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Kolumne „Uni live“ : Corona in der Party-WG

  • -Aktualisiert am

Der Glanz vergangener Tage: Party-WG im Corona-Schlaf Bild: privat

Die Räume zum Abfeiern haben Staub angesetzt, die Stalaktiten an der Decke aus Tanzschweiß sind im Ruhemodus. Drei Studenten haben ihre Bestimmung verloren. Besuch in einer Party-WG auf Eis.

          3 Min.

          Da die Türklingel ohnehin nicht funktioniert, klettere ich in durch das von bunten Weihnachtslichtern eingerahmte Fenster in die WG. Vor allem in denjenigen Wohnungen, in denen es vor der Pandemie immer richtig abging, muss man im Lockdown regelmäßig nach dem Rechten sehen. Wäre nicht das erste Mal, dass ein zutraulicher Pizza- oder Paketbote aus schierer Sehnsucht nach Gesellschaft zwangsadoptiert wird.

          In einem kleinen, würfelförmigen Raum, der zu einer Dreier-WG gehört, begrüßt mich der altbekannte, aber schwächer werdende Geruch der Zeit vor  Covid-19. Ein Hauch von durchzechten Nächten und verschüttetem Bier liegt in der Luft, nach dem Schweiß von Fremden, mit denen man auf Bruderschaft trank, nach unfassbar schlechten Dance Battles oder Flunkyball (ein Trinkspiel mit Ball, für das man viel Platz benötigt) auf der Hauptstraße nachts um halb vier. Wäre Corona nicht, so hätte sich diese WG binnen weniger Jahre in Jenas erste Tropfsteinhöhle verwandelt. An der Decke erkennt man aus Transpiration und Kondenswasser gegossene Stalaktiten.

          Doch jetzt ist der Raum fast leer, und das fühlt sich irgendwie falsch an. Ohne die Tanzenden ist eine Tanzfläche eben nur ein trauriger, leerer Fleck von zerkratztem Parkett. Die wenigen Möbel des Zimmers, die sonst beim Tanzen störten, stehen verschämt an der Wand aufgereiht, als wäre ihnen die Platzverschwendung der eigenen Existenz peinlich. Auf einem Gestell aus Bierkästen in der Ecke neben der Zimmertür erkenne ich eine zerknautschte Matratze, die sich dank der Menge an verschütteten Mischgetränken jeglicher Körperform optimal und nachhaltig anpasst. Darin eingesunken liegt der erste Mitbewohner, der (immer noch) so sehr daran gewöhnt ist, von Menschenmengen umgeben zu sein, dass er meine Wenigkeit zunächst nicht bemerkt. Schließlich erwidert er meinen Gruß – niemals habe ich jemanden dermaßen niedergeschlagen mit zwei Fingern in die Luft zeigen sehen.

          Da blinkt noch was im Partyraum
          Da blinkt noch was im Partyraum : Bild: privat

          Die Lichterketten am Fenster, das Strobolight auf dem Schreibtisch am Fenster, der einarmige Bandit auf der Kommode. Das ganze Zimmer blinkt trotzig der Pandemie entgegen. Das Tanzen hat sie uns zwar verboten aber die Migräneanfälle lassen wir uns nicht nehmen! Der Zimmerbewohner trägt zum Schlafen eine Sonnenbrille. Es ist unübersehbar: Der Raum ist nicht zum Wohnen da, sondern zum Feiern, sogar die Wände scheinen in stiller Solidarität mit den regulär schwankenden Gästen ein klein wenig schief geworden zu sein. In Zeiten der Isolation scheint die ganze Wohnung ihre Identität verloren zu haben.

          Das Strobolight vertreibt mich aus dem Raum in die Diele, die zwei ähnlich ausgestattete Zimmer mit einer kleinen Küche und einem Badezimmer verbindet. In allen Räumen hat es mindestens einmal gebrannt. Die Bar in der Diele ist aus gestapelten Bierkästen zusammengebaut, die bunten Farben der Flaschen darauf werden von einer dünnen Staubschicht gedämpft.

          Es ist alles bereit für die Zeit danach.
          Es ist alles bereit für die Zeit danach. : Bild: privat

          Die Wände, Chronisten einer unbeschwerten Zeit, sind über und über mit geistreichen Sprüchen beschrieben. „Einfach kurz in die Faust husten, um bei einer Prügelei Giftschaden zu verursachen“, lese ich zwischen all dem Gekritzel. Humor, der ob der Pandemie gealtert ist, wie Eierlikör in einer finnischen Sauna.

          Entgegen ihrer regulären Bestimmung ist die Diele mit einigen geschmackvollen Sitzgelegenheiten ausgestattet, die Grundform ist der Bierkasten. In der Mitte steht verloren der zweite Mitbewohner, einen weiteren, vollen, Bierkasten in der Hand. Neben ihm: Eine ganze Säule aus quaderförmigem Hartplastik, deren Majestät an die Eleganz eines antiken Tempels erinnert. „Hast wieder aus Versehen einen mitgenommen?“, frage ich besorgt und deute auf den Flaschenträger in seiner Hand. Die Unterlippe des Mitbewohners zittert. Ob aus Gewohnheit oder um mit dem Stress des Lockdowns klarzukommen, bringt er regelmäßig Biernachschub mit nach Hause, der dann keine Abnehmer findet. Schweigend schiebe ich ihn in die Küche, wo sich ein ähnlich trauriges Bild bietet. Gewohnheitsmäßig macht hier der dritte Mitbewohner Mikrowellen-Popcorn und nickt erratisch zu einem Takt, den nur er hört.

          Wir vermissen es ja allesamt, das gepflegte Feiern. Aber die Party-WGs hat es besonders schlimm getroffen. An alle extrovertierten Partygänger da draußen, die der Lockdown mit Einsamkeit straft: Auch wenn es gerade so aussieht, ihr seid nicht allein. Bis wir nachts um drei wieder auf Bruderschaft trinken können – haltet durch!

          Maike Weisenburger (27 Jahre alt) schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Mittelalterstudien und war im Zuge dessen entsetzt, dass das Studium danach zu Ende ist. Fordert alle Unwissenden zum Tjost auf, die ihre Begeisterung für mittelalterliche Literatur nicht verstehen.

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