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Kolumne „Uni live“ : Wenn sich Studierende wie Hochstapler fühlen

  • -Aktualisiert am

Bin ich gut genug? Studentin bei einem Vortrag Bild: picture alliance / PantherMedia

Sie hegen große Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten und kämpfen mit Prokrastination und Perfektionismus: Das Hochstapler-Phänomen ist unter Studierenden keine Seltenheit. Wie gehen Betroffene damit um?

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          Als ich vor kurzem in einer Veranstaltung meiner Graduiertenschule saß, bei der andere Doktorandinnen Vorträge über ihre Dissertationsprojekte hielten, überkam es mich plötzlich: Ich gehöre hier nicht hin, dachte ich. Ich mache allen nur etwas vor. Ich bin nicht klug, diszipliniert und kreativ genug, um eine Doktorarbeit zu schreiben. Ich habe Angst, dass eines Tages alle meine Inkompetenz bemerken. Ich fühlte mich, als hätte ich mir unrechtmäßig Zugang zu einer akademischen Welt verschafft, in der ich keinen Platz verdient habe. Das, was ich in diesen Momenten erlebe, hat einen Namen: Hochstapler- oder Impostor-Phänomen. Dabei handelt es sich um ein komplexes Persönlichkeitskonstrukt. Menschen, die von diesem Phänomen betroffen sind, werden oft von Versagensängsten und großen Selbstzweifeln in Bezug auf ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten geplagt. Anstatt ihre eigenen Verdienste anzuerkennen, führen sie ihre Erfolge auf Faktoren wie Glück oder Zufall zurück, auf die sie keinen Einfluss haben.

          Ich bin lange davon ausgegangen, dass ich den Großteil meiner Praktika-, Studien- und Arbeitsplätze bislang in erster Linie bekommen habe, weil Dozenten und Arbeitgeber mich sympathisch fanden. Bei der Lektüre meiner Arbeitszeugnisse habe ich deshalb meistens nur registriert, wie meine Freundlichkeit und mein Optimismus gelobt wurden. Die Textstellen, die auf Aspekte wie Fachkompetenz, Wissen oder Verlässlichkeit verwiesen, habe ich stattdessen geflissentlich ignoriert. Dadurch habe ich Denkmuster verinnerlicht, die dafür sorgen, dass ich eine ziemlich schräge Selbstwahrnehmung entwickelt habe.

          Um die Zweifel an meinen Fähigkeiten zu kompensieren, habe ich bestimmte Mechanismen entwickelt: Ich stelle hohe Ansprüche an mich selbst und nehme mir große Ziele vor, gönne mir aber auf dem Weg dorthin nur selten richtige Pausen und habe abends oft Schwierigkeiten, den Schreibtisch zu verlassen. Wenn ich mein Arbeitspensum nicht schaffe, werde ich nervös, mache mir Vorwürfe und schlafe schlecht. Deshalb meine ich, ein gewisses Stresslevel helfe dabei, ein bestimmtes Bild aufrechtzuerhalten – für mich selbst und für andere. Ich möchte anderen suggerieren, dass ich Fortschritte mache und weiß, was ich tue – und ich möchte das selbst gern glauben.

          Das Sich-Vergleichen als typisches Phänomen

          In der Realität findet dann ein Kampf mit mir selbst statt, den ich zwischen den beiden Polen Prokrastination und Perfektionismus austrage. Ich versuche, meine selbst gesteckten Ziele zu erreichen und keine Fehler zu machen, schiebe meine Aufgaben aber sofort auf und lenke mich ab, sobald ich befürchte, dass ich sie nicht gut erfüllen kann. Alternativ setze ich alles daran, so hart wie möglich an einem Projekt zu arbeiten, bin dabei mit den Ergebnissen aber trotzdem meist unzufrieden.

          Tatsächlich stehe ich mit diesen Fragen und Problemen bei weitem nicht alleine da – das Phänomen ist, unterschiedlich stark ausgeprägt, ganz besonders im akademischen Umfeld erbreitet. Doch wie geht es anderen Studierenden an meiner Uni in Göttingen, die sich vom Hochstapler-Phänomen ebenfalls betroffen fühlen?

