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Kolumne „Uni live“ : Wie Selbstfindung und Studium zusammenpassen

  • -Aktualisiert am

Wohin geht’s als nächstes? Bild: dpa

Erwachsen werden, einen passenden Beruf und dabei sich selbst finden. All das erwartet man von der Studienzeit. Unsere Autorin ist kurz vor dem Ende ihres Studiums und fragt sich: Wann ist es soweit?

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          Manche Menschen wissen bereits mit zehn Jahren, was sie mit Ihrem Leben anfangen wollen. Danach richten sie ihr Leben aus. Sie wählen oder behalten die Schulfächer, die später im Studium und Beruf von Vorteil sein können; sie arbeiten auf den N.C. hin, der für den Einlass ins Medizin- oder Psychologiestudium gebraucht wird; selbst ihre Hobbies passen irgendwie zum Rest. Darauf bin ich immer noch etwas neidisch. Den klassischen roten Faden gibt es bei vielen nämlich nicht. Nicht mal mit 18 wusste ich, wohin es gehen soll. Nach dem Abi war ich so unentschlossen, dass ich erst einmal raus musste. Den Lisas und Lenas nach Australien zu folgen, erschien doch zu extrem, aber ein halbes Jahr als Au-Pair in England klang auch gut. Das muss doch reichen um sich selbst zu finden.

          Zurück in Frankfurt wartete der Ernst des Lebens: Ein Einstufungstest folgte dem nächsten. Schließlich fiel die Wahl auf Jura. Nach etwa acht Wochen war klar: das ist nichts für mich. Doch der Schritt zum Abbruch war schwierig. Sich einzugestehen, dass man die falsche Wahl getroffen hat und schon wieder planlos dasteht, ist keine Kleinigkeit. Was war nur los? Was wird die Familie sagen? In dem Alter meint man, sich jedem erklären zu müssen, was die Sache nicht einfacher macht. Glücklicherweise fand ich schnell Ersatz: English Studies, anderorts schlicht Anglistik genannt.

          Sprache und Literatur war eben schon immer mein Ding. Das obligatorische Nebenfach wurde Empirische Sprachwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf Japanisch. Wieso gerade Japanisch? Das weiß ich bis heute nicht. Meine Kenntnisse beschränkten sich auf das Vokabular, das man durch Anime und Manga erlernt. So überrascht es nicht, dass im Semester darauf auch ein Nebenfachwechsel anstand. Germanistik sollte es sein. Diesmal hielt ich kaum einen Monat durch. Ein Jahr später war ich mit American Studies endlich angekommen: Sprach- und Kulturwissenschaft, Geschichte, Soziologie, Literatur – alles war dabei. Im Studium sollte man sich schließlich nicht einschränken, sondern von allem etwas mitnehmen, um Zusammenhänge zu verstehen. Doch diese Interdisziplinarität hat auch einen Nachteil: Der Weg in einen bestimmten Beruf ist genauso wenig vorgegeben wie der Stundenplan. Man hat die Qual der Wahl. Sich selbst, seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, ist deshalb wohl ein Muss.

          Auf dem richtigen Weg

          2016 folgte ein Austauschsemester in einem College in New Jersey. Es war eine Zeit, die mich sehr geprägt hat. Neue Freunde, eine gleichzeitig ähnliche und doch fremde Kultur und eine Uni-Bib, der ein Starbucks innewohnte. Sogar der Unterricht war inspirierend. Noch nie hatte ich in so kurzer Zeit so viel Stoff gelernt. Das Semester war zwar kürzer als in Deutschland, aber fast wöchentlich standen Abgabetermine auf dem Plan. Und ich war erpicht darauf, überdurchschnittliche Leistungen zu bringen.

          Das ist wahrscheinlich der beste Beweis dafür, dass man auf der richtigen Spur ist: Wenn das Studium Spaß macht und man sich nicht permanent dazu zwingen muss. Es war in Ordnung, auch mal nein zu einer Party zu sagen. Balance is key. Im November, mitten im Semester, wurde Trump schließlich gewählt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die ganze Welt gespannt und teilweise fassungslos monatelang den amerikanischen Wahlkampf verfolgt. Ich wollte aber verstehen, wie es zu so einem Wahlausgang kommen konnte, welche Prozesse stattfanden. Zurück in Deutschland meldete ich deshalb ein Doppelstudium an: zweites Hauptfach Politikwissenschaft. Niemand war überraschter als ich. In der Schule hatte ich Politik in der Elften abgewählt. Aus der Sicht meines 16-jährigen Selbst war Politik etwas, was mein Leben sowieso nicht beeinflusste.

          War das Wirrwarr nötig?

          Heute sehe ich das so: Umwege und Abbrüche sind kein Zeichen von Versagen. Im GegenteiI: Sie zeugen von Selbstreflexion und Ambition. Nicht so weit zu sein, wie man sich das erhofft hatte, ist kein Weltuntergang. Meistens sind es ohnehin gesellschaftliche Erwartungen, die einem vorgaukeln, das Leben habe linear zu verlaufen. Es fällt schwer, sich nicht in Selbstzweifeln und Vergleichen mit Kommilitonen und Freunden zu verlieren.

          Nun sitze ich an zwei Abschlussarbeiten und kann das Ende kaum erwarten. Die Zeit von Werkstudentenjobs und schlecht- und unbezahlten Praktika ist so gut wie vorbei. Es hat lange genug gedauert, aber endlich weiß ich, was ich mit mir anfangen soll. Dumme Sprüche wie „Hast du irgendwann auch mal vor zu arbeiten?“ oder „Kann man damit auch mehr als Taxi fahren“ prallen ab. Wann man offiziell als erwachsen gilt, weiß ich nicht. Damit aufzuhören, sich anderen gegenüber zu rechtfertigen, ist aber wohl ein guter Anfang.

          War dieses Wirrwarr nötig für meine persönliche Entwicklung? Ja. Ich hätte niemals etwas studieren können, das mich eigentlich nicht interessiert, nur weil ich am Ende möglicherweise gutes Geld verdiene oder hohes Ansehen genieße. Eine Zukunft als Taxifahrerin riskiere ich gerne, auch wenn ich nicht gerne Auto fahre. Was nicht ist, kann ja noch werden.

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