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Kolumne „Uni live“ : Studieren mit einer Angststörung

  • -Aktualisiert am

Herausfordernde Situation für Menschen mit Angststörung: Ist die Herdplatte auch wirklich ausgeschaltet? Bild: Picture-Alliance

In den Dachboden oder in den Beichtstuhl eingesperrt: Moderne Dichterinnen brachten der Studentin Léa Krasniqi auch viel über ihre eigene psychische Krankheit bei – und über die Macht der Aussprache.

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          „Ich stehe unter Beschuss und doch stehe ich“, schrieb die amerikanische Dichterin Adrienne Rich. „Ich stand mein ganzes Leben lang in der / Schusslinie einer Reihe von Signalen / der getreuest übermittelten / unübersetzbarsten Sprache.“ Unübersetzbar seien die Signale, und trotzdem hat sie in ihrem Gedicht „Planetarium“ einen Versuch gewagt, ihnen Ausdruck zu verleihen. In den 1960er Jahren wurde Rich zu den Confessional Poets der Vereinigten Staaten gezählt, also zu einer losen Gruppe von Dichtern um Sylvia Plath und Anne Sexton, die in unverblümtem Stil über privateste Themen wie etwa ihre psychische Gesundheit schrieben. Für das lyrische Ich, das zwischen Autor und Publikum steht, hatten sie plötzlich keine Verwendung mehr. Manche haderten mit dem Etikett, ein „Beichtstuhl-Dichter“ zu sein. Was sollte das, in Abgrenzung zu anderer Lyrik, eigentlich heißen?

          „Beichten hat für mich einen negativen Beigeschmack“, sagt die Studentin Léa Krasniqi*, „wenn doch gar keine Sünde dabei ist.“ Sie selbst hat die Erfahrung gemacht, dass es nichts bestärkenderes gebe, als sich vor anderen ehrlich zu machen. Das weiß die 23-Jährige jetzt, nachdem sie jahrelang für sich behalten hatte, wie miserabel es ihr ging. Von außen war ihre psychische Erkrankung nicht zu erkennen, und Krasniqi wusste keinen Namen dafür. Sie hatte eine Generalisierte Angststörung entwickelt, und dazu gehörte eben auch, sich selbst ständig von der Berechtigung ihrer eigenen Ängste zu überzeugen. Auf ihrem Smartphone dokumentierten Fotos, dass ihr Herd tatsächlich ausgeschaltet war und das Haus also nicht abbrennen würde. „Aber zehn Minuten später fand mein Gehirn etwas Neues, über das es sich Sorgen machen konnte.“

          Ihre Familie und Kommilitonen ahnten nichts. Aus der Sicht Außenstehender seien akademische Leistungen oft der Maßstab für die Einschätzung des Wohlbefindens, sagt Krasniqi, das erleichtere in ihrem Fall das Verdrängen. Sie hatte als Jahrgangsbeste die Schule abgeschlossen und ein Stipendium bekommen. Nun allerdings drohte ihr Literatur- und Psychologie-Studium unter die Räder zu kommen. Immer zeitraubender wurden ihre Vorsichtsmaßnahmen gegen die Katastrophen-Szenarien, die sie sich ausmalte; für das eigentliche Studium blieb kaum Energie. Von den Szenarien trat letztlich keines ein, dafür gab es im Winter 2019 aber zum ersten Mal eine mündliche Prüfung in Englischer Literaturwissenschaft, die Krasniqi nicht bestand. Sie hatte über Shakespeares Stück „Der Sturm“ nur Fakten auswendig gelernt, sich nicht wirklich damit auseinandergesetzt, wie sie sagt. So hatte sie es oft gemacht, weil ihr die nötige Muße fehlte. 

          Das unbegründete Gefühl, etwas Tabuisiertes verheimlichen zu müssen

          Als im folgenden Frühjahr die Corona-Pandemie begann, fand sie für sich selbst eine unerwartete Verschnaufpause inmitten der globalen Katastrophe. Ihr Bachelor-Studium, das sie eigentlich so schnell wie möglich durchziehen wollte, dauerte letztlich fünf Jahre statt der geplanten drei. Sie begann eine Kognitive Verhaltenstherapie, ihre Therapeutin verschrieb ihr Antidepressiva. In den Sitzungen erlaubte sie es sich zum ersten Mal, den Blick nach innen und in die Vergangenheit zu richten, ganz so, wie es die eingangs erwähnten Dichterinnen – in Perfektion – zu tun verstanden. Krasniqi ist mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen, die beide durch eine Zerebralparese mehrfach behindert sind. Bereits in diesem Fall hatte sie das unbegründete Gefühl, etwas Tabuisiertes vor anderen verheimlichen zu müssen. Bei ihr selbst musste zum Ausgleich stets alles reibungslos laufen. „Da ist es verständlich, dass ich als Antwort darauf psychische Probleme entwickelt habe“, sagt sie mit fester Stimme – von der Atmosphäre eines Beichtstuhls ist in unserem Gespräch nichts zu spüren. „Das zu verstehen, war in meinem Heilungsprozess extrem wichtig.“

          Nur dank ihrer Diagnose, also dank dem Benennen und Aussprechen, habe sie sich von fremden Erwartungen lossagen können. Zum ersten Mal in ihrem Leben gehe es nun auch darum, was sie selbst möchte. Seitdem es ihr besser geht, konnte sie sich viel mehr auf ihr Studium einlassen. Sie forscht, schreibt selbst Gedichte und leitet das Psychologie-Magazin auf ihrem Campus. Natürlich musste sie zu der mündlichen Prüfung, in der sie durchgefallen war, ein zweites Mal antreten. Diesmal sprach sie über die Figur der Antoinette Cosway, die in Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“ in den Dachboden eingesperrt wird; außerdem über ein Sonett von Lady Mary Wroth, mit dem diese schon 1621 zu ihren psychischen Leiden stand. Für Krasniqi waren diese offenherzigen Literatinnen ein echter Beistand. Vor ein paar Tagen hat sie endlich ihr Bachelor-Zeugnis in der Post gefunden.

          Es sei nicht nötig, sich mit einem konkreten Erfahrungsbericht zu identifizieren, um die Macht des Erzählens darin zu spüren, sagt sie. Wann immer sie sich einem Kommilitonen oder einer Kommilitonin anvertraute und zum Thema „psychische Gesundheit“ äußerte, habe das die Dynamik des Gesprächs entscheidend verändert, weil es unmittelbar der ewigen Selbstvermarktung über Stipendien und Noten ein Ende bereitete. „Ich wollte unbedingt darüber reden und verstanden werden“, sagt sie, und man kann an ihrer Stimme hören, wie groß diese Anstrengung war. „Jetzt, da ich öfters die Gelegenheit zur Aussprache hatte, nimmt das Bedürfnis spürbar immer weiter ab. Jetzt ist es umgekehrt, das heißt, ich ermuntere mich selbst dazu, trotzdem noch regelmäßig darüber zu sprechen.“

          * Léa Krasniqi ist ein Pseudonym, das sich die Studentin überlegt hat. Ihr Klarname ist der Redaktion bekannt.

          Victor Sattler (23 Jahre alt) studiert Psychologie und Soziologie an der Universität München. Echte Menschenkenntnis sammelte er aber eher als Kellner, Bartender, Nachhilfelehrer, am Theater und als Journalist.

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