https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/uni-live/kolumne-uni-live-lieber-kalt-als-gar-nicht-18487621.html

Kolumne „Uni live“ : Lieber kalt als gar nicht!

  • -Aktualisiert am

Die Uni Mainz hat die Öffnungszeiten der Bibliothek verkürzt Bild: dpa

Ein bisschen Online-Lehre, Energiesparen und mehr Ferien, das hört sich so schlimm doch nicht an. Aber was passiert, ist ein Skandal: Wieder einmal lässt die Nation ihre Hilflosigkeit an den Studierenden aus.

          3 Min.

          In Koblenz bleibt die Heizung aus und die Studierenden werden ausgesperrt. In der Studentenstadt am Rhein tritt jetzt das ein, was Vertreter aus Politik und Hochschulen im Sommer dieses Jahres erst angekündigt und nach heftiger Kritik wieder von sich gewiesen haben: ein Energie-Lockdown. Vom 4. Dezember bis zum 8. Januar schickt die Hochschule Koblenz seine Studierenden in die Online-Vorlesung. Damit will sie jene 15 Prozent Energie sparen, welche die Hochschulen auf Landesebene dieses Jahr weniger verbrauchen sollen. Auch andere Hochschulen überlegen sich, wie sie Energie sparen können. Die Uni Mainz hat etwa die Öffnungszeiten der Bibliothek verkürzt und die Uni des Saarlandes spendiert ihren Studierenden ein paar Tage mehr Winterpause.

          Ein bisschen Online-Lehre, Energiesparen und mehr Ferien, das hört sich doch so schlimm nicht an, könnte man meinen. Aber was da passiert, ist ein Skandal. Überall leuchten die Glühbirnen und an manchen Unis gehen jetzt die Lichter aus. Wieder einmal lässt die Nation ihre Hilflosigkeit an den Studierenden aus. Und die wehren sich nicht, sondern bleiben zuhause sitzen. Dabei ist es da nicht einmal muckelig warm. All das erinnert stark an die Corona-Pandemie, als das öffentliche Leben längst wieder hochgefahren war, die Studierenden davon aber nichts hatten. In Einkaufszentren, Kneipen und Großraumbüros drängten sich die Leute, doch die Studierenden mussten weiterhin ihre Zoom-Vorlesungen zuhause absitzen. Erst dieses Frühjahr nahmen die Hochschulen den Normalbetrieb auf – und schon jetzt ist er wieder in Gefahr.

          Degradierung der Bildung wirft Rätsel auf

          Dabei ist nach zweieinhalb Jahren Pandemie hinlänglich bekannt, wie unzureichend die Online-Lehre ist. Die Universität in ihrer heutigen Form lässt sich nicht einfach ins Digitale überführen, da sind sich alle einig. An den Universitäten gibt es heute sogar gesonderte Kurse, um die Lernrückstände der Studierenden aus der Pandemie auszugleichen. Wieso begeht man nun den gleichen Fehler wieder? Man kann Gründe von Corona bis Putin anführen, ich kann mich eines Eindruckes aber nicht erwehren: Bildung verkommt zum Verhandlungsobjekt.

          Neu ist die Entwicklung nicht, sie spitzt sich nur immer weiter zu. Wie bei den abgestellten Gas-Pipelines zeigt die Energiekrise auch in der Bildung, wohin die Reise geht, wenn man die Augen für Jahrzehnte verschließt: ins Fri-Fra-Froster-Land. 1999 begann die Bologna-Reform, welche die deutschen Studiengänge international vergleichbar machte, sie zugleich aber einer neoliberalen Marktlogik unterwarf. Seitdem greift die Idee immer weiter um sich, dass die Bildung der Wirtschaft zu dienen habe. Dem Arbeitsmarkt soll sie passgenaue Absolventen möglichst schnell zur Verfügung stellen. In dieser Logik steht nicht mehr der Mensch in seinem Streben nach Bildung im Mittelpunkt, sondern dessen wirtschaftliche Verwertbarkeit.

