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Fehler bei Behandlung : Auch der Chefarzt kann den Gorilla übersehen

Simulant: Für die Kursteilnehmer mimt Schauspielerpatient Heinz Sendlbeck gekonnt einen Frischoperierten. Bild: Claus Setzer

Falsche Diagnose, zu hoch dosierte Medikamente oder Fehler bei der OP: Jedes Jahr sterben 19.000 Patienten in Deutschland bei „vermeidbaren Zwischenfällen“. Ein neues Lehrprojekt am Frankfurter Uniklinikum widmet sich nun dem Problem.

          5 Min.

          19.000 Tote im Jahr. So viele, als würde jede Woche ein Airbus A330 abstürzen. Jasmina Sterz muss nur diese Zahl nennen, um sich die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu sichern. 19.000 Tote allein in Deutschland – allesamt Opfer von „vermeidbaren Zwischenfällen“ im Medizinbetrieb, wie Assistenzärztin Sterz es ausdrückt. Menschen, die sterben, weil ein Medikament zu hoch dosiert wird, ein Gerät nicht keimfrei ist, eine in Eile gestellte Diagnose falsch war.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einige Zuhörer atmen hörbar aus unter der Wucht der Zahl, die Sterz in den Raum geworfen hat. Es sind Medizinstudenten im Praktischen Jahr sowie angehende operations- und anästhesietechnische Assistenten, die ins Lernzentrum des Frankfurter Uniklinikums gekommen sind. Sie nehmen teil an einem neuen Lehrprojekt mit dem Titel „Durch Barrieren schneiden“, das von der Robert-Bosch-Stiftung mit 60.000 Euro unterstützt wird.

          Medizinische Fehler

          Die Barrieren, die Sterz und die für das Projekt verantwortliche Professorin Miriam Rüsseler durchbrechen wollen, kennt jeder Kliniker aus dem Berufsalltag. Unsichtbare Schranken zwischen Pflegern, Studenten, Ober- und Chefärzten, errichtet durch generationenlang gepflegtes Hierarchiedenken. Aber auch Blockaden, die aus Schüchternheit oder Selbstüberschätzung erwachsen. Für Patienten können sie so gefährlich werden wie die Krankheit selbst. Rüsseler sagt: „70 Prozent aller medizinischen Fehler sind auf menschliches Versagen zurückzuführen, vor allem auf den Gebieten Kommunikation, Teamführung und Entscheidungsfindung.“

          Dozentin Sterz führt einen Film vor, der zeigt, wie es zum Schlimmsten kommen kann, wenn Menschen in bester Absicht handeln. Für das Video mit dem Titel „Just a Routine Operation“ hat ein Brite rekonstruiert, was während der Nasennebenhöhlen-OP seiner Frau geschah. Als Pilot auf rationale Fehleranalyse trainiert, wollte er verstehen, wie ein eigentlich unkomplizierter Eingriff so furchtbar schieflaufen konnte. Nachdem die Narkose eingeleitet war, gelang es nicht, die Patientin richtig zu beatmen. Die Intubation scheiterte, ein Luftröhrenschnitt wurde nicht gesetzt, obwohl erfahrene Ärzte und Schwestern in großer Zahl zugegen waren. Eine halbe Stunde lang wurde das Gehirn der Frau nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Sie fiel ins Koma. 13 Tage nach der Operation starb sie.

          „Habt ihr so etwas auch schon erlebt?“

          Die Rekonstruktion lässt erahnen, was zu dem tragischen Ende geführt hat. An Sachverstand fehlte es im OP-Saal nicht, doch die Kommunikation der Beteiligten war desaströs. Womöglich waren sogar zu viele kompetente Leute im Raum – mit der Folge, dass sich letztlich niemand verantwortlich fühlte. Zaghafte Fragen der Schwestern, ob ein Luftröhrenschnitt vorgenommen werden sollte, wurden ignoriert. Dass im Blut der Patientin zu wenig Sauerstoff war, schien niemanden zu interessieren. Es sieht so aus, als hätten die Ärzte den Ernst der Lage gar nicht erfasst. War ja nur eine Routine-Operation.

          „Habt ihr so etwas auch schon erlebt?“, fragt Sterz ihre Zuhörer. Schweigen im Raum. Einer fragt: „Dürfen wir darüber sprechen?“ Sterz ermutigt die Jungmediziner: Es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern aus Fehlern zu lernen. Schließlich berichtet ein Teilnehmer von einer Hüftoperation. Der Patient habe schon im OP gelegen, als aufgefallen sei, dass Blutkonserven fehlten. „In so einer Situation sollte die erste Frage nicht lauten: Wer ist schuld? Sondern: Wie löst man das Problem?“

          Hat ein Student oder ein Pfleger darauf eine gute Antwort, wird er sie für sich behalten, wenn in der Klinik ein autoritäres Klima herrscht. Schon gar nicht wird er es wagen, einen Vorgesetzten coram publico zu kritisieren. „Wenn ein Chef- oder Oberarzt einen Fehler macht, würde ich das nie ansprechen“, gibt eine Nachwuchskraft zu. Dass strenge Hierarchien das Risiko falscher Behandlungen erhöhen können, ist nach den Worten von Professorin Rüsseler eine Erkenntnis, die sich in den Krankenhäusern erst langsam durchsetzt. Sie hofft auf einen Wandel von unten her: Schon die Studenten sollen begreifen, dass Ärzte und Pfleger ein Team bilden müssen, in dem Missgriffe von jedem angesprochen werden dürfen.

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