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Kolumne „Uni live“ : Bachelor of Copy

  • -Aktualisiert am

In seiner Praxisphase kopiert und archiviert der Mitbewohner unseres Autoren alles Mögliche. Bild: Picture-Alliance

Der Aufbau des dualen Studiums sollte überdacht werden, findet unser Autor. Junge Menschen brauchen neben Geld auch Zeit und Wertschätzung, um sich zu entwickeln und sinnvoll Zukunft zu gestalten.

          3 Min.

          Wer fährt einen BMW, hat eine silberne Uhr und geht nur bei Rewe einkaufen? Ein Dual-Student! Das ist zwar ein böses Klischee, aber mein dual studierender Mitbewohner hat tatsächlich so einen Kommilitonen. Den knappen Kilometer zwischen seiner Wohnung und der Bibliothek fährt dieser aus Statusgründen mit dem Auto.

          Aber keine Angst, das soll kein Abklatsch auf die über 100.000 Dual-Studierenden in den mehr als 1500 dualen Studiengängen in Deutschland werden. Menschen sind verschieden, das ist kein Geheimnis. Mein Mitbewohner fährt Fahrrad und hält sich von teuren Sachen fern, obwohl er sich durchaus etwas leisten könnte. In der WG-Küche machen wir immer Witze darüber und verklären die Duale Hochschule zum Ort, wo Milch und Honig fließen.

          Freiraum zum Denken bleibt auf der Strecke

          Der Kern eines Witzes ist das Wissen darüber, dass es eigentlich anders ist. Selbstverständlich bekommen duale Studierende ihre Ausbildungsgehälter von bis zu 1800 Euro nicht geschenkt. Mein Mitbewohner hat zum Beispiel die größten Augenringe von uns allen, was bei etwa 25 Vorlesungsstunden pro Woche, plus Vor- und Nachbereitung, plus sechs Prüfungsleistungen pro Theoriephase kein Wunder ist. Nur samstags gönnt er sich zum Fußballgucken einen halben freien Tag. Wenn der Stoff eines Semesters in ein halbes gequetscht wird, geht das nicht anders.

          Neben der psychischen Ausgeglichenheit bleibt noch etwas anderes auf der Strecke: der Freiraum zum Denken. Wenn das Lernpensum kaum zu bewältigen ist, muss man sich damit begnügen, an der Oberfläche zu kratzen. Quantität kommt vor Qualität, das Studium wird zum Sprint. Sich in ein Thema tiefer einzuarbeiten, ist nicht möglich.

          Den eigenen Porsche fest im Blick

          Es ist aber nicht so, dass dies nicht vorgesehen wäre. Mein Mitbewohner soll in seinem dualen Ingenieursstudium durchaus auch vertiefende Hausarbeiten schreiben. Neulich hat er sein Zimmer in ein Labor verwandelt, elektrische Apparaturen aufgebaut und vor Ideen gesprudelt. Doch es währte nicht lange. Weil er chronischen Zeitmangel hat, musste er schließlich irgendwelche Ergebnisse flott in die Tastatur hauen. Das ist effizient, aber mit akademischem Arbeiten hat das kaum etwas zu tun.

          Mein Mitbewohner ist unzufrieden mit seinem Studium. Er bemängelt, dass er ein Denken „out of the Box“ gar nicht erst lerne, stattdessen werde er auf eine Karriere in festgetretenen Bahnen getrimmt. Viele Kommilitonen hätten Scheuklappen angelegt, den eigenen Porsche fest im Blick.

          Prinzipiell kann jeder das Auto fahren, das er möchte, die Voraussetzungen werden aber zum Problem, wenn man die zugrunde liegende Art der Bildung zur schönen neuen Studienwelt verklärt. Ich selbst wurde schon oft gefragt, warum ich denn kein duales Studium mache, um niemandem auf der Tasche zu liegen.

          Nur so lässt sich Fortschritt gestalten

          Die Idee eines Studiums ist doch eine Utopie, darauf sollten wir stolz sein. Man nimmt junge Menschen, steckt sie in eine Akademie, gibt ihnen Zeit und Ressourcen, damit sie lernen, was ihren Talenten entspricht, und lässt sie dabei kritisch sein. Erst wer sich im Denken entdeckt, weiß, wer er ist. An der Akademie erschafft sich die Gesellschaft von morgen, wer ihren Schutzraum verlässt, kann mit seinen frischen Ideen in die Gemeinschaft hineinwirken.

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          Wie wir unsere Hochschullandschaft gestalten, entscheidet über unsere Zukunft. Viel Geld in die Hand zu nehmen, lohnt sich. Im Investmentbereich würde man von Risikokapital sprechen: Ich investiere in viele junge Menschen, alle geben ihr Bestes und am Ende bescheren mir einige wenige eine enorme Rendite. Nur so lässt sich Fortschritt gestalten. Wenn wir den Studierenden aber Zeit und Raum zum Denken nehmen und sie auf eine einseitige Karriere trimmen, damit sie möglichst schnell und billig studieren, dann funktioniert das nicht.

          Wie man dabei an seiner eigenen Bedeutungslosigkeit werkelt, zeigt mir das Unternehmen, in dem mein Mitbewohner arbeitet. In seiner Praxisphase kopiert und archiviert er dort alles Mögliche, er kontrolliert Zahlentabellen oder schneidet Hunderte Zettel zurecht. Kaffee muss er keinen kochen, dafür gibt es ja Vollautomaten.

          Junge Leute brauchen auch Zeit und Wertschätzung

          Natürlich sind auch solche Aufgaben wichtig, aber sie haben erstens nichts mit seinem Studium zu tun, das Versprechen des dualen Studiums, Praxis und Lehre zu verbinden, erfüllt sich also nicht. Zweitens verbrennt das Unternehmen wackere Geister, wenn es junge Menschen zum Dienen erzieht.

          Mein Mitbewohner mag mit seinem Unternehmen Pech haben, aber solange es solche Fälle gibt, zeugt das von einem strukturellen Problem. Junge Menschen müssen als Ressource anerkannt werden, in die man investieren möchte, weil es sich langfristig auszahlt und nicht, weil sie kurzfristig Profit generieren. Alles andere wäre nicht fair.

          Mein Mitbewohner könnte Vollzeit studieren, aber er tut es nicht. Er will lernen und arbeiten, er will lieber heute als morgen dabei helfen, Gesellschaft zu gestalten. Dafür hat er Respekt verdient, wie so viele seiner Kommilitonen. Respekt drückt sich aber nicht in einer Ausbildung aus, die Studierende zum Bachelor of Copy befähigt, sondern in Strukturen, die junge Menschen zu Mut und Eigensinn ermutigen.

          Das duale Studium ist im Grunde eine gute Idee, aber junge Leute brauchen neben Geld auch Zeit und Wertschätzung. Das Ausschneiden von Zetteln und das Lernen in Porsche-Geschwindigkeit ist jedenfalls keine tragfähige Ausbildung. Für seinen Master möchte mein Mitbewohner an einer Vollzeit-Hochschule studieren. Das Studium dort stellt er sich wie in einer Familienkutsche vor: Es geht vorwärts, aber mit einem sicheren Tempo!

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