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Unternehmensberatung : Eine Strategie für Stollwerck

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Süße Sünde: Schokolade von Stollwerck Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

An der Schokoladenseite der Wirtschaft herrscht Betriebsamkeit. Soll sich Stollwerck auf Schokolade konzentrieren oder weiter mehrgleisig fahren, lautet die zu lösende Aufgabe in der „Alpine University“ von McKinsey.

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          Richtige Berater lassen sich von der Umgebung wahrscheinlich nicht von ihrer Arbeit abhalten. Wer aber nur mal für einen Nachmittag Berater spielt, fragt sich angesichts des Ausblicks auf verschneite Hänge und das weihnachtlich illuminierte Kitzbühel schon, ob er seine Zeit gerade richtig investiert. Denn solche Ausblicke ermöglicht der Raum in der „Alpine University“ von McKinsey.

          Das ehemalige „Grand Hotel Kitzbühel“, 1903 erbaut, galt bis zum Zweiten Weltkrieg als Top-Anlaufstelle für die High-Society. In der Nachkriegszeit ging es mit dem Nobelhotel kontinuierlich bergab, im Jahr 1996 erbarmte sich der damalige McKinsey-Deutschland-Chef Herbert Henzler des zunehmend verfallenden Hauses. Es wurde renoviert und 1999 als Trainingszentrum für McKinsey wiedereröffnet.

          Nun sitzen etwa zwanzig Nicht-Berater im nüchternen Raum „New York“ und sollen ein typisches Projekt bearbeiten. Es gilt, eine Strategie für einen Schokoladenfabrikanten zu entwerfen. Der Auftrag könnte sogar dem wahren Leben entnommen sein, allerdings nicht dem Hier und Jetzt. Da der Berater im allgemeinen und McKinsey schon mal überhaupt nicht über aktuelle Kunden spricht, handelt es sich um einen historischen Fall. Es geht um 1876, also um jenes Jahr, in dem der Unternehmer Franz Stollwerck verstarb. Der Beratungsauftrag an McKinsey wird von seinen Söhnen erteilt, und hier wird es dann doch unrealistisch, denn McKinsey wurde erst 1926 gegründet. Die Nachkommen wollen wissen, wie es mit Stollwerck denn nun weitergehen soll.

          Marzipan, Liköre, Knallbonbons und Schokolade

          Unterwiesen werden die Noch-Nicht-Berater von Birgit König, die bei McKinsey auf Strategiethemen spezialisiert ist. Sie gibt zunächst einmal einen Überblick über den Klienten. Stollwerck, führt sie aus, verfügt 1876 über ein relativ diversifiziertes Produktportfolio. Hustenbonbons gehören damals ebenso dazu wie Marzipan, Liköre, Knallbonbons und eben Schokolade. Wobei diese mit der heute üblichen nur wenig gemein hat. Die Berater-Schüler lernen außerdem, daß Hustenbonbons zwar eine ordentliche Marge von gut 25 Prozent erzielen, daß aber der Umsatz vor allem bei den Kakaoprodukten zulegt - zuletzt von 124.000 auf 164.300 Taler.

          Soll sich Stollwerck also auf Schokolade konzentrieren oder weiter mehrgleisig fahren, lautet die zu lösende Aufgabe. Dummerweise weiß heute jedes Kind, daß Stollwerck den Schokoladen-Weg gegangen ist. Also geht man nicht völlig unvorbelastet an die Arbeit. Das tun echte Berater aber auch selten, und darin liegt laut König tatsächlich auch eine Gefahr. Sie müssen sich immer wieder davor hüten, Erfahrungen aus anderen Projekten zu sehr in die Beratung eines Klienten einfließen zu lassen. „Die Eins-zu-eins-Übertragung von Lösungen von einem auf einen anderen Kunden funktioniert nie“, sagt Strategieberaterin König.

          „Sichere Prognosen gibt es praktisch nie“

          Schnell wird klar, daß Beratung viel von einem Handwerk hat. Schon in der Art, wie er mit den Informationen umgeht, unterscheidet sich der Beratungsanfänger vom Profi. Der Nicht-Berater hat die Neigung, quasi aus der Hüfte gleich die große Strategie zu entwerfen. Jedem Beratungsprojekt liegt aber ein genau definierter Prozeß zugrunde, und der beginnt mit Analyse und noch mal Analyse. Im Falle Stollwerck lautet die Aufgabe, die Unsicherheit über künftige Entwicklungen mit Hilfe einer Strategie zu bändigen. Zunächst gilt es also, die Risiken der verschiedenen möglichen Umweltzustände und Unternehmensentscheidungen einzuschätzen. Und zwar zunächst nicht die Höhe des Risikos, sondern um welche Art von Risiko es sich handelt. Kann man sichere Prognosen anstellen? Oder wenigstens die ungefähre Richtung vorhersagen? Oder schließen verschiedene Umweltzustände einander aus?

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