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Universitäre BWL : Fach mit hoher Rendite

  • -Aktualisiert am

Konzernvorstände von morgen: BWL-Studenten an der TU München Bild: Caro / Kaiser / FOTOFINDER.COM

Zahlreichen Unternehmen steht durch die digitale Revolution eine tiefgreifende Umwälzungen bevor: Zeit, die universitäre Betriebswirtschaftslehre in Deutschland für die Zukunft aufzustellen. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Die Betriebswirtschaftslehre (BWL) hat gerade ganz gut zu tun. Die digitale Revolution wird in den nächsten Jahren Geschäftsmodelle, Arbeitsplätze, ganze Branchen hinwegfegen, wenn diese nicht rechtzeitig neu gestaltet werden. Die Angst vor der nächsten Finanzkrise schwelt weiter. Die internationalen Handelsbeziehungen werden durch Populisten und Nationalisten in Frage gestellt. Es müsste eigentlich Übereinstimmung darüber geben, die Betriebswirtschaftslehre und -forschung auf höchstmöglichem Niveau zu stärken und die deutschen Universitäten vorzubereiten auf eine BWL der digitalen Zukunft.

          Doch weit gefehlt. Stattdessen wabert eine Diskussion durch die hochschulpolitische Szene, die forschungsbasierte BWL einzuschränken, wenn nicht gar ganz abzuschaffen. Zwar werden solche Forderungen oft noch hinter vorgehaltener Hand geäußert. Doch die Richtung ist klar, so wie sie der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz Peter-André Alt in mehreren Interviews eingeschlagen hat: Teile des „Massenfachs“ sollen von den Universitäten an die Fachhochschulen verlagert werden. Manche Stimmen gehen weiter und wollen gleich die gesamte BWL auf FH-Ebene ansiedeln.

          Wir schlagen die gegenteilige Richtung vor. Die universitäre Betriebswirtschaftslehre sollte ausgebaut und ihre Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen gestärkt werden. Wir müssen heute zugleich tiefer und breiter schürfen, weil die Problemstellungen komplex und nicht auf einen klar umrissenen Bereich der Wirtschaft beschränkt sind. Vielmehr spielen technologische und gesellschaftliche Faktoren eine große Rolle.

          Eine neue Wirklichkeit mit neuen Bedürfnisse

          Die ungeheure Dimension der Disruption durch den Einsatz digitaler Technologien muss hier sicher nicht erklärt werden. Technikverständnis ist nicht nur in der Produktentwicklung unabdingbar, sondern in nahezu allen Unternehmensbereichen. Genauso wichtig ist der gesellschaftliche Bezug unternehmerischer Entscheidungen, etwa die ethischen Fragen, die der Einsatz Künstlicher Intelligenz aufwirft, und die sozialen Fragen, wenn ganze Aufgabenbereiche von Robotern übernommen werden. Und kann man die Aussichten für künftige Exporte in die Vereinigten Staaten beurteilen, ohne etwas von Politik zu verstehen?

          In Zeiten ähnlich tiefgreifender Umwälzungen haben Hochschulpolitiker weitsichtig gehandelt. Während der Industrialisierung Anfang des vergangenen Jahrhunderts, integrierten sie die meisten Handelshochschulen, die nicht lange zuvor die BWL in Deutschland als akademisches Fach etabliert hatten, in die Universitäten. Wo es keine Handelshochschulen zu integrieren gab, wurden wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten an den Universitäten neu gegründet.

          Die BWL war das erste wirklich interdisziplinäre Studienfach, weil dort neben den betriebswirtschaftlichen Kerndisziplinen die Volkswirtschaftslehre, die Rechtswissenschaften, die Mathematik und die Psychologie zusammengebracht wurden. Damit wurden die Universitäten der Komplexität der neuen Wirklichkeit gerecht, den neuen Firmen-, Arbeits- und Produktionsformen, dem auch damals schon erstaunlichen Grad an Globalisierung und dem daraus resultierenden Bedarf an einer wissenschaftlichen Grundlage für die Unternehmensführung. Nicht zuletzt übernahmen sie so Verantwortung in einer Zeit großer Unsicherheit.

