch über allem“, sagt Schwarz.

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