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Kolumne „Uni live“ : Warum ein Studium in Österreich lohnt – und warum nicht

  • -Aktualisiert am

Sehen Studenten derzeit selten von innen: Universität Wien Bild: dpa

Studieren – das geht in Österreich auch mit schlechten Abiturnoten. Ein Grund, warum viele Deutsche über die Grenze nach Süden ziehen. Aber ein Stück weit täuscht die Illusion.

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          „Wir“ mit den deutschen Reisepässen gelten hier als Flüchtlinge. Deutsche Studierende an österreichischen Hochschulen werden hier oft „NC-Flüchtlinge“ genannt oder auch „Beitragsflüchtlinge“. Denn anders als in Deutschland zählt die Abitur- oder Maturanote in Österreich nicht für die Hochschulzulassung. Stattdessen haben wir uns durch fachspezifische Prüfungen einen Studienplatz gesichert.

          Auch die Semesterbeiträge, die in Deutschland schnell mehrere Hundert Euro ausmachen, betragen hier schöne 22 Euro. Österreich lockte viele von uns also mit dem auf die Bildung umgemünzten Amerikanischen Traum: „Bildung für alle“ oder „Wenn du willst, kannst du alles studieren“. Aber genauso, wie ein Tellerwäscher ohne Beziehungen eben nicht einfach so Millionär wird, kann sich auch nicht jeder frei in Österreich bilden.

          Universitäten sollen wirtschaftlich effizienter werden – so viel steht fest, wenn man die Beschlüsse der Österreichischen Volkspartei liest. Das bundesweite Universitätsgesetz wird seit Jahrzehnten immer wieder novelliert, das Studium immer weiter bürokratisiert. So studieren wir schon jetzt nach einem mehr oder weniger fixen Studienplan, immer auf der Jagd nach genügend ECTS-Punkten. Denn das Herausfallen aus dieser Struktur wird sanktioniert: Wer die Prüfungen nicht absolvieren kann, darf darauffolgende Module nicht belegen; wer nicht in sieben Semestern seinen Bachelor gemacht hat, muss danach knapp 400 Euro Studiengebühren zahlen.

          Mindestens 1200 Arbeitsstunden innerhalb der ersten Semester

          Laut ÖVP führen die Regelungen zu „besserer Planbarkeit“. Für uns Studierende bedeuten sie vor allem mehr Zwang und Ausschlussgefahr. So auch die aktuellste Novelle, die im vergangenen Winter auf landesweite Proteste unter dem Schlagwort „Bildung brennt“ stieß. Nach dieser Unigesetznovelle sollen nun all jene fristlos exmatrikuliert und für ihr Studium gesperrt werden, die in den ersten zwei Semestern nicht eine bestimmte Mindeststudienleistung vollbringen konnten.

          Wie hoch diese Grenze liegen soll, wurde heiß verhandelt – die Partei von Kanzler Sebastian Kurz sprach sich dafür aus, dass Studierende mindestens 1200 Arbeitsstunden innerhalb der ersten Semester in ihr Studium investieren sollten, die Studierendenproteste sprachen sich gegen eine Grenze aus. Der Kompromiss liegt nun bei 16 ECTS innerhalb von zwei Jahren – ein Arbeitsaufwand, den wirklich jeder vollbringen kann. Warum also der Stress?

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          Es geht darum, dass generell versucht wird, diejenigen aus den Universitäten zu kehren, die mehr kosten, als dass sie die Bildungsangebote nutzen. Im Falle der Scheinstudierenden, die sich nur für Bustickets und Krankenversicherung einschreiben, mag das gerechtfertigt sein. Ganz entscheidend ist aber, wo die Grenze zwischen „zu wenig für das Studium leisten“ und „genug leisten“ gesetzt wird.

          In Anbetracht dessen, dass in Österreich nur fünf Prozent der Studierenden überhaupt innerhalb der Mindeststudienzeit von meist sechs Semestern ihren Bachelor abschließen, dürften wir fast alle in die Kategorie „zu wenig“ fallen. Wir sollen also schneller studieren, das wird deutlich. Problematisch ist das insbesondere, weil wir – auch mit bestem Leistungswillen – nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben.

          Technische Probleme auf beiden Seiten

          Die meisten Studierenden können nicht nur und in erster Linie studieren. So waren in Österreich, vor der Corona-Pandemie, 65 Prozent der Studierenden erwerbstätig, im Durchschnitt arbeiteten sie 20 Stunden die Woche. Auch in Deutschland finanzieren sich rund zwei Drittel der Studierenden durch einen Neben- oder Hauptjob.

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