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Kolumne „Uni live“ : Mein Kühlschrank, mein Skript, mein Leben

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Treffpunkt Küche: Die Gemeinschaft, die mal als cool galt, ist mittlerweile von vielen Studis nicht mehr gewünscht. Bild: dpa

Die Kühlschränke im Studentenwohnheim haben jetzt abschließbare Fächer. Das ist mehr als ein neues Küchen-Konzept. Es steht sinnbildlich für den Wunsch nach Ruhe und Einzelgängertum. Die Kolumne „Uni live“.

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          In meiner alten WG im Studierendenwohnheim sieht es jetzt aus wie im Gefängnis, finden die neuen WG-Bewohner. „Immerhin lassen sich noch die Fenster öffnen“, sagt Pauline und lacht. Der Grund ist eine Renovierung der Küche. Schlösser so weit das Auge reicht. Die wenigen Küchenschränke sind alle abschließbar, ein Schrank pro Person. Übrige Ablageflächen gibt es keine. Überzeugend wird die Knast-Optik beim Öffnen des Kühlschranks. Wo normalerweise das Kühlschranklicht himmlisch strahlt, blickt man auf eine Blechwand aus nummerierten, abschließbaren Türchen. Kein Licht, nirgends. Stattdessen hat jeder Bewohner sein eigenes Abteil, klein wie eine Zelle.

          Der Raum ist funktional gehalten. Herdplatten, Spüle, Tisch und Stühle, was es für eine Küche halt braucht. „Eine Küche ist aber mehr als ein Herd”, sagt Patrick. „Ich glaube, es wird vergessen, dass wir hier leben”, ergänzt Pauline. Das Problem der WG ist ihr Gemeinschaftsleben. Abends sitzen sie gemeinsam in der Küche, sie teilen sich Geschirr und Kochutensilien. Für Gemeinschaftsdinge gab es vor der Renovierung eigene Schränke. Die fehlen jetzt. Wo die Weingläser für alle hin sollen, ist der WG ein Rätsel. „Ein Gemeinschaftsleben ist laut Planung nicht vorgesehen“, folgert Pauline.

          Patrick Sullivan vom Studierendenwerk Mannheim erklärt die Neugestaltung der Wohnheimküchen. Sie folge den Bedürfnissen der meisten Mieter. Zu viele hätten sich über zu viel Dreck beschwert, das Gemeinschaftliche würde daher reduziert. Das Problem mit Gemeinschaftsdingen ist altbekannt: Viele fühlen sich nicht zuständig für das, was allen gehört. Das Ergebnis ist Verwahrlosung. Um sein Eigentum hingegen kümmert man sich, auch bedingt durch die soziale Kontrolle der Gemeinschaft. Im Wohnheimkontext heißt das: Wer ein Drecksspatz ist, verrät sich nun selbst. Wandern im Kühlschrank die Maden, wissen Mitbewohner und Studierendenwerk genau, mit wem sie schimpfen müssen.

          Wer den anderen nicht kennt, dem ist er auch egal

          Als weiteres Problem kommt die Tendenz zur Anonymität im Wohnheim hinzu. In vielen Stockwerken leben die Bewohner aneinander vorbei. Wer den anderen nicht kennt, dem ist er auch egal. Die Ignoranz geht mitunter so weit, dass gestohlen wird. Auch deshalb gibt es die Schlösser in der Küche. Die Anonymität lässt sich zum einen strukturell erklären. WGs auf dem freien Markt machen Castings, Menschen entscheiden sich bewusst dazu, miteinander zu leben. Ein öffentliches Wohnheim vergibt seine Plätze ausschließlich nach Bedarf, das heißt nach Warteliste. Selbstverständlich versuche die Verwaltung, nach bestimmten Kriterien eine harmonische WG-Konstellation zu kreieren, aber sie könne mit den Leuten vorher nicht sprechen, erklärt Patrick Sullivan vom Studierendenwerk Mannheim. „Wir teilen die Leute zu und hoffen, dass es funktioniert“, sagt er. Oft funktioniert es nicht.

          Zum anderen reflektiert die Anonymität einen Trend an anderer Stelle. Die Bedürfnisse beim Wohnen ändern sich. Noch in den 1990ern waren große Flurgemeinschaften für die meisten Studierenden völlig in Ordnung, heute sind sie out. Auf den Trubel einer großen WG wollen viele heute lieber verzichten. Immer weniger Studierende sind dazu bereit, in bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaften aufeinander zuzugehen. Stattdessen wünschen sie sich Ruhe, Rückzug, Privatheit. Die Studentenbude wird zum safe space, zum Rückzugsort vor den Widrigkeiten der Welt.

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