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Kolumne „Uni live“ : Studieren mit Siegelwachs und Schreibmaschine

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Gemeinschaftsstiftende Geistesromantik: auch der Film „Club der toten Dichter“ inspiriert die Dark-Academia-Bewegung Bild: Picture-Alliance

Auf Plattformen wie Instagram und Tiktok hat sich in der Pandemie eine Subkultur namens „Dark Academia“ gebildet. Sie romantisiert das Studieren. Doch dahinter steckt mehr als nur ein ästhetischer Trend.

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          Sie lesen bis spät in die Nacht bei Kerzenschein in Leder gebundene Klassiker der Weltliteratur und vertiefen sich leidenschaftlich in ihre Lernmaterialien. Auf ihren Schreibtischen liegen wild durcheinander handschriftlich geschriebene Briefe und Notizen zum Lehrstoff. Ihre Kleidung, bestehend aus Blusen und Blazern, Röcken und Hosen in gedeckten Farben, lässt sie wie Gelehrte einer vergangenen Zeit aussehen.

          Die jungen Menschen, die diesem Lebensstil nacheifern, sind Teil einer vergleichsweise neuen Subkultur, die vollständig digital entstanden ist: Sie trägt den Namen „Dark Academia“. Auf Plattformen wie Tiktok, Instagram und Youtube teilen Schüler und Studenten unter dem gleichnamigen Hashtag zahllose Beiträge, in denen sie ihren akademischen Alltag im Homeoffice dokumentieren und versuchen, diesen ästhetisch ansprechend ins Szene zu setzen. Zur Standard-Ausstattung eines „Dark Academian“ gehören altmodisch anmutende Utensilien wie Schreibmaschinen, Stempel und Siegelwachs für Briefe, Füller, Broschen, Hornbrillen, Tweedjacken und Cordhosen.

          Die Ursache für das Entstehen von Dark Academia als Subkultur ist leicht ausgemacht: Aus dem Hörsaal und Klassenzimmer an den eigenen Schreibtisch zuhause verbannt, kam bei vielen Schülern und Studenten – einschließlich mir – Langeweile auf, während zugleich der Wunsch größer wurde, sich mit anderen zu vernetzen. Wenn gemeinsame Kaffeepausen, Bibliotheksbesuche und Mensatreffen mit Kommilitonen wegfallen, braucht es einen Ersatz. Eine gemeinsame, sinnstiftende Beschäftigung oder eine Plattform, die Halt gibt. Zugleich gibt es dieses intrinsische Bedürfnis nach Schönheit und eigener, kreativer Entfaltung.

          Eine Milliarde Aufrufe

          Was wäre also naheliegender, als die Tätigkeiten des Lernens, Lesens und Schreibens, zu zelebrieren, indem wir ihnen besondere Aufmerksamkeit widmen, sie in Szene setzen und im Netz mit anderen teilen? Auf Social Media wird dies schon seit Beginn der Corona-Pandemie verstärkt gemacht – und mit „Dark Academia“ hat das Ganze einen eigenen Namen bekommen.

          Die Leitideen, auf die sich die Subkultur gründet, sind das Streben nach Selbstfindung, Wissensdurst und eine Leidenschaft und Neugier für das Lernen und Lesen. Sowohl in ästhetischer als auch in akademischer Hinsicht orientieren sich die Vertreterinnen daran, wie sie sich das Leben junger Intellektueller an Eilteuniversitäten im 19. und frühen 20. Jahrhundert vorstellen. Der Zuspruch, den vor allem die ästhetische Seite des Ganzen im Netz findet, wächst stetig.

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          Wirft man einen Blick auf die zahllosen Profile, die sich in den sozialen Netzwerken der Subkultur zuschreiben, ist der Eindruck überwältigend: Allein Tiktok zählt mehr als eine Milliarde Aufrufe des Hashtags #darkacademia, und auf Instagram sind bislang an die 900.000 Beiträge zu finden. Die meisten Vertreter sind zwischen 14 und 30 Jahren alt, wobei die Subkultur bis heute vorwiegend von Studenten getragen wird.

          Wilde Partys und Suchtmittel

          Täglich gibt es eine digitale Flut neuer Postings: Auf diversen Fotos liegen Tintenfässer und Federkiele auf dem studentischen Arbeitsplatz, im Hintergrund thront eine alte Schreibmaschine. Dazwischen finden sich Kurzvideos von Museumsbesuchen, Lesestunden in herrschaftlichen Bibliothekssälen und Spaziergängen vor der Kulisse altehrwürdiger Universitätsgebäude.

          Das „dunkle“ Element, das Dark Academia seinen Namen verleiht, lässt sich auf verschiedene Aspekte zurückführen: Zum einen auf die gedeckten Farbtöne der Kleidung und Materialien von Schreibtischen und Gebäuden wie Holz, Stein und Marmor, durch welche Schwarz- und Brauntöne auf den Postings dominieren – das ästhetische Gegenstück bildet „Light Academia“ mit helleren, freundlichen Farben.

          Zum anderen ist das „Dunkle“ aber auch ein Verweis auf die menschlichen Abgründe, die die Subkultur bei fiktiven Vorbildern aus bestimmten Filmen und Büchern wie Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“ oder ganz besonders Donna Tartts Roman „The Secret History“ findet, der als die Bibel von Dark Academia gilt. Das Buch erzählt die Geschichte einer Gruppe hochintelligenter Altgriechisch-Studenten an einer amerikanischen Privatuniversität, die ein luxuriöses Leben in elitären akademischen Kreisen führen und dabei einen Hang zum Extremen haben: Dazu gehört, wilde Partys zu feiern, bis in die Nacht hinein zu lernen und dabei an die eigenen körperlichen und geistigen Grenzen zu gehen, aber auch exzessiver Konsum von Suchtmitteln wie Kaffee und Alkohol, was letztlich im Roman sogar zu kriminellen Handlungen führt.

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