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Kolumne „Uni live“ : Viel Freiheit und ein Teufelchen im Ohr

  • -Aktualisiert am

Typisches Bild: Studieren allein im Zimmer am Schreibtisch Bild: Reuters

Für uns Corona-Erstis sind die Universitätsgebäude ungefähr so fremd wie das Rathaus oder das Parlamentsgebäude. Auch die Kommilitonen sind fremd geblieben. Rückblick auf einen ungewöhnlichen Studienstart.

          3 Min.

          War schon früher das Aus-dem-Fenster-Schauen ein beliebter Sport unter Studierenden, ist es das in der Online-Uni erst recht, denke ich mit Blick auf die Donau, die schmierig-grau neben mir im Tal badet. Mit jeder Minute ziehen neue Landschaften vor mein ICE-Fenster: Obstwiesen, Kiefernwälder, kleine Dörfer, trockene Felder. Viele Versuchungen, die Zeit zu vergessen und den Blick schweifen zu lassen, aber unsere Dozentin hat unsere Seminargruppe in diesem Moment in Diskussionsgruppen eingeteilt und ich höre schon das erste schüchterne „Hallo, habt ihr den Text denn gelesen?“ in meinen Kopfhörern. Ich zwinge meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm und nach zehn Sekunden Stille schalte ich mein Mikrofon an und überwinde mich zu einem: „Hey, ja, wollen wir dann mit der ersten Frage beginnen?“. Noch zehn Sekunden später antwortet mir eine unbekannte, sanft klingende Stimme: „Ja, finde ich gut.“.

          Die Szene stammt aus dem Juni 2021. Seit rund vier Monaten studierte ich da schon Soziologie in Wien. Jetzt sind Semesterferien und der Rückblick aufs Digitalsemester fällt höchst gemischt aus. Ein paar Prüfungen habe ich schon geschrieben und Hunderte von Seiten Lektüre durchgearbeitet. Ziemlich zufrieden bin ich mit dem Studium, nur eine Sache ist etwas komisch: Meine Kommilitonen kenne ich nur vom Namen auf den kleinen grauen Zoom-Kästchen und die Uni habe ich noch nie von innen gesehen.

          Die universitären Prachtbauten an der Votivkirche in Wien kenne ich vom vorbeiradeln, aber sie sind mir in etwa so fremd, wie das Rathaus oder das Parlamentsgebäude. Orte, in denen Menschen wahrscheinlich wichtige Dinge tun, die sich meiner Lebenswirklichkeit aber entziehen. Ich bin im winterlichen Lockdown nach Wien gezogen. In dieser Zeit bedeutete „Uni“ für mich: In meinem Zimmer am Schreibtisch sitzen und Texte lesen. Pro Woche kamen dann noch ein paar Videos dazu, Vorlesungsstreams, in denen die Inhalte der Texte aufgegriffen und erweitert wurden. Ob ich sie live oder einige Stunden oder Tage später und dann meist in 1,5-facher Geschwindigkeit ansah – das konnte ich selbst entscheiden.

          Was wäre denn eigentlich normal?

          Im Vergleich zur Schule ist das toll: Wir sind komplett selbst für uns verantwortlich und können uns selbst strukturieren. Aber in der Online-Uni schwinden jegliche zeitliche und räumliche Konstanten. Ohne Fixpunkte des Studierendenlebens entwickelt sich dann auch kein Alltag und wir wandeln zwischen Viel-zu-viel-für-die-Uni-machen und Gar-nichts-mehr-machen umher, ohne zu wissen, was denn jetzt eigentlich normal wäre, was denn eigentlich von uns erwartet wird.

          Die Freiheit geht einher mit einem Teufelchen im Ohr, das dir in freien Minuten zuraunt: „Du könntest eigentlich auch noch die letzte Vorlesung ansehen, wenn du gerade eh auf die U-Bahn wartest“. Richtig abzuschalten muss da gelernt sein.

          Es hilft nicht gerade, dass wir einander nicht kennen und uns nicht austauschen können. In einem der Seminare, die ich belegt habe, haben vielleicht fünf Personen einmal ihre Kamera im Videochat angemacht. Ich schätze mal, normalerweise freundet man sich mit einigen Kommilitonen an, bespricht Texte und Übungen oder hilft sich auch mal, wenn eine Abgabe ein bisschen knapp kalkuliert wurde. Ich hoffe jedenfalls, dass es in der Präsenzlehre so wird – denn studieren als Ein-Frau-Mission ist, wie man hier in Wien sagen würde: ein bisschen zach.

          Freunde werden regelrecht vermittelt

          Die wenigen anderen Soziologiestudierenden, die ich kenne, habe ich durch Freunde kennengelernt. Dabei fällt eine Sache auf: Diejenigen von uns, die erst in den letzten Semestern angefangen haben, werden von gemeinsamen Freunden mit einem „Das ist Laura, die studiert auch Soziologie und sucht da auch Freunde – schreib ihr doch mal, hier ist ihre Nummer“ regelrecht vermittelt. Alle anderen haben sich in den wenigen Präsenzsemestern schon ins Unileben eingefunden.

          Mir fällt es ziemlich schwer, mich als Studentin oder gar Soziologie-Studentin vorzustellen oder überhaupt: mich selbst so zu sehen. Wie kann ich mich so nennen, wenn ich doch gar nicht weiß, was das für eine Gruppe ist, zu der ich mich da zuordne? Wenn ich das Institutsgebäude noch nie betreten habe?

          Wenn ich meinen Eltern erzähle, wie mein Studium so ist, ist ihnen das eher fremd. Für sie bestand Studieren mindestens zur Hälfte aus sozialer Interaktion mit Kommilitonen und Dozentinnen. Und natürlich klage ich über die toxische Freiheit, die das online Studieren mit sich bringt.

          Ganze Unitage im Caféhaus

          Schlussendlich ist es aber auch eine Freiheit. Insbesondere als durch immer lockere Pandemie-Maßnahmen das restliche Leben zurückkehrte. Wie sonst hätten wir entscheiden können, die Vorlesung des Nachmittags auf den nächsten Morgen zu verschieben und stattdessen mit Freunden an die Donau baden zu fahren? Wie hätten wir ganze Unitage im Caféhaus verbringen und so viele Melangen nacheinander trinken können, wie es das Portmonee erlaubt? Wie hätten wir mitten im Semester in den Urlaub fahren können, um auf einer Terrasse mit Aussicht oder bei alten Freuden und Familie in die Vorlesungen zu schauen? Und wie wäre es sonst möglich gewesen, entspannt Nebenjob und Uni zu kombinieren?

          Das „richtige“ Studieren, das ab dem nächsten Wintersemester vielleicht wieder möglich ist, wird für uns Corona-Erstis auf jeden Fall eine weitere Umstellung. Was ich definitiv vermissen werde: Diesen einen Macho im Seminar, der immer alles besser weiß und sich in selbstverliebtem etwas unpassend gebrauchtem Fachjargon selber übertrifft, einfach mit einem Klick stumm stellen zu können.

          Pauline Evers (19 Jahre alt) ist Studienanfängerin der Soziologie an der Universität Wien. Sie arbeitet nebenbei an Filmsets, im Falafelimbiss und immer mal wieder für die F.A.Z. In Wien freut sie sich am meisten auf Seminare in Präsenz und den Fernbus nach Sarajevo.

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