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Kolumne „Uni live“ : Mein Leben – ein Kaktus

  • -Aktualisiert am

Das Studium – eine stachelige Angelegenheit Bild: Leon Igel

Kürzlich hat an dieser Stelle Maike Weisenburger über das Ende des Studiums getrauert. Hier kommt ein Widerspruch: Wir brauchen eine neue Erzählung vom Studium, es ist nicht die beste aller Zeiten.

          3 Min.

          Auf meinem Schreibtisch thront in einem Terrakottatopf ein kleiner Kaktus, der ein Sinnbild für mein Studium ist. Ich will nicht kitschig sein, wohlfeile Vergleiche mit seinen Stacheln und dem saftig-grünen Fleisch unterlasse ich, es geht mir um etwas anderes. In die Erde gesetzt habe ich ihn zu Studienbeginn als Ableger von meiner Mutter, die den Ur-Kaktus schon in einem Leben besaß, als sie noch nicht Mutter war. Bei ihr blickte er früher auf ihre Jugend, jetzt auf die ersten Enkelkinder, bei mir auf Bücherstapel, Notebook und das Leben dazwischen. Weil er schon im siebten Jahr in meinem Terrakottatöpfchen wohnt, hat er so allerhand gesehen: Glücksmomente, Gedankensprünge, aber auch Verzweiflung, Tränen, die Angst vor dem großen Knall, mein Studium eben.

          Vor einigen Wochen hat meine Kollegin Maike Weisenburger in dieser Kolumne von ihrem Studium erzählt, das sie zu ihrem Kleinod erklärte. Die Studienzeit sei einmalig im Leben. Mehr Freiheit, mehr Liebe, mehr Träumerei gebe es nimmer, die Erinnerungen daran möchte sie in ihrem Herzen einkapseln, bevor es jetzt in Schussfahrt auf ins ernste Leben geht. Die Zeilen haben mich berührt, weil sie einfühlsam beschreiben, was Maike, ich und Hunderttausende junger Menschen erleben, wenn sie am Ende ihrer Ausbildung stehen. Wir schreiben unsere Abschlussarbeiten und fragen uns: „Wohin denn ich, Leben?“ Alles ist unsicher, alles ist möglich. Das alles fühlt sich ähnlich an wie nach dem Abitur, als das Leben noch nach Wodka-Orange und nicht nach Rotwein schmeckte.

          Das sind beste Melancholie-Bedingungen und tatsächlich würde mein Herz desto schwerer, je länger ich daran dächte. Dem setzte ich aber meinen Kaktus entgegen, jenen stummen Zeugen all jener Schreibtisch-Erlebnisse jenseits der adoleszenten Vergnügungshysterie, die man leicht ins Vergessen verbannt. Die Vergangenheit zu verklären, ist einfach, weil wir uns an das Negative deutlich schwerer erinnern als an die Zuckerwatten-Momente. Für das Studium kommt spezifisch hinzu, dass unsere Wahrnehmungen einem großen Narrativ folgen, das uns an jeder Ecke eingebläut wird. Ob Werbung, Zeitungen oder die Willkommensrede der Rektorin für die Erstsemester, alle sind sich einig: Das Studium ist die beste Zeit des Lebens. Nie muss man weniger tun, nie ist es leichter zu leben. Also habt gefälligst Spaß und vergesst nie, dass es außergewöhnlich gut ist. – Wirklich?

          Der Erfolgsdruck ist hoch

          Ich habe da meine Zweifel. Ich will nicht behaupten, dass unser Leben schlecht ist, im Gegenteil. Aber ob es das beste aller möglichen ist? Dafür bräuchte es doch einiges mehr als nur Party schon am Donnerstag, zum Beispiel keine Zukunftsängste, keinen Leistungsdruck oder ein Bafög, das zum Leben reicht. Studieren ist kein Zuckerschlecken, das zeigen auch die Zahlen. Der Barmer-Arztreport 2018 titelte eindrucksvoll, dass rund eine halbe Millionen Studierende psychisch krank sind, also etwa jeder sechste, Tendenz in der Corona-Krise massiv steigend. Die psychologischen Beratungsstellen der Studierendenwerke sind proppenvoll. Ein Schlaraffen-Studi-Land stelle ich mir anders vor.

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          Woher aber kommt diese Idee des unschlagbar süßen Studentenlebens? Die stammt aus einer Zeit, als Studierende noch auf der Straße demonstrieren gingen, Suhrkamp-Theoriebände aus Privatvergnügen lasen und Pullover gegen den Kapitalismus strickten. Es geistert noch die 68er-Idee unserer Elterngeneration in unseren Köpfen umher, dass das Studium eine Blaupause ist, ein letztes Aufbegehren des Menschen, bevor er spießig wird. Doch wir wurden von der Realität eingeholt, spießig sind wir schon längst.

          Bologna-Reform, Globalisierung, Neoliberalismus – Studieren heute heißt sechs Prüfungen pro Semester, möglichst viele Praktika in den Semesterferien, soziales Engagement und ein Auslandssemester. Studieren ist harte Arbeit geworden. Unser Anspruch ist es, uns bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten. Der Erfolgsdruck ist hoch, der Ehrgeiz der Studierenden umso größer. Schlimm ist das nicht, ohne Fleiß, kein Preis, sagt man. Aber zum Stricken für den Weltfrieden bleibt halt keine Zeit, als kläglicher Ausweg strahlt nur die Bio-Baumwolle bei H&M.

          Wir werden kratzborstiger

          Wenn wir immer nur betonen, wie außergewöhnlich das Studentenleben ist, versuchen wir das Studium mit einer Erzählung aus der Vergangenheit zu erklären. Es wird Zeit, das zu ändern. Wir brauchen ein neues Narrativ. Eines, das keine falschen Versprechungen macht, das nicht von gestern, sondern von heute ausgeht. Eines, das die Studienzeit in seiner aktuellen gesellschaftlichen Verortung in den Blick nimmt und nach dem Wert für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung fragt. Wie solch eine neue Leiterzählung aussehen kann, darüber müssen wir diskutieren. Ich möchte unser Bild von der Universität nicht mutwillig entzaubern, aber ich denke: Es wird höchste Zeit. Die Uni ist im 21. Jahrhundert angekommen, das muss auch die Erzählung über sie.

          Ich muss an den Kaktus auf meinem Schreibtisch denken, der mich ja tatsächlich beim Studieren, beim Lernen und Lesen beobachtet hat. Wenn er bald auf dem Tisch eines Berufstätigen steht, was sieht er dann anderes? Was ist dann unterschiedlich, außer dass der Kaktus größer ist und seine Stacheln dicker geworden sind?  Vielleicht ist es gerade das: Wir werden kratzborstiger, je länger wir uns dem Leben stellen. Das Studium erscheint so als Ort einer unverbrauchten, ursprünglichen Ganzheitlichkeit. Das sagt mehr über unsere Einstellung zum Leben aus als über das Studium. Mein Kaktus hat es verstanden. Schon sieben Jahre ist er alt und er hat noch kein einziges Mal geblüht. Das Schönste kommt eben noch. Ganz sicher!

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