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Kolumne „Uni live“ : Ein Loblied mit Einschränkungen

  • -Aktualisiert am

Schick, schicker, Leipzig: Gründerzeitbauten in der mittlerweile bei Studierenden sehr beliebten Stadt Bild: dpa

Ein Argument fürs Studium im Osten sind die günstigen Mieten. Auf den ersten Blick scheinen sie wirklich unschlagbar. Wenn man genauer hinschaut, ist die Lage aber nicht nur rosig.

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          Das erste WG-Zimmer einer meiner besten Freundinnen hat 2015 in Erfurt 80 Euro kalt gekostet. Ein Bekannter erzählte erst vor kurzem, dass knapp sieben Euro Quadratmetermiete in Magdeburg noch immer als teuer gelten. Anekdoten über Mietpreise, bei denen sich Studis in Westdeutschland verwundert die Augen reiben. Ich konnte in den vergangenen Jahren jede Menge davon sammeln.

          Studien zum Mietmarkt bestätigen die Tendenzen: Regelmäßig wird Chemnitz zu Deutschlands günstigster Studierendenstadt gekürt. Auf den Plätzen zwei bis zehn folgen dann noch auffällig viele weitere Städte aus Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg. Rostock in Mecklenburg-Vorpommern schaffte es zuletzt sogar mit einer wirklichen Kuriosität in die Rankings – die Oststeestadt war die einzige in ganz Deutschland mit sinkenden Mieten.

          Gerade für Studierende mit keinem oder einem geringen Einkommen sind niedrige Mieten ein wichtiger Pluspunkt. Auch ich habe schon profitiert: Mein erstes WG-Zimmer in Erfurt war 30 Quadratmeter groß und ich habe dafür 260 Euro warm bezahlt. Ist der Osten also das ungeschlagene Mietparadies? Nun ja...

          Wenn Vermieter den Semesterbeitrag zahlen

          Ein kleiner geschichtlicher Rückblick: Zu DDR-Zeiten wäre meine Wohnsituation in Erfurt sowohl ungewöhnlich als auch teuer gewesen. In der eigenen Wohnung oder einer Wohngemeinschaft lebten damals nämlich nur wenige Studierende  – auch weil der Staat ihnen nur selten Wohnungen zuteilen wollte. Die allermeisten Studierenden lebten damals in Wohnheimen (rund 70 Prozent) und zahlten Preise ab zehn Mark, sogar die Bettwäsche war da schon mit drin. Dafür mussten sie sich dann aber auch ein Zimmer zu zweit oder dritt teilen. Die Wohnheimplätze waren stark subventioniert, zusätzlich bekamen die meisten Studierenden noch ein staatliches Stipendium und mussten so während des Studiums nicht arbeiten. Die die Möglichkeit einen Hochschulabschluss zu erlangen, hing dadurch viel weniger vom Einkommen der Eltern ab als heute.

          Nach der Wende gab es diese Art von Unterstützung  nicht mehr: Wohnen war aber danach trotzdem erst einmal erschwinglich. Viele ostdeutsche Städte verloren sehr schnell sehr viele Einwohner, Vermieter hatten es schwer ihre (oft unsanierten) Altbauwohnungen an die Leute zu bringen. Vor rund zehn Jahren soll es in Leipzig noch vorgekommen sein, dass Vermieter potentielle Mieter mit einem kostenlosen Fahrrad anlockten oder Studierenden fürs erste Jahr den Semesterbeitrag zahlten, wenn sie eine WG neu gründeten. Etwa zur selben Zeit mauserte sich die Stadt Erfurt auch zur heimlichen Hochburg der alternativen Wohnformen – an kaum einem anderen Ort in Deutschland gibt es so viele Wohnprojekte, in denen Menschen versuchen, Zusammenleben neu zu denken.

          Von den Grundsteinen, die in der DDR gelegt wurden, ist bis heute noch immer einiges übrig. Ein deutlich höherer Anteil an Studierenden lebt in Ostdeutschland in Wohnheimen als in Westdeutschland. Viele der DDR-Wohnheime wurden nach der Wende von den Studentenwerken übernommen. Gleichzeitig wohnen in Westdeutschland mehr Studierende bei ihren Eltern. Das liegt auch daran, dass dort die regionale Hochschuldichte höher ist.

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