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Kolumne „Uni live“ : Impftouristen in der ostdeutschen Provinz

  • -Aktualisiert am

Einfach an Termine kommen

Die Unstrut und die Saale schlängeln sich dort zwischen Burgruinen und Weinbergen durch bis hin zur Kreisstadt Naumburg. All das lädt zu Radtouren und Rasten in Besenwirtschaften ein. Und für die ostdeutsche Identität besonders wichtig: In der malerischen Kleinstadt Freyburg kann man die Sektkellerei von Rotkäppchen besuchen. Eitel Sonnenschein ist aber im Burgenlandkreis anscheinend nicht alles. Jedenfalls wurde in der Stadt Zeitz bei den Landtagswahlen Anfang Juni der einzige Direktkandidat der AfD gewählt.

Für die impfhungrigen Studierenden sind diese Hintergrundinfos vielleicht weniger relevant. Was zählt ist: Man kann sich im Burgenlandkreis für eine Impfung anmelden, auch wenn man nicht dort wohnt. Warum das so ist, ist nicht ganz klar: Angeblich ist ein Programmierfehler schuld daran, dass das Anmeldesystem keine Meldeadresse prüft. Böse Zungen spotten, dass es im Burgenland schlicht nicht viele Impfwillige gebe und der Kreis auf seinem Impfstoff sitzen bliebe, würde er den Programmierfehler beheben.

Was immer genau dahintersteckt: Es ist hier vergleichsweise einfach, einen Termin zu bekommen. Schon lange bevor die Impfpriorisierung aufgehoben wurde, haben sich die ersten meiner Studienkollegen und -kolleginnen aufgemacht, um dort mit dem Einmalimpfstoff von Johnson & Johnson versorgt zu werden (besonders praktisch). Inzwischen gibt es auch regelmäßig freie Termine für alle anderen Impfstoffe, die meisten davon in den Impfzentren von Zeitz und Zorbau.

Nach Zorbau zu kommen, ist schon deutlich schwieriger

Nach Zeitz fährt die Bahn in nur 40 Minuten durch. Ein Klacks! Die Impfung gibt’s dort in einem Zelt. Laut Erfahrungsberichten gut organisiert und unauffällig. Zeitz selbst erscheine allerdings ein bisschen wie eine Geisterstadt, habe ich mir sagen lassen und das ist kein Wunder, denn dort steht rund jede vierte Wohnung leer.

Nach Zorbau zu kommen, ist schon deutlich schwieriger. Laut Google leben dort gerade mal 806 Personen. Vom nächsten Bahnhof muss man entweder mit dem Rad oder dem Bus weiterfahren. Das Impfzentrum hier befindet sich in einer Industriehalle. Das erste Grüppchen meiner Studienfreunde, das einen Impftermin in Zorbau ergattert hatte, beschloss, Zeit zu sparen und flexibel zu bleiben, in dem sie die Räder mit in die Bahn nahmen. Vom Bahnhof dann sollte Google Maps sie leiten. Das funktionierte so lange gut, bis die drei sich plötzlich mit ihren Fahrrädern in der Mitte einer Autobahn wiederfanden.

Wie das passieren konnte, ob die Aufregung vor der Impfung sie verwirrte oder ob sie einfach nicht aufpassten, kann keiner von ihnen mehr rekonstruieren. Umso besser erinnern sie sich aber, dass sie unter Todesangst mehrere Fahrstreifen überquerten, um kurz vor Erreichen des Impfzentrums noch von der Polizei angehalten zu werden. Radfahren auf der Autobahn sei lebensgefährlich und außerdem verboten – klärte die auf. Um ein Bußgeld kamen die aufgeregten Studierenden herum. Der Ausflug nach Zorbau hat sich aber trotzdem als Abenteuer in ihre Köpfe eingebrannt.

Lisa Kuner (25 Jahre alt) kommt aus dem Schwarzwald. Fürs Studium zog sie in den Osten und hat seitdem gelernt, dass es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch Unterschiede zu Westdeutschland gibt. 

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