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Kolumne „Uni live“ : Warum ein Studium in Österreich lohnt – und warum nicht

  • -Aktualisiert am

Miete, Abendessen, ein Bier mit Freunden und die Unimaterialien – das Studienleben ist teuer und wenn unsere Eltern uns nicht durchfinanzieren können, brauchen wir „Freizeit“ zum Arbeiten. Darunter leidet wiederum das Studium. Zu den meist prekären Arbeitsverhältnissen ohne feste Arbeitszeiten kommen für viele von uns auch Sorge- und Pflegearbeit hinzu. Alleinerziehende Eltern sind zum Beispiel stark darauf angewiesen, sich ihr Studium neben anderen Verpflichtungen selbst strukturieren zu können. Das Gleiche gilt für Studierende mit Behinderungen, chronischen oder psychischen Krankheiten.

Ein Unigesetz müsste alle diese verschiedenen Wege zur universitären Bildung mitbedenken und ermöglichen. In der Pandemie sollte die Politik erst recht Sicherheiten für Studierende schaffen, finanzielle Unterstützung bieten, Corona-Semester nicht anrechnen, Studiengebühren erlassen oder die Digitalisierung fördern. Denn auch wenn wir nicht Risikogruppe sind, trifft uns der Lockdown: Auch Studierende haben ihren Job verloren, müssen ihre Kinder zu Hause betreuen und Depressionen und Angstzustände sind die kleinen Geschwister der Isolation. Viele meiner Kommilitonen werden noch Jahre lang ihre jetzt aufgenommenen Schulden abbezahlen müssen und mit ihnen in die kommenden abgezählten Semester starten.

Und bei all dem kann keine universitäre Bildung garantiert werden, die mit Prä-Corona-Zeiten vergleichbar ist. So schön es ist, dass wir auch online studieren können – durch reine Textlektüre und das bloße Verfolgen von Vorlesungsstreams kann weder das gleiche Wissen generiert werden, wie in der Präsenzuni, noch können wir uns aneinander orientieren, wenn es um die Prüfungsvorbereitungen geht. Dazu kommt, dass Dozenten und Dozentinnen wie Studierende nicht selten an technischen Problemen scheitern.

Studieren ist momentan nicht einfach

So geben ein Drittel der Studierenden Österreichs an, keinen verlässlichen Zugang zum Internet zu haben. Studieren ist momentan nicht einfach und nicht jeder kann es sich leisten. Aber statt zu helfen wird über Maßnahmen gesprochen, die den Zugang zum Studium noch mehr beschränken.

Wer an den Universitäten bleibt, gehört zu denjenigen, die es sich zeitlich und finanziell leisten können. Das bedeutet: die ein privates Sicherungsnetz haben, und in den meisten Fällen Eltern, die sich die Bildung ihrer Kinder leisten können und wollen. Und dazu zählen auch die meisten „NC-Flüchtlinge“. Schon jetzt wird Bildung in Österreich, wie in Deutschland, vererbt. Von 100 Volks- also Grundschülern aus akademischen Haushalten beginnen 67 später ein Bachelorstudium, dagegen gehen nur 22 Prozent der Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern an die Universität. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass noch höhere Ansprüche an Studierende dieses Gefälle auflösen werden.

Wen genau die Gesetzesnovelle wie hart treffen wird ist – besonders nach den vielen Abschwächungen des ursprünglich vorgestellten Gesetzestextes – schwer einzuschätzen. Aber grundsätzlich herrscht unter uns Studierenden mehrheitlich die Ansicht: Bildung lässt sich weder in strammen Studienverläufen noch in monetären Gegenrechnungen messen. Genauso wenig, wie sich Gesundheit in der geringen Bettenanzahl eines Krankenhauses äußert.

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