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Kolumne „Uni live“ : Studieren mit akuten Psychosen

  • -Aktualisiert am

Eine Nacht im Galaxiennebel war der Höhepunkt einer akuten Psychose, die Jonah Hoffman vor zweieinhalb Jahren erlitten hat (Symbolbild). Bild: AP

Ein Halbgott, kurz vor dem Explodieren: Seine Promotion hat Jonah Hoffman in eine Psychose geführt. Hier erzählt er, inwiefern sich höhere Mathematik und psychotisches Denken ähnlich sind.

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          Als auf der Straße ein Auto bremste, unterbrach sich Jonah Hoffman* mitten im Satz. Meinte das ihn? War die Bremsung eine Antwort auf das, was er gerade gesagt hatte? Er konnte sich zunächst keinen Reim darauf machen. Ein paar Tage später unterhielt Hoffman sich mit einem Kommilitonen aus dem Mathematik-Studium über eine Klausur. Je länger sie sprachen, desto deutlicher erkannte er eine verdeckte Botschaft darin. Hier ging es nicht mehr um eine unfaire Mathe-Klausur. Hoffman selbst befand sich überall und rund um die Uhr in einer einzigen großen Prüfungssituation. Eine geheime Parallelgesellschaft testete ihn, dachte er – so, wie er alles auf sich bezog, als seine Gedanken plötzlich keinen Filter mehr hatten.

          Seine feste Freundin wusste, dass er überarbeitet war. Nach einem stressigen letzten Master-Semester hatte Hoffman mit seiner Promotion in Mathematik an der Uni München begonnen. Er spürte den Druck, eine wissenschaftliche Karriere aufbauen zu müssen, und geriet gleich zu Beginn bei seiner Forschung in eine Sackgasse. Dass der Stress ihn wirr dahinreden ließ, war allerdings neu und seiner Freundin nicht mehr geheuer. Sie drückte ihm die Nummer des Psychiatrischen Krisendienstes in die Hand, bevor sie aus der gemeinsamen Wohnung flüchtete. Später in derselben Nacht stand Hoffman bei seinen Eltern auf der Matte, im „Zwischenreich von Leben und Tod“, wie er damals dachte. Die materielle Welt glaubte er verlassen zu haben. Sogar seine Sinne gaukelten ihm etwas vor: Er saß auf dem Teppich seiner Eltern, erkannte darin einen bunten Galaxiennebel und spielte mit den einzelnen Sternen. „Ich war ein Halbgott, aber ich stand auch kurz vorm Explodieren. So stelle ich mir einen miesen Drogentrip vor“, sagt er heute.

          Behandlung in Milieutherapie

          Diese Nacht im Galaxiennebel war der Höhepunkt einer akuten Psychose, die Jonah Hoffman vor zweieinhalb Jahren erlitten hat. Neben einer genetischen Veranlagung zählen große Veränderungen und Neuanfänge zu den möglichen Auslösern dieser Störung. Bis heute lässt Hoffman regelmäßig in einer Langzeittherapie überprüfen, ob er noch mit beiden Beinen in der Realität steht. Seine Antipsychotika durfte er vor Kurzem absetzen, das war nicht frei von Risiko. Sollte die Psychose eines Tages zurückkehren, könnte seine Diagnose sogar auf eine Schizophrenie lauten.

          Dabei hatte alles eigentlich mit einem guten Gefühl angefangen. In der höheren Mathematik ist es wichtig, Muster zu erkennen, assoziativ zu denken und den Geist für Eingebungen zu öffnen. Entsprechend begeistert war Hoffman, als ihm auf einmal so viele ungewöhnliche Ideen kamen. Er machte sich mehr Notizen als früher und brachte für große Fragen eine ganz neue Energie auf. Vermutlich schüttete sein Gehirn zu diesem Zeitpunkt schon mehr von dem motivierenden Botenstoff Dopamin aus, als ihm gut getan hätte.

          Nicht bloß zwischen den Zahlen, auch zwischen den Zeilen drängten sich im Alltag plötzlich versteckte Bedeutungen auf. Menschen um ihn herum schienen in Metaphern zu sprechen, wenn sie eigentlich über das Wetter redeten. Das habe ihn zwar nicht feindselig gestimmt, trotzdem sei es ihm schwer gefallen, fremde Hilfe zu akzeptieren: Selbst an der psychiatrischen Klinik, in die er eingewiesen wurde, kam ihm noch jedes Detail verdächtig vor. Die Namen des Personals klangen wie Codewörter für Menschen aus seiner Vergangenheit. Drei Monate lang konnte er sich in stationärer Behandlung davon überzeugen, dass sie in Wahrheit doch keine Doppelagenten waren.

          Nach langer Krankschreibung zurück an die Uni

          Bei der sogenannten Milieutherapie wohnen die Patienten und Betreuer in einer Lebensgemeinschaft zusammen, als wären sie eine große Familie. Sie kochen und putzen gemeinsam, dürfen frei von Stress leben, viel miteinander reden und sich auf andere Gedanken bringen. „In der Klinik musste ich erst wieder lernen, Zufälle sehen zu können“, sagt Hoffman, „ich nehme die Wirklichkeit nicht mehr für selbstverständlich, seit ich weiß, dass sie innerhalb von nur einer Woche zusammenbrechen kann.“ Als die Symptome endlich nachließen, holte er in der Psychiatrie seine Mathe-Übungsblätter von früher hervor und löste die leichteren Aufgaben. Er übte eine Realität ein, die ihm zuvor abhanden gekommen war.

          Diese alte Realität und sein Studienfach langweilten Hoffman nach seinem Klinikaufenthalt. Immerhin war für ihn die Welt schon einmal voller Magie und fundamentaler Erkenntnis gewesen. Auch ansonsten musste er die kleinen Belohnungen des Alltags erst wieder zu schätzen lernen und sich an normale Dopamin-Level in seinem Gehirn gewöhnen. Dabei halfen ihm Antidepressiva. Ab und an habe er die Psychose vermisst, gibt Hoffman zu, er spricht bis heute mit einiger Faszination über diese Phase seines Lebens: „Manches davon kann ich immer noch nachvollziehen. Ich stelle mir gerne vor, dass es irgendwo eine Zwischenwelt gibt, die meiner Phantasiewelt ähnelt.“

          Er hat sich wieder eingegliedert, ist nach langer Krankschreibung an die Uni zurückgekehrt und hat ein neues Promotionsprojekt begonnen. Stunde um Stunde konnte er sein Arbeitspensum erhöhen, Pille für Pille durfte er die Medikamente nun ausschleichen. Seither übt er mit seiner Therapeutin, wie man den Kontakt zur Wirklichkeit hält. Dazu gehört vor allem ein kritisches Denken, das rigoros genug ist, um noch die tollsten spontanen Eingebungen zu hinterfragen. Es ist eine Fähigkeit, die Hoffman in der Mathematik nur nützen wird – und eine Voraussetzung dafür, als Freigeist durchs Leben zu gehen.

          * Name geändert. Der Klarname ist der Redaktion bekannt.

          Victor Sattler (23 Jahre alt) studiert Psychologie und Soziologie an der Universität München. Echte Menschenkenntnis sammelte er aber eher als Kellner, Bartender, Nachhilfelehrer, am Theater und als Journalist.

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