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Universitäten : Exzellent bis zur Selbstaufgabe

Exzellenzinitiative bindet Kräfte

Seit nunmehr zwei Jahren bindet die Exzellenzinitiative die Kräfte der renommiertesten Forscher in den Universitäten, die sich in der dritten Runde neu beworben haben. Alle bisher schon ausgewählten mussten einerseits Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeit vorlegen, was nach zwei Jahren und bürokratischen Anfangsschwierigkeiten nicht immer ganz leicht war, und einen kreativen Vorschlag für die Fortsetzung entwickeln. Prinzipiell haben es die Neubewerber also etwas leichter, sie konnten noch unbeschwerter Luftschlösser bauen und mussten noch keine Ergebnisse vorweisen.

Es ist kein Zufall, dass nur vier der 27 ins Finale gelangten Cluster aus den Geistes- und Sozialwissenschaften stammen. Bei den bisher schon beteiligten 37 Clustern sind es sechs. Zwar sind die Kulturwissenschaften offenbar bei der Exzellenzinitiative erfolgreicher gewesen als in den koordinierten Programmen der DFG, aber das dürfte eher mit ihrer virtuosen Beherrschung des „Zeitgeist-Surfens“ zusammenhängen. Für die Geisteswissenschaften ist das Cluster-Format zu groß, ein Sonderforschungsbereich wäre oft viel sinnvoller. Außerdem ist geisteswissenschaftliche Forschung ohnehin nicht so kostspielig wie natur- oder technikwissenschaftliche.

Wer an einer Exzellenzuni studiert, ist nicht unbedingt zu beneiden

Was nach dem Ausschöpfen der Exzellenzgelder in fünf Jahren geschehen soll, ist völlig offen. Es gibt zwar einige Mittel für eine Übergangsphase, wie die DFG schon früh verheißen hat. Aber die werden nicht weit reichen. Das Bundesbildungsministerium setzt große Hoffnungen auf eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats, die sich die Architektur des gesamten deutschen Wissenschaftssystems vorgenommen hat und Vorschläge für eine Neuausrichtung machen soll. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats hat vorsorglich schon darauf hingewiesen, dass es künftig nicht nur um Spitzenforschung gehen könne, sondern auch um andere Leistungen des Wissenschaftssystems wie die Lehre oder den Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung - nicht unbedingt minder fragwürdige Kriterien.

Problematisch ist, dass die interdisziplinären Anträge für Exzellenzcluster und die dadurch entstandenen Forschungsverbünde innerhalb von Universitäten langfristig die Fächervielfalt bedrohen könnten. Denn zahlreiche Clusterprofessuren müssen nach 2017 durch Mittel des jeweiligen Sitzlandes verstetigt werden. Wenn bis dahin das sogenannte Kooperationsverbot aufgehoben würde, könnte der Bund besonders erfolgreiche Zentren weiterfinanzieren. Häufig aber, so fürchten viele Vertreter kleinerer Fächer in den Bewerberhochschulen, könnte die Weiterfinanzierung der Clusterprofessuren zu ihren Lasten gehen.

Wer an einer Exzellenzuniversität studiert, ist nicht unbedingt zu beneiden. Die Studenten haben am wenigsten vom Geldsegen der Exzellenzinitiative. An kleineren Universitäten treffen sie erhebliche Nachteile. Wenn sich die renommiertesten Forscher nach der quälenden Antragsformulierung und der damit verbundenen Zeit, die ihnen für eigene Forschung verlorenging, mit Exzellenzgeldern gesegnet schließlich zum Forschen zurückziehen und sich in der Lehre vertreten lassen, wird sie mancher Student nicht einmal sehen. Einhellig plädieren die beteiligten Wissenschaftler und Universitäten nach drei Runden Exzellenzinitiative für eine Phase der Ruhe und des ungestörten Forschens. Dann wird hoffentlich auch einmal darüber nachgedacht, wie sehr die Exzellenzinitiative das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Es bekommt der Wissenschaft auf Dauer schlecht, wenn sie in Antrags- und Forschungskonformismus fast bis zur Selbstaufgabe nach der Pfeife der Politik tanzt.

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