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Kolumne „Uni live“ : Total optimal

  • -Aktualisiert am

Sieben oder acht Stunden lernen am Tag - kein Problem, oder? Bild: Lucas Bäuml

Das letzte Jahr Jura: Mein Sozialleben ruht, mein Schlafrhythmus ist durcheinander, mein Stapel mit ungelesenen Büchern riesig, meine Laufschuhe unbenutzt. Zeit für Selbstoptimierung?

          3 Min.

          Dies ist ein Text über Selbstoptimierung. Ich schreibe ihn, während ich in einer Vorlesung sitzen sollte. Eigentlich habe ich gar keine Zeit dafür. Überhaupt habe ich keine Zeit, also gefühlt schon mal gar nicht und tatsächlich nur manchmal.

          Seit im Oktober mein Studium wieder angefangen hat, habe ich ständig das Gefühl, irgendwas zu vergessen. Meistens stimmt das auch. Eine App auf meinem Handy benachrichtigt mich sehr ausdauernd darüber, was ich in den letzten Tagen alles nicht geschafft habe. Lauter leere Kästchen neben meinen unerledigten Tasks. Wenigstens sammelt die App auch all die erledigten Aufgaben und kreuzt sie mit einem dicken schwarzen Strich durch. Ein gutes Gefühl. Beim Abhaken fühle ich mich kurz richtig produktiv. Außer natürlich, ich vergesse es.

          In meinem Jurastudium habe ich das letzte Jahr erreicht. Die heiße Phase des Lernens fürs Examen hat begonnen. Diese letzten Semester – das Repetitorium – sind bekannt dafür, ihre Absolventinnen zu lichtscheuen Karteikarten-Zombies zu machen. Bekannt dafür, die freizeitfeindlichsten des Studiums zu sein. Aber ich war lange zuversichtlich. Geradezu übermütig. Sechs, sieben Stunden am Tag lernen, das war definitiv machbar. Schon zu Schulzeiten hatte ich doch weitaus mehr Unterrichtsstunden gehabt! Also alles kein Problem, dachte ich mir, und vergaß dabei geflissentlich alle Prüfungsphasen der letzten Jahre.

          Meine Optimierungsbilanz ist unausgeglichen

          Außerdem stimmt es ja auch. Es ist durchaus machbar, das Rep. Ein Problem habe ich trotzdem. Ein Work-Life-Balance-Problem könnte ich es wohl nennen. Tue ich aber nicht, weil Menschen, die ernsthaft „Work-Life-Balance“ sagen, auch „Cold-Brew“ zu kaltem Kaffee sagen und „Communal Workspace“ zum Großraumbüro. Ich bin ja keine Start-up Gründerin aus Berlin Kreuzberg (nichts gegen Start-ups; alles gegen kalten Kaffee). Aber ich kann nicht leugnen, dass mein Sozialleben, mein Schlafrhythmus, mein Stapel mit ungelesenen Büchern, meine Laufschuhe und alle potentiell zu reinigenden Oberflächen in meiner Wohnung in den letzten Wochen auf empfindliche Art und Weise nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die ich ihnen gern widmen würde. Nur meine Netflix-Watchlist freut sich über Besuche zu Zeiten, die besser in eine erholsame Nachtruhe investiert wären. Gibt bestimmt auch eine App, die da erzieherisch tätig werden könnte.

          Aber wie versprochen: Das hier ist ein Text über Selbstoptimierung. Und mein Selbst ist momentan sub-optimiert (un-optimiert?). Meine Optimierungsbilanz ist so unausgeglichen wie meine monatlichen Ausgaben und unausgewogen wie meine derzeitige Ernährung. Vielleicht übertreibe ich auch ein bisschen, aber ich bin sicher nicht #thatgirl. Und ich denke, das werde ich so bald auch nicht.

          Es ist schon zu einem Klischee geworden, über Selbstoptimierung zu sprechen oder zu schreiben. Über den Druck und die Gefahren, die es birgt, das Beste aus sich herausholen zu wollen. Über Hungerkuren, polyphasischen Schlaf, über Self-Tracking und Dopaminfasten.

          Keine Ahnung, ob das überhaupt jemand schafft

          Das hat wohl alles mit dieser kapitalistischen Leistungsgesellschaft zu tun. Wir wissen das. Oder vielleicht ist doch Social Media schuld? Dieses ständige Sich-vergleichen, das kann ja nicht gut sein, hab‘ ich eh schon immer gesagt. Nee, nee, lieber um 5:30 Uhr aufstehen und ausgiebig meditieren, richtig schön in sich gehen und spüren, wie sich da alles löst. Aber bitte jeden Tag, sonst wird das nichts mit der Entschleunigung!

          Denn das ist das Perfide am Versprechen vom optimierten Körper und Geist. Es funktioniert, selbst wenn man schon weiß, dass es eigentlich eine Lüge ist. Ich weiß genau, dass es mich nicht glücklich machen würde, jeden Tag sieben Stunden zu lernen, zwei Stunden Sport zu treiben, danach Freunde zu treffen und zum Einschlafen noch ein bisschen in den Buddenbrooks zu schmökern. Keine Ahnung, ob das überhaupt jemand schafft, ich jedenfalls nicht. Und trotzdem wäre ich heimlich gern eine, die das entgegen aller Erwartungen doch irgendwie packt.

          Die rundum mega-fantastischsten Jahre des Lebens

          Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin. Vielmehr vermute ich, dass es große Teile meiner Generation umtreibt. Und eng verknüpft ist mit einem anderen Versprechen bzw. einer Binsenweisheit bzw. einem beliebtem Ausspruch der Elterngeneration. Nämlich: Dass die frühen Zwanziger, die Jahre des Studiums oder der Ausbildung, auf jeden Fall die absolut besten, aufregendsten, erlebnisreichsten und rundum mega-fantastischsten Jahre des Lebens sein müssen. Die Jahre der Selbstfindung, des Exzesses und der Abenteuer, in denen man ja ach so viel Zeit hat, weil man noch nicht „richtig“ arbeitet.

          Aber leider hat der Tag auch für Menschen Anfang zwanzig nur 24 Stunden. Und ich habe keine Lust nach einem Unitag, der um 8:30 Uhr beginnt und um 18:30 Uhr endet, die Buddenbrooks zu lesen. Die Zeit des Studiums kann die schönste im Leben sein. Aber Netflix schauen und Pizza essen müssen darin genauso Platz finden, wie Hegelseminare und Brokkoli.

          Lina Kujak (22 Jahre alt) studiert Jura im sechsten Semester an der HU Berlin. Beziehungsstatus zum Studienfach: „It's complicated.“ Wüsste gerne, wer 2020 mit Regenschirm und schwarzer Katze unter einer Leiter durchgelaufen ist.

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