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Unternehmen : Vertrauen ist gut, Kontrolle ist oft schlechter

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Halten Sie Ihren Chef für „tricky“? Fehlendes Vertrauen verzögert die Produktion. Ein autoritärer Führungsstil schadet langfristig dem Betriebsklima. Ist der Arbeitgeber großzügig, so wird dies meist belohnt.

          6 Min.

          Mitarbeiter stellen ihren Unternehmen und ihrem Chef die Vertrauensfrage. Meist unbewußt, aber nachdrücklich. Regiert untereinander Mißtrauen, hat das fatale Folgen - menschlich und volkswirtschaftlich gesehen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Vertrauen ist immer eine Investition in Unsicherheit“, sagt Peter Groß. Der Kölner Psychotherapeut, der lange Jahre bei der Lufthansa und dem Hapag-Lloyd-Konzern gearbeitet hat, beschäftigt sich mit den Folgen mangelnden Vertrauens in der Wirtschaft. Groß erinnert an eine Neuerung, die er während seiner Lufthansa-Jahre miteingeführt hat. Das Unternehmen richtete im Kölner Verwaltungsgebäude Großraumbüros ein. Der psychologische Dienst sollte die Mitarbeiter auf die neue Situation einstimmen. Wer Stifte, Papier oder Umschläge brauchte, der mußte das bisher schriftlich beantragen: bürokratisch, aber auch kontrollierbar. Das führte zu üppigen Bestellungen, um den lästigen Vorgang zu vermeiden. Zehn Malblöcke und fünf Eddings für den Nachwuchs abzuzwacken, das traute sich schriftlich kaum jemand. Gegen den Widerstand der Chefs empfahlen die Psychologen, auf jeder Etage ein frei zugängliches Materialdepot einzurichten.

          Der kooperative Führungsstil zahlt sich aus

          Zunächst löste die Liberalisierung Hamsteraktionen aus. Mitarbeiter versorgten sich überreichlich mit Material: Wer weiß, vielleicht wird das ja wieder revidiert? Was man hat, das hat man. Großzügig wanderten Blöcke für die Kinder in die Schreibtischschubladen. Das Hamsterverhalten hielt nicht an. Als klar war, die Materialversorgung bleibt unkompliziert, stellten die meisten ihre Beutezüge ein. „Irgendwann gab es einen Sättigungsgrad. Hartnäckiges Vertrauen erzeugt Vertrauen“, erklärt Groß. „Mißtrauen erzeugt Mißtrauen. Wenn Mitarbeiter einer Firma ihr Vertrauen entziehen, dann haben sie viele Möglichkeiten, zum Ruin der Firma beizutragen - und sei es, daß sie Dienst nach Vorschrift machen.“

          Fehlendes Vertrauen lähmt die Kommunikation. „Die Mitarbeiter verspüren wenig Neigung, mit schlechten Nachrichten zum Boß zu kommen.“ Beispielsweise wenn ein Angestellter absieht, daß er einen Termin nicht einhalten kann oder sein Budget überschreitet und das verschweigt: Probleme, die der Vorgesetzte erfahren müßte, weil sonst die Produktion gefährdet ist. Chefs müssen delegieren und sind auf lückenlose Information angewiesen. „Deshalb predigen wir, es lohnt sich für Firmen, ein gutes menschliches Verhältnis herzustellen. Der autoritäre Führungsstil hat kurzfristig Vorteile, langfristig zahlt sich der kooperative mehr aus.“ Dieser kooperative Stil basiere auf einem Vertrauensvorschuß: Der Vorgesetzte geht davon aus, daß der Mitarbeiter das kann, was er können sollte. Und daß der Angestellte darüber informiert, welchen Zwängen er ausgesetzt ist. Das muß ihm wiederum der Chef vorleben.

          Großzügigkeit wird belohnt

          „Entscheidungen müssen vor den Mitarbeitern erläutert und begründet werden. Je schärfer die Kontrolle, desto größer ist der erzeugte Unmut. So wirtschaftet man den Loyalitätsbonus der Mitarbeiter herunter.“ Verfolgt der Vorgesetzte argwöhnisch jede Dienstreise, dann streckt ein Untergebener gerne mal die Pause zwischen zwei Terminen oder legt einen Umweg ein. Wird das Geschäftsessen nur mißgünstig genehmigt, dann spendiert der so eisern Kontrollierte gerne noch einen zweiten Aperitif, um sich an den autoritären Vorgaben „zu rächen“. Solches Verhalten reicht an der Basis bis ins Bizarre: Putzfrauen, die von ihrem Vorarbeiter über die Flure gehetzt werden, entwenden Toilettenpapier - nur um ihre Wut über die unmenschliche Behandlung zu kühlen.

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