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Unsere neue Serie über Jobs in der Provinz: Landpartie No. 1 : Weit draußen

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Innerhalb der Firma Karriere zu machen – die Chancen stehen für Jens Jurgeleit eher schlecht. Denn abgesehen von der Chefin und ihrer Stellvertreterin gibt es keine weiteren Hierarchie-Ebenen – also auch keine Jobs, in die man aufsteigen kann. „Aber wenn man überlegt, dass ich gerade erst von der Uni komme und hier im Management und im Controlling mithelfe, Projektanträge schreibe und außerdem noch im Labor arbeite, kann man das schon als steilen Aufstieg bezeichnen“, findet er. Hier hat er die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. Manchmal fühlt er sich wie MacGyver, weil er sich selbst überlegen muss, wie er ein Projekt in die Tat umsetzen kann. Die Firma wächst stetig und soll vielleicht schon bald in ein größeres Gebäude umziehen – doch die technische Ausstattung ist nicht so üppig wie in einem Forschungsinstitut an der Uni, manches muss man sich selbst zusammenbasteln. Den ehrgeizigen Biologen, der gern als Wissenschaftler Karriere machen möchte, hat das selbständiger gemacht. Wenn er versucht, Forschungsanträge genehmigt zu bekommen, erledigt er die Arbeit, die an der Uni sonst von Professoren gemacht wird.

Jens Jurgeleit zieht seinen Kittel aus und läuft über den mit Kopfsteinpflaster befestigten Innenhof des alten Bauernhauses. Die Luft riecht nach feuchter Erde und Moos. Drüben, in der kleinen Küche im Hauptgebäude, packt er ein paar belegte Brote aus und setzt sich an den Tisch. Nach dem Abitur hat er zuerst ein Jahr lang in Dresden Mechatronik studiert und ist dann für ein Biologiestudium nach Braunschweig gewechselt. Der Druck an der Uni war groß, auch der, den er sich selbst machte: Er verkürzte sein Studium um ein Semester und nahm sich vor, als einer der Besten abzuschließen. Eine Prüfung jagte die nächste. Er hatte das Gefühl, immer unter Strom zu stehen, für ein Privatleben war kaum Zeit. „Es ist nicht so, dass ich hier auf dem Land weniger arbeite, im Gegenteil“, sagt er. Doch das Leben hat eine andere Geschwindigkeit. „Die Leute sind entspannter.“ Wenn jemand weg muss, weil seine Ziege ein Junges bekommt, hat jeder Verständnis. Ein anderer übernimmt dann die Arbeit – oder sie wird später nachgeholt.

Um 16.30 Uhr hat er Feierabend. Wieder tritt er hinaus in den Hof. Er winkt den Kollegen und steigt in seinen Golf. Sein Heimweg führt ihn an Stoppelfeldern und Wäldern, Kuhtränken und alten Bauernhäusern vorbei. Zwischendurch muss Jens Jurgeleit rechts ranfahren, weil ihm ein Trecker entgegenkommt. Eine halbe Stunde später ist er zu Hause. Er lebt im 30 Kilometer entfernten Lüchow – einer Kleinstadt im Wendland mit rund 9.500 Einwohnern. „Wir zahlen 500 Euro Miete im Monat“, sagt Jens Jurgeleit und schließt die Tür der 110-Quadratmeter-Wohnung in einer alten gelben Jugendstilvilla auf, in der er gemeinsam mit seinem Freund lebt. Ein Preis, für den man in Hamburg, Frankfurt oder München mit sehr viel Glück eine sehr kleine Einzimmerwohnung bekommt. Allerdings: Kein Starbucks, kein Saturn, kein Apple-Store, das kleine Städtchen mit den Fachwerkhäuschen hat keinen eigenen Bahnhof, so weit draußen hat nicht einmal das Handy permanent Empfang. Stört ihn das? Nein, er mag es, dass die Leute einander grüßen, dass man schneller ins Gespräch kommt als anderswo. Obwohl er erst seit einem knappen Jahr im Wendland lebt, hat er einen großen Freundeskreis. Die Gruppe, mit der er sich häufig trifft, besteht aus 30 Leuten. Dumme Sprüche, weil er schwul ist, hat er hier noch nie gehört.

Wenig später sitzt Jens Jurgeleit in seinem Stammrestaurant „Wendel“. Jägerschnitzel und Pommes. Er würde gern später einmal als Dozent an der Uni arbeiten, sagt er. So wie seine Chefin, die Vorlesungen an der Hochschule Hannover hält. Das bedeute aber nicht, dass er aus dem Wendland wegziehen werde. Im Gegenteil: Er träumt davon, einen alten Resthof zu kaufen. Das 9.000-Einwohner-Städtchen Lüchow ist ihm eigentlich noch zu groß. Am liebsten würde er richtig weit draußen wohnen, richtig im Grünen, richtig auf dem Land.

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