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Kolumne „Uni live“ : Eine Pumper-WG auf Entzug

  • -Aktualisiert am

Das Gewicht der Welt lastet auf Pumpern in der Pandemie in mehrfacher Hinsicht. Bild: Maike Weisenburger

Sie wollen doch einfach nur schwere Dinge hochheben und wieder auf den Boden stellen. Doch dieser Tage suchen Pumper verzweifelt nach Gleichgewicht. Wir haben einige auf einen Proteinshake besucht.

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          Da die Türklingel ohnehin nicht funktioniert, klettere ich in die WG durchs anabole Fenster. Im Inneren sitzen die Mitbewohner im Stuhlkreis, die Arme gemäß dem Zeremoniell einige Zentimeter vom Körper abgespreizt. Unterdrücktes Schluchzen begleitet eine Schweigeminute für die seit letztem Jahr geschlossenen Fitnessstudios und die subsequent verlorenen Fortschritte beim Muskelaufbau, also den „Gains“. Zur Begrüßung küsse ich leise meinen Bizeps, die anderen im Raum erwidern meinen Gruß. Jeden Tag müssen wir in der Pandemie zusehen, wie ebenjener dahinschmilzt ohne das richtige Eisen, um ihn zu schmieden.

          „Wir wollen doch nur verschieden schwere Dinge mehrmals und unter Benutzung verschiedener spezifischer Muskelgruppen hochheben, um sie danach wieder auf den Boden zu stellen“, flüstert einer der Mitbewohner rührselig und abstrahiert aus Versehen bis zur Absurdität. Verständnisvolles Nicken erfüllt den Raum. Die Tasse mit tröstendem Proteinshake sieht in seiner Pranke aus, als habe er sie aus einem Puppenhaus geklaut. Ich versuche, den trauernden Hünen aufzubauen: „Deine Lats sind immer noch brachial, Brudi.“ („Deine großen Rückenmuskeln sind immer noch beeindruckend, mein Freund.“) „Danke Brudi. Ist stark, dass ihr mir zuhört, obwohl meine Probleme angesichts einer Pandemie trivial sind“, antwortet er.

          An jedem Türrahmen der Wohnung hängt eine Stange für Klimmzüge. Die Zimmer gleichen sich ebenfalls. Was braucht man zum Liften – ich meine zum Leben –, außer ein Bett, einen Schreibtisch und einen mannshohen Spiegel, um sich beim Flexen (Anspannen einzelner Muskeln) zu betrachten? Alle Möbelstücke im Gemeinschaftsraum wurden derweil in eine Position verschoben, die deren vertikale Bewegungsfreiheit maximiert, ohne ihren eigentlichen Zweck zu untergraben. Es sieht aus, als habe sich eine Gruppe hölzerner Touristen fürchterlich im Raum verlaufen. Eine Eckbank balanciert auf mehreren Stühlen und besitzt so die optimale Höhe für Dips (Barrenstütz) – oder für das entspannte Feierabend-Whey (Proteinshake nach der Arbeit).

          „Wie viel couchst du?“

          Auf den gestapelten Wälzern der Weltliteratur thront das Sofa, dessen Gewicht nunmehr zum Bankdrücken dient. Demgemäß hat sich übrigens auch ebenjene legendäre Frage verändert, welche zweifelsohne als Muckibuden-Äquivalent von fremden Hunden begriffen werden kann, die einander am Hintern schnüffeln, um zu wissen, mit wem sie es zu tun haben: „Wie viel benchst du?“ („Wie viel Gewicht schaffst du beim Bankdrücken?“) Wurde zu: „Wie viel couchst du?“ Von Zeit zu Zeit kommen Siebtklässler vorbei, um das Sofa zusätzlich zu beschweren oder für die ein oder andere quiekende Overhead Press (Schulterdrücken). Auf all den Möbeln liegt wie immer ein dünner, klebrig-süßlicher Film des feinsten Proteinpuders, Jahrgang 2021.

          Alle Umzugsvorhaben in der ohne Cardio (Ausdauertraining) erreichbaren Nachbarschaft sind dermaßen enthusiastisch von den Mitgliedern dieser WG übernommen worden, dass umliegende Wohnungen Mühe hatten, schwere Möbelstücke aus ganz Deutschland zurückzubeordern. Ganz zu schweigen von einigen Kindern, die zum falschen Zeitpunkt in ebenjenen Möbelstücken Versteck gespielt hatten und mindestens einer älteren Dame, die eigentlich nur ihr Bettzeug am Fenster ausschütteln wollte, sich aber jetzt in der grundsanierten Altbauwohnung zwei Straßen weiter doch recht wohl fühlt. Alle Marmeladen- und Gurkengläser der Umgebung sind geöffnet, alle Omas werden mitsamt den zugehörigen Rollatoren über die Straße getragen, alle ängstlichen Siebtklässler werden im Muscle Shirt (ärmelloses Oberteil) und mit beeindruckend angespannter Oberkörpermuskulatur zur Schule eskortiert. Katzen trauen sich aus Sorge um die Bäume nicht mehr in die höheren Äste.

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          Der häufigste Fehler, den die Leute im Umgang mit Pumpern machen, ist es, den Pragmatismus, den jene sich ob ihrer schieren Körperkraft leisten können, als Einfältigkeit oder Grobheit zu verkennen. Aber warum Einkaufstüten bemühen, wenn man gleich den ganzen Küchenschrank im Supermarkt einsortieren kann? Solange man ausreichend hohe Türen hat, ist das nicht geistlos, sondern eine kreative Lösung für eine schmerzhafte Problemstellung: Wir vermissen unsre Muckibude. Wir wollen doch nur schwere Dinge hochheben und wieder auf den Boden stellen. An all meine stabilen Pumper da draußen: Bleibt stark! Ihr seid nicht allein! Und was vermisst ihr beim Training zu Hause am meisten?

          Maike Weisenburger (27 Jahre alt) schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Mittelalterstudien und war im Zuge dessen entsetzt, dass das Studium danach zu Ende ist. Fordert alle Unwissenden zum Tjost auf, die ihre Begeisterung für mittelalterliche Literatur nicht verstehen.

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