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Kolumne „Uni live“ : Studieren mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung

  • -Aktualisiert am

Innenwelt als dunkelblaues Farb-Gemetzel: Acrylbild von Christopher König Bild: privat

Der Student Christopher König wollte Trennungen um jeden Preis vermeiden – bis ihm eine das Leben rettete. Porträt eines Borderline-Patienten, der jetzt den Wert und Wechselkurs seiner Gefühle kennt.

          3 Min.

          Daten sind das neue Gold, beziehungsweise das neue Erdöl, sagen manche. Nicht bloß Wirtschaftskonzerne, sondern auch Psychotherapeuten setzen ihre Hoffnungen ins digitale Datensammeln: Da jede Therapiestunde nur eine Momentaufnahme der psychischen Verfassung ist, aber manche Diagnosen eine längere Beobachtung erfordern, könnte etwa eine Analyse der Smartphone-Nutzung dabei helfen, sich ein besseres Bild von einem Patienten zu machen. Bis es so weit ist, muss die Datenerfassung noch auf die altmodische Art funktionieren. Christopher König, der in München VWL studiert und sich dort viel mit ökonomischen Daten befasst, schreibt Tagebucheinträge, um sich selbst zu tracken. Das ist nicht sehr hightech, trotzdem ist das Büchlein für ihn von unschätzbarem Wert.

          Im Tagebuch notiert König die täglichen Schwankungen seiner Gefühle, als wären es Aktienkurse. Circa zwei Tage muss er jede Woche für die Nachsorge seiner Psychotherapie aufwenden, das bremst auch sein Studium. „Das Schlimme ist, du weißt von Kindheit an, dass etwas nicht stimmt, aber du hast einfach keinen Namen dafür“, sagt er. Seit er sich erinnern kann, erlebt er im Wechsel immer wieder Euphorie und Angst, Energie und Erschöpfung, emotionale Überforderung und Taubheit. Dass es darin ein Muster gibt, blieb ihm lange Zeit verborgen. Heute, mit 25 Jahren, weiß er, dass die Gefühls-Hölle immer dann losbrach, wenn ihm der Verlust einer Bezugsperson drohte oder zumindest zu drohen schien, sei es der Abschied von einer Lehrerin, einer Campus-Freundschaft oder einer romantischen Beziehung.

          König leidet unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Typisch für diese Erkrankung ist die Instabilität des emotionalen Erlebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Gerade diese Schwankungen zu erkennen, macht die Diagnose so schwierig, zumal in den bewegten Jahren des Studiums, während der späten Adoleszenz. Als Mann gehört Christopher König zu einer Minderheit unter den Betroffenen. Seine überaus sensible Art, die sich als Borderline-Symptom herausstellte, passt weder zur vorherrschenden Idee von Männlichkeit, noch in das Klischee eines Wirtschaftswissenschaftlers. Im nüchternen VWL-Studium habe er sich deshalb möglichst gefühlskalt und distanziert gegeben. Ähnlich verstellte er gegenüber jungen Frauen seine Persönlichkeit, um sich ihnen anzupassen. Es gebe nichts, das er nicht mögen würde, um gemocht zu werden: Zum Beispiel fing er für eine Lyrik-Liebhaberin an, Gedichte zu schreiben, und begann für eine Fitness-Anhängerin mit dem Fasten.

          Sinnvoll mit den eigenen Emotionen umgehen

          Wegen solcher Täuschungsmanöver werden Borderline-Patienten manchmal als manipulativ bezeichnet. Dabei handeln sie nicht aus einem rationalen Kalkül heraus, sondern eher aus großer Verzweiflung. Egal, was er versuchte, nie habe König die Angst vor einer Trennung vertreiben können, nie habe er sich bei jemandem in Sicherheit geglaubt. Schließlich riet ihm eine junge Frau dazu, in Behandlung zu gehen. „Das hat mir das Leben gerettet“, sagt er. Auf der psychiatrischen Station der Universität München habe er seinen Gefühlen erstmals freien Lauf lassen können, nachdem er sich genau das jahrelang abtrainiert hatte.

          Im Frühling erhielt König dann einen der wenigen Therapieplätze für sein Störungsbild. Gemeinsam mit einer Gruppe aus elf Patientinnen durfte er drei Monate lang lernen, seine Emotionen besser wahrzunehmen und sinnvoll mit ihnen umzugehen. Dazu gehörte beispielsweise eine Kunsttherapie, in deren Verlauf er seine Innenwelt als dunkelblaues Farb-Gemetzel gemalt hat, eine Art Schiffbruch in tosender Brandung. Das schöne Bild steht mittlerweile gerahmt bei ihm in der Wohnung. Links und rechts ist es umgeben von bunten Graffiti. Nach dem Abschluss seiner Therapie haben er und zwei andere Patientinnen, mit denen er sich angefreundet hatte, bei ihm zu Hause die Innenwände vollgesprüht. Das sei so befreiend gewesen, als dürfte man mit einem Hammer einmal alles kurz und klein schlagen. Die Grenzen der Graffiti sind fließend, die Linien ungestüm; die drei sind ziemlich stolz auf ihr Werk.

          Für Christopher König stellen diese neu gewonnenen Freundschaften allerdings auch ein Rückfallrisiko dar, genauso wie die gute Beziehung zwischen ihm und seiner Therapeutin. Viele Borderline-Patienten haben ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Therapiefortschritt, da er letztlich zwangsläufig einen Abschied bedeutet, schreibt die amerikanische Psychologin Marsha Linehan. Linehan hat in den achtziger Jahren jene Therapieform entwickelt, die jetzt König geholfen hat, die „Dialektisch-Behaviorale Therapie“. Sie hat seitdem unzählige Patienten behandelt – und erfolgreich wieder verabschiedet.

          Neben dem Verlust seiner Therapeutin fürchtet König den Verlust seiner akademischen Leistungsfähigkeit. Früher kämpfte er gegen die emotionalen Schwankungen an, indem er sich in die Arbeit stürzte. Vor allem die Angst sei ein großer Antrieb zum nächtelangen Lernen gewesen. Bei genauerem Hinsehen habe die Borderline-Störung seinem Studium jedoch mehr geschadet als genützt, sagt er heute: ihr seien nicht bloß seine zwei Fachwechsel, sondern auch seine längeren Ausfälle geschuldet. Für seinen weiteren Weg hat er sich deshalb ein Motto überlegt, das seiner psychischen Gesundheit dient. Es ist kein Motto, mit dem sich Businessratgeber für steile Karrieren verkaufen ließen, aber eines, das auf lange Sicht angelegt ist: „Die Leute, die wirklich Erfolg haben“, sagt König, „sind konsistent.“

          Victor Sattler (23 Jahre alt) studiert Psychologie und Soziologie an der Universität München. Echte Menschenkenntnis sammelte er aber eher als Kellner, Bartender, Nachhilfelehrer, am Theater und als Journalist.

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