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Kolumne „Uni live“ : Wie man eine Hochschulzeitung herunterwirtschaftet

  • -Aktualisiert am

Blick in die Akrützel-Redaktion in Jena Bild: Akrützel, Lukas Hillmann

Dem Studierendenrat der Uni Jena steht eine Steuernachzahlung ins Haus. Erhebliche Einschnitte soll es bei der Hochschulzeitung geben, die immer wieder kritisch über das Finanzgebaren des StuRa berichtet hatte.

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          „Akrützel“, das ist ein Kunstwort, das frei von allen politischen Konnotationen im Äther schwimmt, und deshalb trägt Jenas führende Hochschulzeitung diesen Zungenbrecher auch als Namen. Bis zum November 2021 gehörte die Zeitung mit derzeit 4000 Printexemplaren seit ihrer Gründung 1989 zu den ältesten und auflagenstärksten Hochschulzeitungen Deutschlands. Die Beliebtheit der Zeitung hat ihre Gründe: Ausgabe für Ausgabe liefert das Akrützel grundsoliden Hochschuljournalismus, der schon viele Karrieren geebnet hat. Da geht es um umstrittene Hochschulpolitik, um Präsenzlehre während der Pandemie oder um die Jenaer Burschenschaften und ihr zweifelhaftes Image. Die Zeitung liegt kostenlos in allen Uni- und Hochschulgebäuden aus; sie wird zwar von den Studierendenräten der Friedrich-Schiller-Universität (genannt StuRa) und der Ernst-Abbe-Hochschule herausgegeben, arbeitet aber unabhängig von diesen. Finanziert wird sie über den Haushalt des StuRa, der sich wiederum aus einem Teil der Semesterbeiträge der Studierenden zusammensetzt. Dieser Haushalt, den die Studierendenräte verwalten, ist mehr als 400.000 Euro schwer, und in ihm liegt auch der Grund für den neuesten Konflikt zwischen Akrützel und StuRa.

          Aufgrund anfallender Steuernachzahlungen befindet der StuRa sich derzeit in mittelschwerer finanzieller Bedrängnis, denn im Jahr 2016 sind steuerpflichtige Umsätze von verschiedenen Veranstaltungen der Fachschaftsräte nicht korrekt beim Finanzamt angegeben worden, wie es dem Sitzungsmaterial zu entnehmen ist. So wurden etwa Einnahmen aus dem Getränkeverkauf bei Partys und Grillfesten kurzerhand als Spenden deklariert, teilweise fehlten Rechnungen und Belege, die das Finanzamt hätte berücksichtigen können. Dieses Finanzgebaren hat nun ein mehr als 20.000 Euro großes Loch in die Haushaltskasse des StuRa gerissen. Die Folgen der Misswirtschaft schlagen sich in Kürzungen des kommenden Jahres nieder, wobei auch das Akrützel, der einzige effektive Beobachter des StuRa, von ihnen betroffen sein soll.

          Genau hier wird eine Hochschulzeitung gebraucht

          Im November 2021 gab es schon den ersten deutlichen Einschnitt: Die Auflage des Akrützels wurde um ein Viertel gekürzt: von 4000 auf 3000 Druckexemplare. Eine deutliche Einschränkung der Reichweite des Mediums – der Verweis des StuRas auf die vorhandene Onlinepräsenz der Zeitung kommt als ein recht fadenscheiniger Trost daher. Akrützel verdankt seine Reichweite an der Uni gerade seiner fortwährenden physischen Präsenz, welche die Zeitung nicht zuletzt barrierefrei hält. Wird die Auflage eingeschränkt, so bedeutet dies zwangsläufig auch eine Einschränkung dieses freien Informationsflusses, die Zeitung verliert an Relevanz, was mittelfristig dazu führen könnte, dass weitere Kürzungen einfacher zu rechtfertigen sein werden.

          Die erste Ausgabe des Akrützel
          Die erste Ausgabe des Akrützel : Bild: Akrützel

          Es laufen aber noch weitere Diskussionen über Etat-Kürzungen beim Akrützel. Der Posten der Chefredaktion, die einzige bezahlte Stelle im sonst ehrenamtlich arbeitenden Team, soll in ihrer derzeitigen Form nicht fortexistieren. Wer bisher bei Akrützel die Position der Chefredaktion bekleidete, wurde für zwei Semester vom Studium befreit. Vergütet wurde die Position mit rund 1200 Euro im Monat – eine durchaus angemessene Vergütung angesichts der Maßgabe, dass diese Position allen interessierten Studierenden ohne finanzielle Einbußen offen stehen soll und nicht etwa nur denjenigen, die sich in Sachen Lebensunterhalt auf ihre Eltern verlassen können. Wer von einem Nebenjob oder von BAföG abhängig ist, um für Miete, Essen und Semesterbeiträge aufzukommen, der kann sich das Jahr Zeitverlust beim Studium ohne Bezahlung schlichtweg nicht leisten.

          Der StuRa diskutiert derweil darüber, die beiden Chefredaktionen von Zeitung und Campusradio in zwei Minijobs aufzusplitten, welche jeweils, laut Sitzungsmaterial, mit 450 Euro vergütet werden sollen, was die Akrützel-Redaktion selbst vehement ablehnt. Ohne diese eine koordinierende Position, die vom Zeitaufwand her mit einem Vollzeitjob vergleichbar ist, so die Argumentation der Redaktion, wird die Basis für die ehrenamtliche Arbeit aller anderen Redakteure geschwächt. Ohne diesen Knotenpunkt ist das Akrützel, so wie es derzeit existiert, nicht möglich. Eine Teilung des Postens stellt einen massiven Eingriff in die – aktuell voll funktionsfähigen – Abläufe der Redaktion dar. Ein besonders unangenehmer Beigeschmack kommt hinzu, weil hier ein politisches Organ, der StuRa, die innere Funktionalität seiner Beobachter erschwert. Trotz heftiger Proteste seitens der Akrützel-Redakteure wurde der nicht abgesprochene Vorschlag in den Haushaltsplan mit aufgenommen, beschlossen wurde er allerdings noch nicht.

          Es ist bedauerlich, dass der Jenaer StuRa offenbar daran erinnert werden muss, wie wichtig unabhängiger Journalismus an Hochschulen ist. Haushaltsvorschläge wie der gerade beschriebene müssen wie auch andere Sitzungen und Beschlüsse des StuRa kritisch journalistisch begleitet werden, damit sie für Studierende zugänglich sind. Kein Studierender wälzt die Satzung und die Ordnungen des StuRa, um dann regelmäßig zu den stundenlangen Sitzungen zu erscheinen. Genau hier wird eine Hochschulzeitung gebraucht, genau das ist ihre Aufgabe.

          Dass qualitätvoller Journalismus gerade an einer Universität bedroht zu sein scheint, einem Ort an dem Informationsfreiheit und die kritische Auseinandersetzung mit Machtstrukturen eigentlich gefördert werden sollten, ist beunruhigend. Vor allem in einer Zeit, in der die Pressefreiheit von vielen Seiten bedroht wird. Die Forderung muss daher lauten: Lasst unser Akrützel in Ruhe arbeiten!

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