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Kolumne „Uni live“ : Die Uni im Energiesparmodus

  • -Aktualisiert am

Campus der Uni Düsseldorf - noch ist das Licht an. Bild: Valeria Schell

Krise, Krise, Krise: Eigentlich war nach Corona auf dem Campus Ruhe eingekehrt. Um Energie zu sparen, wird nun aber wieder über Einschränkungen diskutiert. Unser Autor hat damit ein Problem.

          2 Min.

          Die Frage der Verhältnismäßigkeit quält mich oft. Gerade bei Themen, bei denen ich beide Seiten verstehen kann. Ich habe sie in den letzten Jahren oft im Zusammenhang mit der Pandemie-Politik gehört. Auf der einen Seite die Infektionsgefahr, auf der anderen Seite die persönlichen Freiheiten. Die Frage der Verhältnismäßigkeit ist wieder auf dem Campus eingekehrt – diesmal aber, weil wir in einer Energiekrise stecken.

          Denn: Die ersten Unis und Hochschulen sprechen schon wieder von der möglichen Rückkehr in die Online-Lehre. Die TU Berlin rechnet, dass sich ihre Ausgaben für Heizung und Strom in diesem Jahr verdoppeln, 2023 sogar bis zu verfünffachen. Das Präsidium der Goethe-Universität Frankfurt teilte der F.A.Z. mit: „Eine Schließung der gesamten Universität für mehrere Tage oder Wochen bei andauernden Energieengpässen ist denkbar.“ Andere Bundesländer überlegen, die Weihnachtsferien zu verlängern.

          Da könnte man sich fragen, ob das verhältnismäßig ist. Müssen es wieder die Unis sein, die als erstes einknicken? Müssen es wieder die Studenten sein, die die Kosten einer Krise tragen? Was ist uns Bildung wert? In den sozialen Medien gehen die Meinungen der Studenten weit auseinander. Viele sind sehr aufgebracht und fordern das Versprechen der Bundesregierung, die Unis trotz Krise zu schützen. „Das war´s dann mit meiner Psyche“, schreibt jemand. „Wenn die Unis wieder schließen, dann breche ich mein Studium ab und wandere aus“, schreibt eine andere.

          Plagendes Gefühl der Ungewissheit

          Verwundert habe ich festgestellt: Das sehen aber nicht alle so. Einige User beschreiben, dass Online-Lehre für sie bequemer und effektiver ist, als in die Uni zu gehen. Im Interview mit einer körperlich behinderten Studentin erfahre ich, dass es auch noch andere Gründe gibt, an der Distanzlehre festzuhalten. Barrierefreiheit zum Beispiel.

          Die Bundesnetzagentur hat versprochen, dass Schulen und Hochschulen geschützte Kunden sind und auf jeden Fall mit Energie versorgt werden würden. Doch ob die Unis im Notfall wirklich geöffnet bleiben, ist unklar. Wichtig ist nur die „Deckung des lebenswichtigen Bedarfs“. Also kann auch geschützen Kundengruppen der Strom abgedreht werden.

          Gute Nachrichten für uns Düsseldorfer: Die HHU-Rektorin hat andere Pläne. Im Gespräch mit der Rheinischen Post sagte sie, dass sie an der Präsenzlehre festhalten möchte, solange es keine anderen Vorgaben gibt. Das bedeutet aber nicht, dass wir von Einschränkungen verschont bleiben. Um Energie zu sparen werden jetzt die Öffnungszeiten der Bibliothek gekürzt. In der Woche um vier Stunden, am Wochenende sogar um sieben Stunden.

          Schließungen, verkürzte Besuchszeiten, Online-Uni?

          Das ist ziemlich blöd – Randzeiten gibt es nicht umsonst. Menschen mit Kindern, Familie, einem Pflegefall oder Jobs sind dringend auf diese Zeiten angewiesen. Die Bibliothek wird ab jetzt also ziemlich voll. In den Kommentaren des HHU-Postings sind meine Kommilitonen entrüstet und enttäuscht. Mein Plan, mich in die Bibliothek zu setzen und zu lernen, damit ich zuhause nicht heizen muss, wird wohl nicht aufgehen. Wäre es nicht besser das Gebäude der Bibliothek einmal für alle zu heizen, statt jeder und jede einzeln für sich zuhause? Die HHU sagt: Die Bibliothek in Randzeiten für nur sehr wenige Besucher zu heizen wäre im Großen und Ganzen teurer.

          Das plagende Gefühl der Ungewissheit bleibt. So ein bisschen wie in meinem ersten, zweiten und dritten Semester. Was bringt die Krise? Wie entscheidet sich die Regierung? Für oder gegen uns? Und auch, wenn die Bundesregierung niemals wirklich gegen uns entscheiden würde, fühlt es sich trotzdem so an. Es fehlt das Versprechen, dass die Unis für uns geöffnet bleiben, komme was wolle. Es fehlt ein Bildungsentlastungspaket. Es fehlt an Sicherheit.

          Wir werden uns im nächsten Semester wohl mit kaltem Wasser die Hände waschen, die Flure werden weniger beleuchtet sein, die Temperatur etwas niedriger. Was soll's. So richtig doof ist aber alles, was darüber hinausgeht: Schließungen, verkürzte Besuchszeiten, Online-Uni. Wenn es wieder soweit kommt, dann fühle ich mich ganz persönlich vernachlässigt. Eine dritte Chance gibt es nicht.

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