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Kolumne „Uni live“ : Jurastudenten bleiben oft unter sich

  • -Aktualisiert am

Entscheider von morgen: angehende Juristen im Hörsaal Bild: dpa

Wir treffen in der Jura-Vorlesung meist auf Versionen unserer selbst – also Menschen, deren weiße Eltern auch Richterinnen, Ingenieure und Ärztinnen mit 1,5 Kindern und einem schönen Haus am Stadtrand sind. Muss das so sein?

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          Wir leben in einer Welt, in der das Versprechen von sozialem Aufstieg durch harte Arbeit allgegenwärtig ist. Von Kindesbeinen an hören wir: Du kannst alles werden, was du willst. Du musst dich nur anstrengen. Einerseits ist das mit Blick in die Vergangenheit heute wahrer als früher. Durch BAföG, Inklusion und gezielte Förderung sollen Unterschiede ausgeglichen werden. Und für manch einen funktioniert das tatsächlich.

          Andererseits: die „Durchlässigkeitsquote“ ist bei weitem nicht so hoch, wie das Mantra „durch harte Arbeit kommt man immer ans Ziel“ suggeriert. Will heißen: Wer aus einem Akademikerhaushalt kommt, geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an die Uni. Wessen Eltern dagegen in Ausbildungsberufen arbeiten oder gar keinen Schulabschluss haben, für den ist der Weg ins Studium noch immer steinig und beschwerlich. Und je höher der angestrebte Ausbildungsgrad, desto schwerer wird es. Von hundert nicht-Akademikerkindern fangen etwa 21 ein Studium an. Aber von diesen Hundert schafft durchschnittlich gerade mal einer die Promotion. Zum Vergleich: Von hundert Akademikerkindern beginnen im Schnitt satte 74 ein Studium, zehn von ihnen promovieren.

          Nun müssen um Gottes Willen nicht alle studieren und ein Studienabschluss ist auch nicht die Eintrittskarte zur Glückseligkeit. Aber niemand wird abstreiten wollen, dass Geld, Macht und Status in diesem und sehr vielen anderen Ländern der Welt eng mit dem Bildungsgrad verknüpft sind.

          Eliten unter sich

          Dabei ist Studium nicht gleich Studium. Bis heute gehen „klassische“ Studiengänge wie die Rechtswissenschaften Hand in Hand mit einer gewissen Reputation und mit Eliten-Denken. Und Eliten bleiben nun mal gerne unter sich. Damit meine ich nicht, dass die Wohlstandskinder, die zum großen Teil meinen Jura-Hörsaal bevölkern - und zu denen ich mich im Übrigen auch zähle - einem geheimen Untergrundnetzwerk à la Illuminati angehören. Vielmehr behaupte ich: Es gibt unter ihnen einen Großteil, der sich mindestens ein bisschen für seine Privilegierung schämt. Wir alle sind für Chancengleichheit und Fairness, aber irgendwie treffen wir in der Vorlesung dann trotzdem meist nur auf Versionen unserer selbst – also all die anderen, deren weiße Eltern auch Richterinnen, Ingenieure und Ärztinnen mit 1,5 Kindern und einem schönen Haus am Stadtrand sind.

          Woran liegt es also, dass der Einstieg und insbesondere der Aufstieg im Fach Rechtswissenschaften für weniger privilegierte Studis ohne akademischen Hintergrund so viel schwerer ist? Ich denke, ein ebenso simpler wie ernüchternder Teil der Antwort darauf lautet: Es liegt schlicht und einfach am Geld. Meiner Erfahrung nach, ist Jura ein Studium, bei dem im Vergleich mit anderen Fächern sehr wenige Leute nebenbei arbeiten. Jetzt könnte man meinen: Klar, viele haben es da halt nicht nötig. Die lassen sich lieber von Mama und Papa durchfüttern. Und das stimmt zum Teil natürlich.

          Gleichzeitig ist es aber auch ein Fach, welches sich nicht so leicht mit einer regelmäßigen Beschäftigung verbinden lässt wie andere. Insbesondere in den ersten Semestern. Denn Zeitaufwand und Schwierigkeitsgrad sind schlicht sehr hoch. Das soll keine Selbstbemitleidung sein. Aber es ist einfach so: Wir hatten im ersten Semester zwei bis dreimal so viele Wochenstunden wie Studis in anderen Fächern. Und während viele Bachelorstudierende für ihre Klausuren ein bis zwei Wochen lernen, ist die Bibliothek der Jura-Fakultät schon fünf Wochen vor Prüfungstermin gerammelt voll. Das heißt nicht, dass das Arbeiten neben dem Studium nicht möglich ist. Aber es ist eine zusätzliche Belastung in einem anspruchsvollen Studium. Und damit ein Faktor für die soziale Selektion.

          Die Sache mit dem Ansehen

          Was aus meiner Sicht ebenfalls ein wichtiger Faktor ist, der sich aber nicht so leicht messen lässt, ist die Erhaltung des „sozialen Kapitals“ von einer Generation in die nächste. Was ich damit meine ist: Kinder von Juristinnen und Juristen studieren überdurchschnittlich oft ebenfalls Jura. Oder zumindest ein Fach, mit vergleichbarer Reputation. Juristinnen und Juristen genießen traditionell ein hohes Ansehen. Und ich behaupte, für die Kinder von Eltern mit hohem gesellschaftlichem Status spielt es - egal ob bewusst oder nicht – eine Rolle bei der Studienwahl, diesen Status zu erhalten.

          Diese These ist natürlich ein bisschen unangenehm für all die aufgeklärten gutbürgerlichen Jurastudis, die sich doch oft gar nicht so richtig wohlfühlen mit diesem Label. Aber ich fürchte, tief im Herzen bewegt viele von ihnen die Angst vor sozialem Abstieg viel stärker, als sie sich das eingestehen mögen. Und so vereinen sie in sich sowohl die Scham über ihr Privileg, als auch ein überdurchschnittliches Interesse, dieses zu erhalten. Weshalb ihre Studienwahl überdurchschnittlich oft auf Jura – oder Vergleichbares – fällt.

          Gleichzeitig hat das Studium der Rechtswissenschaften in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren schon eine Entwicklung hin zu mehr Vielfalt gemacht. Während das Fach 2005 noch den zweiten Spitzenplatz im Hinblick auf soziale Undurchlässigkeit bezog, fand der Studierendensurvey von 2014 einen leichten Rückgang der „Akademisierung“ (lies: Akademikerkinderquote). Es bleibt also zu hoffen, dass sich der Klientel-Studiengang Jura weiterhin für Studis mit verschiedenen Hintergründen öffnet. Eine Entwicklung, von der die Gesellschaft als ganze profitieren könnte. Denn Juristinnen und Juristen sitzen nun mal oft am Entscheidungshebel, ob vor Gericht oder im Bundestag. Da wäre es doch schön, wenn die Entscheiderinnen und Entscheider von morgen nicht alle die gleiche Biografie hätten.

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