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Kolumne „Uni live“ : Wer hat Angst vor der Keller-WG?

  • -Aktualisiert am

Viel Platz ist in Keller-WGs ja – wenn auch nicht immer in der Höhe. Bild: Picture-Alliance

Vom Hochhaus bis zum Wohnwagen haben Studierende sämtliche Wohnformen perfektioniert. Die Keller-WG verlangt dabei besonders hartgesottene Bewohner. Eine Ortsbegehung in gebückter Haltung.

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          Da die Türklingel ohnehin nicht funktioniert und ich vergessen habe, wo das neue Versteck für den Gästeschlüssel ist, steige ich durchs offene Kellerfenster. Wärme rötet mir die Wangen, in einem Raum, der ausschließlich durch einige elaborierte Gaming-Set-ups beleuchtet und beheizt wird. Eigentlich ist das Fenster offen, damit der Pizzabote seine Opfergaben bequem durchs Fenster darreichen kann. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass die Bewohner hier tagsüber lauern, um den wartenden Leuten an der Bushaltestelle heimlich die Schnürsenkel zusammenzubinden.

          Ich stehe im Locus amoenus eines jeden Zockers. Statt eines Baums gibt es hier einen Kaktus am Fenster, den ich beim Einsteigen abgeräumt habe. Statt eines Bächleins plätschert die Wasserkühlung des PCs und statt eines Vögleins zwitschert russischer Hard Base dezent aus den röchelnden Boxen. „War wieder stachlig draußen?“, begrüßt mich der erste Bewohner, während ich versuche, die Kaktusstacheln aus meinem Bein zu entfernen. Er stellt die Pflanze zurück in ein winziges Viereck mit hereinfallendem Tageslicht und weicht rasch zurück in den vertrauten Schein der Leuchtdioden. „Nicht, dass du dir eine Überdosis Vitamin D holst“, werfe ich ihm zu. „Dem Teufelszeug hab ich abgeschworen“, sagt er. Ich hinke in geduckter Haltung ins nächste Zimmer, schon zu oft hat meine Stirn die niedrigen Türrahmen dieser unterirdischen Hallen geküsst.

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          Ein gusseiserner Schraubstock ruht schweigsam in der Mitte des nächsten Raums, dessen Boden aus irgendeinem Grund mit Kunstrasen ausgelegt ist. Wohl ein beherzter Versuch, die Natur der Welt da oben in das Dunkel des Kellers zu transplantieren. Ein Akt der Sehnsucht vielleicht. Wo der Ausstattung nach ein fußballbegeisterter Hephaistos zu Hause sein müsste, verweilt aber nur eine handtellergroße Kellerspinne an der Wand. Die Tür hinter mir geht auf, der zweite Bewohner erscheint. „Was baust du da schon wieder?“, frage ich ihn zur Begrüßung und deute auf diverse Seile, Eisenstangen und Werkzeuge. „Flaschenzug“, antwortet er. „Wofür?“ „Für mehr Werkzeuge.“ Eine Pause entsteht. „Du kommst grade richtig“, meint er und läuft mit eingezogenem Kopf an mir vorbei. Nach einigem Suchen hält er mir eine Flasche mit einer goldenen Flüssigkeit unter die Nase. Darin liegt eine Kreatur, die bis gestern noch neben der riesigen Spinne an der Wand gehängt haben könnte. In der Umgebung dieses Kellers fallen recht oft seltene Alkoholika vom Laster. „Wir haben auch noch Wurmwasser mit Lagerfeuergeschmack“, schlägt er auf dem Weg in die Küche vor. Aber ich begnüge mich mit einem Schluck von der goldenen Kakerlakenbrühe. Mit geduckter Haltung und verzogenem Gesicht hinke ich in die Küche.

          Das Foucaultsche Pendel?
          Das Foucaultsche Pendel? : Bild: privat

          Als die Tür aufschwingt, sorgt meine Körperhaltung für Amüsement. „Du läufst wie ein Goblin“, schlägt es mir entgegen, während in meine Nase der halb verflogene Geruch eines herzhaften Abendessens steigt, das ich verpasst habe. Erfahren klopfe ich zur Begrüßung an ein eisernes Rohr an der Wand, damit auch die Leute in der Wohnung darüber wissen, dass ich da bin. Über dem Tisch in der Mitte des Raumes hängt ein kegelförmiges Pendel aus Blei, damit niemand vergisst, wo unten ist. „Ach, die feine Dame!“, werde ich vom Kopfende des Tisches begrüßt. Der dritte Bewohner sitzt im Trainingsanzug und mit Goldkette am Tisch und spinnt das Seemannsgarn besser als jeder Seemann. Gestern, so erzählt er mir, habe man sich im Kreise der Anwesenden dazu entschlossen, die WG zu einem Fischrestaurant umzufunktionieren. Die Nächte vergehen im Keller wie im Flug, bis sich die Morgensonne durchs Kellerfenster bückt. Ich wünsche jedem Studenten dieser Welt eine ähnliche Keller-WG, die Geschichten werden ihm nicht ausgehen.

          Maike Weisenburger (27 Jahre alt) schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Mittelalterstudien und war im Zuge dessen entsetzt, dass das Studium danach zu Ende ist (?). Fordert alle Unwissenden zum Tjost auf, die ihre Begeisterung für mittelalterliche Literatur nicht verstehen.

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