          Kritisches Denken statt Faktenwissen

          Wenn wir „Industrialisierung“ durch „Digitalisierung“ ersetzen, sehen wir erstaunlich viele Parallelen der damaligen und unserer Zeit. Dass heute Uneinigkeit bei den Schlussfolgerungen herrscht, liegt allerdings bis zu einem gewissen Grad auch an der universitären BWL selbst. Nicht überall sind Lehre und Forschung auf die neuen Fragen eingestellt. In manchen Vorlesungen erscheinen Unternehmen als statisches Gebilde in statischer Umgebung. In vielen Studienplänen, Lehrbüchern und Forschungsprogrammen kommen mittelständische Unternehmen zu kurz, obwohl für sie die digitale Transformation schwieriger zu bewältigen ist als für Großkonzerne. Auch über die Gründung eines Unternehmens lernen immer noch nicht alle Studenten genug.

          Was wir brauchen, ist nicht die Abhandlung der klassischen BWL-Sparten wie etwa Vertrieb und Rechnungswesen. Stattdessen sollten wir die Curricula einerseits auf die interdisziplinäre Betrachtung thematisch gefasster Bereiche, etwa Energiemärkte, andererseits auf Querschnittskompetenzen wie Veränderungs- und Innovationsmanagement ausrichten. In einer Zeit, in der Faktenwissen immer schneller überholt ist, wird Problemlösungskompetenz umso wichtiger.

          Welche Organisationsstrukturen und Führungsmethoden funktionieren beispielsweise, wenn die Hierarchien flacher und die Abteilungen vernetzter werden, wenn mehr und mehr dezentrale Entscheidungen in immer kürzeren Abständen getroffen werden? Valide Erkenntnisse fallen dazu nicht vom Himmel. Wir generieren sie durch intensive Forschung. Und vermitteln sie in der Lehre, die Studenten in die Forschung einbezieht und kritisches Denken schult. Beides ist von jeher die Aufgabe der Universitäten.

          Wenn das geschieht, zeigt die universitäre BWL ihre Stärken etwa bei den Start-ups. Mehr als vierzig Prozent der Gründer haben laut „Deutschem Startup Monitor“ Wirtschaftswissenschaften studiert, mehr als andere Fachgebiete. Unter den zehn Hochschulen, an denen die meisten Gründer ihren Abschluss gemacht haben, sind acht staatliche Universitäten. Auf den ersten drei Plätzen stehen die Technische Universität München (TUM), das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die RWTH Aachen, die ihre wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge mit technischen Fächern verzahnen. An der TUM belegen alle BWL-Studierenden im Bachelor ein Fach aus Ingenieur- oder Naturwissenschaften – und zwar mit dreißig Prozent ihrer Studienzeit.

          Betriebswirte in der Wissenschaft

          Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Konzernen. In den dreißig größten deutschen börsennotierten Unternehmen haben rund neunzig Prozent der Vorstandsmitglieder einen Universitätsabschluss. Mehr als die Hälfte hat Wirtschaftswissenschaften studiert, unter den 2017 berufenen Vorständen sind es sogar mehr als zwei Drittel.

          Neben der Ausbildungsleistung der universitären BWL sollten wir ihre wissenschaftliche Relevanz nicht vergessen. Die Bewältigung der jüngsten Banken- und Finanzkrise in Europa, die allgemein als Erfolg betrachtet wird, geht nicht zuletzt auf die Beratung von Bundesregierung und EU-Kommission durch einen Betriebswirt zurück. Jan-Pieter Krahnen, Direktor des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt, hat mit seiner Expertise maßgeblich zum schnellen Löschen des Brandes beigetragen.

          Die Stärkung der BWL an den Universitäten soll keine Schwächung anderer Hochschulen bedeuten. Im Gegenteil, mit seinem dreigliedrigen System ist Deutschland international wettbewerbsfähig. In allen führenden Wissenschaftsnationen gibt es Betriebswirtschaftslehre an Hochschulen ohne PhD-Programm, universitätsexterne spezialisierte Business Schools, von denen die renommierten über ein PhD-Programm verfügen, und universitätsinterne Business Schools.

          Niemand würde verstehen, wenn Deutschland diese Struktur zerstören würde – vor allem nicht die zahlreichen ausländischen Studierenden an unseren Universitäten. Statt die universitäre BWL in Frage zu stellen, sollten wir den Blick darauf richten, wie viel sie zum Wohlstand in Deutschland beiträgt. Nebenbei, aus bildungsökonomischer Perspektive gesprochen, zu geringen Kosten, aber mit hoher Rendite.

          Die Autoren

          Gunther Friedl ist Dekan der TUM School of Management, der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität München, und Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Controlling.

          Thomas Hutzschenreuter ist Inhaber des Lehrstuhls für Strategic and International Management der Technischen Universität München.

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