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Kolumne „Uni live“ : Das Online-Studium wird völlig unterschätzt

  • -Aktualisiert am

Aufzeichnung einer Physikvorlesung an der Universität Leipzig Bild: Picture-Alliance

Seit einem Dreivierteljahr bestimmen Online-Kurse den Alltag der Studierenden. Doch warum beschweren sich so viele darüber, dass alles virtuell stattfindet? Man kann die Situation auch sehr positiv sehen.

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          Etwas mehr als zehn Monate ist es her, dass wir unser Studium aufgrund der Corona-Pandemie aus dem Vorlesungssaal und den Seminarräumen in die eigenen vier Wände verlegen mussten, und zwar auf unabsehbare Zeit. Doch obwohl sich viele inzwischen an die Situation gewöhnt haben und vor allem in räumlicher Hinsicht vollkommen neue Freiheiten genießen, wird das virtuelle Semester gerade von Universitätsmitgliedern insgesamt negativ bewertet. Warum ist das so – und sind die Beschwerden angemessen?

          Einige Gründe für die negative Perspektive auf das Wintersemester liegen auf der Hand: Wenige Menschen mögen es, wenn ihr Alltag auf den Kopf gestellt wird und sie sich mit neuen Situationen arrangieren müssen. Zudem ist es vielen Studenten wie auch Dozenten lästig und unliebsam, täglich stundenlang am Computer zu sitzen. Und ganz besonders der Wegfall von Seminardiskussionen, gemeinsamen Mittagspausen in der Mensa und Spaziergängen über den Campus kostet Geist und Seele viel Kraft, denn die Pflege sozialer Kontakte über Online-Dienste hilft nur begrenzt, die Distanz zum Gesprächspartner zu überbrücken.

          Doch wenn wir ehrlich sind, war die Universität noch nie der Mittelpunkt der studentischen Kultur und des Miteinanders. Zwar haben wir uns dort für gewöhnlich mehrmals in der Woche gesehen, aber das echte soziale Leben spielte sich auch vor Corona nicht wirklich in der Uni ab, sondern in der Kneipe, im Café, in Konzertsälen und auf Partys in Studentenbuden – allesamt ebenfalls Orte, die wir in diesem Jahr nur selten und wenn, dann unter erheblichen Einschränkungen besuchen durften.

          Eine Vorlesung muss nicht live sein

          Die Schuld für die aktuelle Studiensituation hauptsächlich bei der Universität zu suchen, ist deshalb unfair und unsinnig, weil das soziale Leben aufgrund der Pandemie an allen Orten auf ein Minimum heruntergefahren werden musste. Die Unis können schließlich seit März wie alle anderen Institutionen auch nur auf das jeweilige Infektionsgeschehen reagieren.

          Erstaunlicherweise waren im Sommersemester viele Universitätsmitglieder noch deutlich wohlwollender mit der Realität des digitalen Studiums umgegangen, als es in diesem Wintersemester der Fall ist. Auch dafür gibt es vielfältige Gründe. Zwar herrschte im April zunächst überall Chaos, weil viele Dozenten gar nicht wussten, wie man ein Online-Seminar organisiert oder Videokonferenzen moderiert. Die Mischung aus überforderten Kursteilnehmern, störenden Hintergrundgeräuschen und überlasteten Servern sorgte dafür, dass gelungene Seminardiskussionen nur selten zustande kamen. Aber eigentlich müssen wir uns eingestehen, dass das in analogen Räumen nicht anders war. Denn ein gutes Kursgespräch hängt nicht davon ab, ob alle Kommilitonen im selben Zimmer sitzen, sondern von Faktoren wie Interesse, Aufmerksamkeit und aktiver Teilnahme – und die kann es auch online geben.

          Wenn auch die Seminare mitunter chaotisch abliefen, haben viele Dozenten für Vorlesungen von Anfang an sehr kluge Lösungen gefunden, indem sie beispielsweise Ringvorlesungen als Youtube-Videos gestaltet oder als Podcast aufgenommen haben. Dadurch konnten Studenten die Inhalte unabhängig von der regulären Vorlesungszeit anhören, pausieren und so oft abspielen, bis sie wirklich alles verstanden hatten.

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