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Kolumne „Uni live“ : Toxische Maskulinität in der WG-Küche

  • -Aktualisiert am

Wann wird Männlichkeit toxisch? Bild: Maike Weisenburger

Wieso klammern sich junge Männer verzweifelt an kaputte Dinge, die nicht mehr funktionieren? Um einen alten Stuhl entspinnt sich in dieser WG eine ausweglose Diskussion um Maskulinität. Unsere Autorin hört mit.

          3 Min.

          Da die Türklingel ohnehin nicht funktioniert, klettere ich durchs offene Fenster in die Männer-WG, welche sich gerade im Umbau befindet. Rechts neben mir steht der Küchentisch hochkant an die Wand gelehnt, an dessen Beinen wehen feuchte Geschirrhandtücher und vorübergehend verloren geglaubte Socken sachte in der Brise des offenen Fensters. An den Wänden hängen mindestens drei verschiedene Arten von Tapeten, deren Farben sich mit dem chaotischen Mosaik an Fliesen auf dem Boden beißen. Der Kühlschrank am anderen Ende des Raumes liegt hilflos auf dem Rücken wie ein riesiger, weißer Käfer, die Kühlschranktür ist offen, damit die augenscheinlich nasse Wäsche in den verschiedenen Kühlfächern ordentlich durchlüftet werden kann. Das obdachlose Kühlgut hat derweil ein Zuhause in der Waschmaschine direkt daneben gefunden. Der ganze farbenfrohe Raum scheint von dem unaufhaltsamen Drang beseelt, sich zu verändern, es ist fast so, als gäbe es zwischen dieser Küche als Schauplatz und dem Thema dieses Artikels die ein oder andere allegorische Parallele.

          Die vier Mitbewohner haben sich allesamt in der Küche eingefunden, damit sie in einem einigermaßen traurigen Durchlauf des beliebten Partyspiels „Reise nach Jerusalem“ ratlos um einen einzigen morschen Stuhl in der Mitte des Raumes herumstehen können. Doch nicht nur der Verbleib des Stuhls und die Innereien des Raumes werden hier besprochen, sondern auch die Idee der Männlichkeit wird neu verhandelt: „Ich weiß nicht, was das Gequatsche immer soll von toxischer Maskulinität. Es ist nichts Schlechtes oder Giftiges daran, ein Mann zu sein, und ich schäme mich dafür auch nicht! Das ist einfach nur ein dämliches Buzzword, das einem den Mund verbieten soll“, erklärt der erste Mitbewohner in der Mitte des Raumes entschieden und packt den Stuhl an der Lehne. „Und der bleibt hier. Der ist noch gut.“ Rechts neben dem zweckentfremdeten Küchentisch hat der zweite Mitbewohner die Lehne eines weiteren kaputten Stuhls mithilfe mehrerer Nägel und verbogener Gabeln an der Wand angebracht. „Von mir aus stimmt es, dass der Begriff auch verwendet wird, um zu nerven! Aber mal ehrlich: Wo im öffentlichen Diskurs wird Männern damit erfolgreich der Mund verboten? Du wirst nicht unterdrückt oder zensiert, nur weil du auf einmal Gegenwind bekommst, wenn du was Mieses sagst. Und deine Nostalgie in allen Ehren, aber der Stuhl besteht mittlerweile zu 20 Prozent aus toten Holzwürmern. Wieso klammerst du dich so verzweifelt an alte und kaputte Dinge, die nicht mehr funktionieren?“

          „Ihr alle verdient das“

          Der dritte Mitbewohner scheint der Pattsituation am morschen Stuhl ebenfalls überdrüssig zu sein, er ist ans gegenüberliegende Ende des Raumes abgewandert und schraubt über der Waschmaschine ein neues Gewürzregal an die Wand. „Der Stuhl hatte von Anfang an richtig miese Macken. Völlig egal wie viele Holzwürmer er mittlerweile vergiftet hat“, schaltet er sich ein. „Und was toxische Maskulinität angeht, verdrehst du die Begrifflichkeiten. Nicht der ganze Entwurf der Männlichkeit ist gefährlich, geschweige denn gleich einem ganzen Geschlecht inhärent. Aber es gibt toxische Aspekte daran, die Schaden anrichten: Aggression, Homophobie, Misogynie. Das ist mit toxischer Maskulinität gemeint. Und das darf benannt und besprochen werden. Auch auf öffentlichen Plattformen.“ Nachdenklich sammelt er den Salz- und Pfefferstreuer sowie neun Gläschen mit italienischen Kräutern vom Boden auf und stellt sie zufrieden auf das neue Regalfach.

          „Aber eigentlich geht das Problem doch viel tiefer“, meldet sich der vierte und letzte Mitbewohner zu Wort. Er hat sich links neben meinem Fensterplatz an den Herd zurückgezogen und verkabelt die Herdplatten neu. „Es stimmt auf jeden Fall, dass einige toxische Aspekte von Männlichkeit nach außen hin schädlich sind. Aber eigentlich richtet dieses Gift sich nach innen, gegen denjenigen, der es verwendet. Klar versprüht der Stuhl im ganzen Raum einen feinen Geruch nach fauligen Eiern und sieht dazu auch noch fürchterlich hässlich aus. Aber seine volle Zerstörungskraft entfaltet er erst, wenn du ihn verwendest, wenn du dich also draufsetzt!“ Alle Mitbewohner verziehen in schmerzvoller Erinnerung das Gesicht.

          „Wenn wir als Männer verletzlich, hilflos oder traurig sind oder Angst haben, wird das von unserem Umfeld als Schwäche verstanden. Als etwas, für das man sich schämen muss“, fügt er hinzu und dreht beiläufig am linken Herdschalter, worauf in der Diele das Licht an- und ausgeht. „Wir dürfen als Männer die Emotion 'Wut' nach außen kommunizieren und sonst nichts. Alles andere wird gefälligst stoisch ertragen. Das macht jeden Schicksalsschlag, jeden Konflikt, jedes Scheitern doppelt schlimm und isoliert uns dazu noch, weil wir nie emotional, ehrlich oder verletzlich sein dürfen. Das macht doch kaputt“, fügt er hinzu und schließt an: „Und mir stellt sich demzufolge die Frage, ob es überhaupt fair, menschlich und nützlich ist, einander so eine Scharade abzuverlangen.“ Immer noch in der Mitte des Raumes hält der erste Mitbewohner mit nachdenklicher Miene den morschen Stuhl umklammert. Möglich, dass sich ihm ein und dieselbe Frage auch stellt, möglich, dass seine Hände einfach am Stuhl festkleben. Ich versuche mich in einem salomonischen Urteil: „Das heißt jetzt noch lange nicht, dass du jedem Mann, Hund und Dönerspieß, den du auf der Straße triffst eine Ballade über deine tiefsten Emotionen darbieten musst. Aber du verdienst eine Gesellschaft, die dir Raum lässt, menschlich emotional offen und verletzlich zu sein, ohne dass du als verweichlicht wahrgenommen wirst“. Ich gucke in die verunsicherte Runde und ignoriere den blöden Stuhl: „Ihr alle verdient das.“

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