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Kolumne „Uni live“ : Nicht aufgeben, Normalbegabte!

  • -Aktualisiert am

Stipendien: nur eine Sache für Überflieger? Bild: Jana Herrmann

Weiß, Überflieger im Abi und studierte Eltern: Das sind gute Voraussetzungen, um ein Stipendium zu ergattern. Aber können alle anderen auch noch darauf hoffen? Unbedingt, sagt unser Autor.

          3 Min.

          Hätte mir jemand bei der Zeugnisvergabe meines Abiturs gesagt, dass ich mal mit Stipendium studieren werde, ich hätte laut gelacht. Mein Abi war höchstens mittelmäßig, meine akademischen Ambitionen sowieso. Geld fürs Studieren, quasi geschenkt – für mich völlig undenkbar. Zugetraut hätte ich es denjenigen, die mit Auszeichnungen und einem Einser-Abi in der Tasche unserem Oberstufenkoordinator die Hand schüttelten. Denn als ich aufgerufen wurde und mit weichen Knien über die schmalen Treppen auf die Bühne lief, überreichte mir der Koordinator die Frucht von 12 Jahren Schulzeit mit einem „Joa. Daraus lässt sich bestimmt irgendwas machen.“

          Manche hätte das vielleicht angespornt. Für mich waren die Worte eher eine weitere Bestätigung meiner Mittelmäßigkeit. Ein Anlass, meinen Ehrgeiz zu begraben – zumindest, was das Studium angeht. Zwischen einem Stipendium und mir lagen Welten. Davon war ich jedenfalls fest überzeugt. Jetzt, über drei Jahre später, weiß ich es besser. Stipendien müssen nicht zwingend immer denen dienen, die sie am wenigsten brauchen.

          Überragende Noten im Abi sind häufiger geworden, aber trotzdem noch sehr selten. Und was ist mit dem Rest, mit uns Schülern des Durchschnitts? Sind wir chancenlos? Sind Stipendien auch für uns gemacht?

          Wer hat ein Stipendium überhaupt verdient?

          Wer eine Studienförderung vergeben darf und wie hoch der Betrag ist, ist festgelegt. Das Geld dafür kommt vom Bundesbildungsministerium. Wer gefördert wird, bekommt ein „Büchergeld“ von 300 Euro im Monat – unabhängig vom Einkommen der Eltern.

          Die 13 Förderungswerke haben individuelle Auswahlkriterien. Allem voran stehen sehr gute Leistungen im Abi oder Studium, ehrenamtliches Engagement und der persönliche Werdegang. Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist das größte Werk und förderte 2021 15.667 Studierende. Hinter vielen der Förderungswerke stecken parteinahe Stiftungen.

          Rund ein Prozent aller Studierenden in Deutschland erhalten ein Stipendium. An dieser Zahl will das Bildungsministerium festhalten. Auch, wenn die Zahl der Studierenden immer weiter steigt. Das Ministerium hatte sich die Stipendien 2005 noch 80,5 Millionen Euro kosten lassen. 2022 waren es stattliche 312,9 Millionen Euro.

          Sind Stipendien Spiegel der Vielfalt?

          Das Bundesbildungsministerium schreibt auf ihrer Website ganz oben: „Die Begabtenförderungswerke spiegeln die Vielfalt der deutschen Gesellschaft wider.“ Meiner Erfahrung nach ist das leider Unfug. Die meisten meiner Konstipendiaten sind weiß, kommen aus dem Westen und stammen aus einem Akademiker-Haushalt. Genauso wie ich. Eins stimmt: In Deutschland hat rund jede vierte Person einen Migrationshintergrund. Unsere Gesellschaft ist vielfältig, aus meiner Perspektive sind die meisten Förderungswerke das aber noch nicht.

          Oh Wunder! Dieses Problem ist natürlich keine Eigenart von Stipendien, sondern zieht sich durch unsere Gesellschaft. Dahinter steckt strukturelle Diskriminierung – von Menschen mit Migrationshintergrund, Armutsbetroffenen und Arbeiterkindern. Die Schuld dafür allein dem Auswahlverfahren und den Förderungswerken zuzuschieben, halte ich für daneben. Es gibt bereits einige Versuche, an dem Problem zu arbeiten.

          Das System ist nicht gescheitert

          Trotzdem: Stipendien führen nicht zwingend in elitäre Clubs für Überflieger. In den letzten Jahren scheint sich etwas verändert zu haben. Auch Menschen mit krummen Lebensläufen, einer Zwei vor dem Komma im Abi und Erstakademiker haben gute Chancen, gefördert zu werden. Auch gibt es Förderprogramme speziell für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Verantwortlichen scheinen zu verstehen, dass die üblichen Kriterien überholt sind. Soziale Herkunft wird zunehmend als wichtiger Diversitätsfaktor erkannt.

          Habt Mut, euch zu bewerben. Stipendien werden von uns allen getragen und stehen deshalb auch für uns alle offen. Junge Erstakademiker scheinen oft aufgrund von fehlendem Selbstvertrauen seltener ihre Chance auf eine Bewerbung zu nutzen.

          In den Auswahlgesprächen begutachtet jedes Förderungswerk die Bewerber ein bisschen anders. Persönlichkeit und Engagement sind wichtig. Die Kriterien für eine Aufnahme oder Absage sind ziemlich schwammig. Das kann auch eine Chance sein. Gerade weil die Kriterien nicht festgelegt sind, kann man in den Gesprächen mit einzigartigen Perspektiven und persönlichen Stärken punkten, wenn ihr im Abi nicht unbedingt zu den Besten gehört habt. In den Auswahlgremien sitzen meistens Akademiker, die den Nachwuchs von Akademikern vielleicht bevorzugen. Das wird sich erst dann ändern, wenn auch Menschen mit anderen Perspektiven in den Förderungen etwas zu sagen haben. So viele Menschen mit wichtigen Begabungen scheinen sich ein Stipendium selbst nicht zuzutrauen. Das muss sich dringend ändern.

          Netzwerk wertvoller als finanzielle Förderung

          Das System rund um Begabtenförderungen wird immer wieder als ungerecht verklärt. Und das ist es oft auch. Trotzdem bleibt es eine mögliche Anlaufstelle für all diejenigen, die ohne das Geld vor einem Studium zurückschrecken würden. Und eine wunderbare Chance für Erstakademiker, die auf das Vitamin B der Eltern verzichten müssen. Denn das Netzwerk kann manchmal viel wertvoller sein, als das ganze Geld.

          Am Ende sollte mein Oberstufenkoordinator mit seinen Worten Recht behalten. Aus meinem mittelmäßigen Abi habe ich schon mal „irgendetwas“ machen können – und ich bin glücklich damit. Ich wünschte, das hätte ich schon damals gewusst. Die Überheblichkeit anderer bremst mich nie wieder.

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