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Kolumne „Uni live“ : Wie beim europäischen Adel geht es zu

  • -Aktualisiert am

Komparatistik: Keine Angst vor großen Büchern und dicken Brillen Bild: picture alliance / Zoonar

Studierende der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft beherrschen oft mehrere Fremdsprachen. Doch auch über andere Techniken müssen sie verfügen. Eine Kurzeinführung.

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          Auch in diesem Sommer fühlt sich, wie jedes Semester, eine Gruppe junger Menschen zum Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft berufen, das auch unter dem Namen Komparatistik geläufig ist. Auch ich habe diesen Weg eingeschlagen und meine Entscheidung nie bereut. Literaturwissenschaft zu studieren kann großartig sein, wenn man die Stärken des Faches erkennt und zugleich die eigenwilligen Wesenszüge der Komparatistik zum eigenen Vorteil zu nutzen weiß.

          Um im Fach anzukommen, braucht man als Studi zunächst den richtigen Habitus. Dazu gehört zum Beispiel die Überzeugung, dass das Fach gegenüber den einzelnen Philologien klare Vorzüge hat: Komparatisten switchen scheinbar mühelos zwischen den Fremdsprachen und verbinden, als wäre es nichts, die Lektüre jahrtausendealter Epen mit modernster Lyrik.

          Im inhaltlichen Fokus des Studiums aber steht die Literatur vom 18. Jahrhundert bis heute aus dem englisch-, deutsch- und französischsprachigen Raum. Das flüssige Lesen und Übersetzen von Texten aus diesen drei Sprachen ist deshalb zentraler Bestandteil des Studiums. Wie ein Wasserfall französische Sätze hervorsprudeln zu können, ist besonders nützlich, wenn man auf fachinterne Konferenzen geht. Manchmal geht es dort zu wie beim europäischen Adel im 18. Jahrhundert: Wer etwas auf sich hält, unterhält sich auf französisch.

          Mindestens drei Bücher sind immer mitzuführen

          Für Literaturwissenschaftler ist auch das äußere Erscheinungsbild von Bedeutung. Einige Utensilien führen fast alle Studis mit sich: große Brillen, abgetragene Kleidung und mindestens drei Bücher. Für jedes dieser Elemente gibt es eine praktische Erklärung: Die Brillen signalisieren, dass die Augen schon in jungen Jahren vom vielen Lesen schlecht geworden sind. Und da alles, was im Kopf stattfindet, viel wichtiger ist als Äußerlichkeiten, wird Kleidung in der Regel aufgetragen.

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          Das Mitführen von Büchern ist eine Selbstverständlichkeit, denn Literaturwissenschaftler sind im Wachzustand überwiegend lesend anzutreffen. Mindestens drei Bücher tragen sie immer bei sich: Eines ist meist die Lektüre fürs Seminar (zum Beispiel die Essays von Michel de Montaigne), eines die private Lektüre (zum Beispiel „Krieg und Frieden“) und eines ist eher per Zufall dabei (zum Beispiel die „Ars amatoria“ ein Lehrgedicht Ovids zur Liebeskunst – oder das Guinnessbuch der Rekorde).

          Damit kommen wir zum zentralen Gegenstand des Studiums: dem Lesen. Es ist nicht nur wichtig, möglichst viel zu lesen, sondern auch, die richtige Lektüre zu wählen. Die Kenntnis einschlägiger Klassiker ist unerlässlich, denn im Studium wird alles von Shakespeare und Goethe über Kafka und Flaubert bis zu Tolstoi und Austen rauf und runter diskutiert. Ansonsten stehen nach wie vor die großen Theoretiker der sechziger und siebziger Jahre hoch im Kurs, vornehmlich aus Frankreich: Sämtliche Werke von Roland Barthes, Michel Foucault und Jacques Derrida sollte man zu irgendeinem Zeitpunkt im Studium quer- oder zumindest angelesen haben, damit man nicht erschrocken nachfragt, wer gerade gestorben ist, wenn mal wieder vom Tod des Autors die Rede ist. Auch macht es sich immer gut, Sigmund Freud oder Julia Kristeva ins vergleichende Gespräch über Literatur einfließen zu lassen, dabei kann es sich lohnen, einen kleinen Zitateschatz anzulegen.

          Beim Schreiben von Essays und Hausarbeiten gibt es vor allem zwei Begriffe, auf die zu verzichten es nicht lohnt, da sie bei manchen Dozierenden wahres Entzücken hervorrufen: Sujet und Diskurs. Kenner ihres Faches sprechen von dem „Sujet eines Romans“ anstelle von seinem zentralen Thema. Und selbstverständlich ist immer irgendein Diskurs im Gange, den man beschreiben kann – Diskurs klingt nach Wissenschaft, es klingt nach Debatte und dem Bemühen um das beste Argument. Dabei muss man die Begriffe nicht übergenau definieren, die Leserschaft ist ja schließlich selbst hochgebildet. Auch die Sinnhaftigkeit des gewählten Hausarbeitsthemas wird sich ihr wie von selbst eröffnen.

          Was ist noch zu empfehlen? Wichtig im Studium der Literaturwissenschaft ist es, jene Texte und Themen zu verfolgen, die begeistern, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen und leicht ins Gespräch bringen. Es ist gut, sich anzustrengen, ohne zu verzweifeln, wenn es beispielsweise mit dem Russischlernen auch beim dritten Anlauf nicht so richtig klappen mag. Und, um mit einem Rat von Gotthold Ephraim Lessing abzuschließen: „Es ist zwar recht gut, eine Zeit lang in einer großen Bibliothek zu studieren, aber sich darin vergraben, ist eine Raserei.“

          Laura Kinzig, 25 Jahre alt, promoviert im Fach Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen über das Verstehen literarischer Texte. Sie sammelt fremdsprachige Lieblingswörter wie andere Leute Briefmarken und fragt sich, wie man die Disziplin, sechs Bücher parallel zu lesen, zum Beruf macht.

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