          Tabea*, die im Master North American Studies studiert, hat oft mit Selbstzweifeln zu kämpfen, die sie blockieren. Als sie gemeinsam mit anderen Studierenden im Rahmen eines Seminars auf eine Konferenz in eine andere Stadt eingeladen wurde, war sie zunächst sehr begeistert von dem Angebot und registrierte sich. Kurz darauf zog sie ihre Anmeldung jedoch zurück, nachdem sie gehört hatte, wie ihre Kommilitoninnen über die Konferenz redeten. Tabea begann, sich mit den anderen Studierenden zu vergleichen, bewunderte ihre Kompetenz und ihr Engagement und fühlte zugleich eine große Unsicherheit ob ihrer eigenen Fähigkeiten. Gerade das Sich-Vergleichen mit anderen ist ein typisches Phänomen, das an der Uni besonders dadurch gefördert wird, dass der Erwartungs- und Leistungsdruck in vielen Studienfächern hoch ist. Regelmäßige Tests, Klausuren und Hausarbeiten können zusätzlich Konkurrenzgefühle hervorrufen.

          Unangenehme Anerkennung

          Die Göttinger Psychologin Frauke Hoch-Lachmann erklärt, warum Vergleiche mit anderen im Studium typisch sind: „Hohe Intelligenz ist eine Voraussetzung für einen akademischen Bildungserfolg, und diese geht häufig mit einer hohen Feinsinnigkeit einher. Und solche Menschen vergleichen sich in der Regel permanent, weil sie intensiv ihre Umwelt beobachten.“

          So, wie man selbst seine Kommilitonen beobachtet, wird man selbst beäugt. Nicht nur der Blick auf die Leistung anderer, sondern auch Lob und Anerkennung, die man von Kommilitonen erhält, können das Hochstapler-Phänomen triggern. Paul*, der im Bachelor Psychologie studiert, erzählt, dass er von anderen immer wieder großes Ansehen entgegengebracht bekomme: Von jüngeren Studierenden für seinen Fortschritt im Studium, von Kommilitonen für seine guten Noten, von Bekannten aus anderen Studienfächern für die Tatsache, dass er Psychologie studiert, und auch von Dozenten, die ihn fragen, ob er nicht ein Tutorium übernehmen möchte. Die Anerkennung ist ihm vor allem dann unangenehm, wenn er das Gefühl hat, dass Andere falsche Vorstellungen von seinen Leistungen oder seinem Studiengang haben.

          Wenn Paul diesen wiederum mit denen seiner Freunde vergleicht, die zum Beispiel Fächer wie Jura und Maschinenbau studieren, kommen bei ihm Selbstzweifel und Unsicherheit auf, weil er diese Studiengänge für handfester hält. Während seine Freunde erklären können, wie bestimmte Dinge funktionieren oder Fachwissen erwerben, das ein praktisches Anwendungsgebiet mit klaren Ergebnissen hat, hat Paul es in der Psychologie mit methodischen Schwierigkeiten und Fällen zu tun, die oft keine eindeutigen Aussagen ermöglichen. Dann überkommt ihn oft das Gefühl, nichts zu wissen und nicht genug gelernt zu haben.

          Aber auch er weiß, dass er mit seinen Sorgen nicht allein ist, und er hat einen Weg gefunden, mit dem Hochstapler-Phänomen umzugehen: „Es hilft, mit anderen Studenten in meinem Studiengang darüber zu reden, denn es geht in meinem Fach einigen so. Außerdem hilft es, sich vor Augen zu führen, dass man sich schon durch das Studium weiterentwickelt hat und Dinge differenzierter betrachtet beziehungsweise zum Teil mit einem anderen Blick durch Welt geht“, erzählt er.

          Auch Tabea hat sich nach der Absage ihrer Teilnahme an der Konferenz ein Herz gefasst und einen Gesprächstermin mit ihrem Dozenten vereinbart, um offen und ehrlich über ihre Sorgen und Zweifel zu reden. Keiner spricht im Studium gerne die eigenen Selbstzweifel und Versagensängste an. Aber sich anderen anzuvertrauen, kann ein guter Weg sein, um sich Rat und emotionale Unterstützung zu holen. Und wenn die psychische Belastung für Einzelne dennoch zu groß wird, gibt es die Möglichkeit, ein Coaching oder eine Psychotherapie zu machen. Doch vielleicht sollten wir erstmal mehr und ehrlicher miteinander reden.

          *Namen auf Wunsch der Studierenden geändert

          Laura Kinzig, 25 Jahre alt, promoviert im Fach Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen über das Verstehen literarischer Texte. Sie sammelt fremdsprachige Lieblingswörter wie andere Leute Briefmarken und fragt sich, wie man die Disziplin, sechs Bücher parallel zu lesen, zum Beruf macht.

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