          Auch vor den Schülern machte die Entwicklung nicht halt, als Mitte der 2000er Jahre nahezu alle Bundesländer G8 einführten. Also das Abitur in acht statt in neun Jahren, wie es zuvor üblich war. Immerhin sind viele Länder zurückgerudert und lassen ihre Schüler jetzt wieder neun Jahre lang Abitur machen. Denn die Erkenntnis des Experiments war so überraschend nicht: Ein Jahr mehr Schule schadet niemandem.

          Plötzlich in der Homeoffice-Zwangsuniversität

          Aber das ändert nichts daran, dass in vielen Köpfen wohl eine Sache hängen geblieben ist: An der Bildung könne man ruhig schrauben und sparen, so wichtig sei die ja nicht. Die jungen Leute könnten ja froh sein, dass ihnen überhaupt so viel geboten werde in dieser Republik. Das ist eine Logik, die mehr nach Industriemaloche aus dem 19. Jahrhundert klingt als nach einer Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die Degradierung der Bildung wirft Rätsel auf: Wir leben in einem Land, das kaum Bodenschätze hat, sondern stets auf kluge Köpfe blickte, die die Welt prägten. Das ist unsere Stärke. Ob die nächste große Idee von Uni-Absolventen stammt, die kaum studieren konnten, weil sie für Jahre in ihrer Bude saßen, ist eine offene Frage.

          Immerhin scheinen das manche verstanden zu haben. Meine Universität in Mannheim plant zum Glück keinen Energie-Lockdown. „Das Rektorat setzt sich entschieden für den Erhalt der Präsenzlehre ein“, heißt es von der Uni Mannheim auf Anfrage. Als Grund führt die Uni die Erfahrungen aus der Pandemie an. Psychische Erkrankungen haben bei Studierenden etwa stark zugenommen. „Der persönliche Austausch ist essenziell für ein erfolgreiches Studium“, sagt deren Sprecherin. Die Uni macht sich also stark für ihre Studierenden, und das ist richtig so! Eine vergleichsweise bequeme Ausgangslage kann man der Uni Mannheim übrigens nicht vorwerfen. Die Universität sitzt in Europas zweitgrößtem Barockschloss, da gibt es viel zu beheizen und zu beleuchten.

          Ganz nebenbei verstehe ich die Idee eines Energie-Lockdowns nicht. Wenn die Studierenden nicht an der Uni sind, sitzen sie zuhause. Ob das Licht hier oder dort brennt, macht am Ende keinen Unterschied. Und beim Thema Heizen tut man so, als wären Studierende wohlstandsverwahrloste Weichlinge, die nur im Warmen denken wollen. Welcher Irrtum: Es denkt sich auch im Kalten gut.

          Mein Freund Manhal studiert an der Hochschule Koblenz. In seiner Homeoffice-Zwangsuniversität stellt er sich auf kalte Wochen ein. Er habe wenig Geld, aber eine Gas-Heizung. Die bleibe daher aus. „Stattdessen benutze ich eine dicke Decke“, sagt er. Beklagen möchte er sich nicht, man müsse eben Energie sparen. Ich frage mich: Warum das ganze Gerede um den Lockdown? Was zuhause funktioniert, klappt auch an der Hochschule. Heizung aus und Decken raus!

          Leon Igel (26 Jahre alt) studiert an der Uni Mannheim Germanistik und BWL im Master, dabei beschäftigt er sich weniger mit Goethe, dafür umso mehr mit Christoph Schlingensief. Wenn ihm das zu bunt wird, fährt er zu seinen Eltern und hackt Holz. Oder backt Brot. Corona sei Dank kann er das jetzt auch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Deutschlands Banken sind nicht übermäßig bemüht, die höheren Zinsen der EZB an die Sparer weiterzugeben.

          Neobroker und das Tagesgeld : Das Wettrennen um die besten Zinsen

          Die Banken geben die höheren Zinsen der EZB nur sehr zögerlich an Sparer weiter. Jetzt stoßen die Neobroker in die Lücke, die eigentlich auf ETF und Sparpläne spezialisiert sind. Lohnen sich die neuen Angebote?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.