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Kolumne „Uni live“ : Stolz und Vorurteil im Studium

  • -Aktualisiert am

Naturwissenschaftler treten heute oft mit einem gewissen Stolz auf, betonen die Relevanz ihrer eigenen Arbeit und belächeln Geisteswissenschaftler, die versuchen, ihre Wissenschaftlichkeit in Nachahmung naturwissenschaftlicher Herangehensweisen durch Empirie und Methodik zu belegen. Ein gängiger Vorwurf lautet auch, die Geisteswissenschaftler würden zwar viel reden, aber wenig Substanzielles sagen, und ihre Forschung sei vergeistigt und widme sich unwichtiger Nischenthemen. Geisteswissenschaftler versuchen wiederum häufig, ihre eigene Arbeit und Relevanz dadurch zu rechtfertigen, dass sie kulturelle und historische Phänomene erklären können und die Grundlagen der menschlichen Kommunikation erforschen und bereitstellen. Naturwissenschaftlern werfen sie wiederum vor, nichts als Zahlen und Formeln im Kopf zu haben und kaum einen geraden, gelungenen Satz zu Papier bringen zu können.

Leitfaden für die Pandemie

Selbstverständlich sind die Klischees und dahinterliegenden Wirkzusammehhänge weitaus komplexer, als sie hier skizziert werden. Und obwohl jedem, der ein bisschen weiterdenkt, vermutlich bewusst ist, dass Vorurteile und Vergleiche dieser Art im Grunde sinnlos und überflüssig sind, ist es wichtig zu fragen, wo die Ursachen für die aktuellen Probleme liegen. Die gegenseitige Wahrnehmung der Diszipinen wird heutzutage allein durch die räumliche Trennung stark beeinflusst, die sich darin manifestiert, dass die geistes- und naturwissenschaftlichen Fächer häufig in verschiedenen Gebäuden oder gar auf ihrem jeweils eigenen Campus gelehrt werden. Dadurch lernen die Studenten die Lebenswelt der Anderen kaum kennen und erfahren nur am Rande, welche Probleme und Herausforderungen ihren Alltag bestimmen.

Durch Corona findet erst recht keinerlei Begegnung mehr statt. Doch zeigt uns gerade die Pandemie, wie stark einzelne Studienfächer auf die gegenseitige Unterstützung angewiesen sind: Der interdisziplinäre Austausch von technischem, sprachlichem und methodischem Wissen könnte womöglich sehr viel weiterbringen, als es das Aufwärmen von Klischees jemals tun wird.

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich auf den Ursprung des Begriffs „Universität“ zu besinnen, der auf das lateinische Wort universitas zurückgeht, das Gesamtheit bedeutet. Die Idee einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die ein gemeinsames Grundverständnis von Philosophie, Sprache und Naturkunde einte, könnte in der Pandemie als Leitfaden dienen, Vorurteile zu überwinden und sich zu fragen: Wie könnten andere Studenten von meinen Fähigkeiten profitieren, und wo brauche ich selbst Hilfe? Wie können wir uns in diesen Zeiten besser austauschen und unterstützen?

Laura Henkel (24 Jahre alt) beendet derzeit ihren Master in Literaturwissenschaft an der Uni Göttingen, sammelt fremdsprachige Lieblingswörter wie andere Leute Briefmarken, leidet an Abibliophobie und fragt sich, wie man die Disziplin, sechs Bücher parallel zu lesen, zum Beruf macht.

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